Immer Hertha

Klinsmanns Pamphlet: Ein respektloser Rundumschlag

Klinsmanns Abrechnung lässt jeden Respekt vermissen. Dabei muss gerade der Sport jetzt ein Vorbild sein, meint Alexandra Gross.

Alexandra Gross über die Abrechnung Jürgen Klinsmanns mit seinem Ex-Arbeitgeber Hertha BSC.

Alexandra Gross über die Abrechnung Jürgen Klinsmanns mit seinem Ex-Arbeitgeber Hertha BSC.

Foto: dpa/Sergej Glanze

Berlin. Er ist längst Geschichte, hat keinen Vertrag mehr bei Hertha BSC und auch kein Mandat im Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten. Bye Bye Klinsmann, trauriges Ende keiner Ära. Gerade einmal 76 Tage hatte der 55-Jährige in Berlin ausgehalten, sein überraschender Rückzug als Cheftrainer war ein Abschied ohne Anstand. Viele Vorwürfe, keine Selbstkritik. Doch wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt schon der nächste Klinsmann daher.

Seine gnadenlose Abrechnung am Mittwoch via „Sportbild“ sucht im deutschen Fußball ihresgleichen, die Wucht seiner Worte ist enorm, die Erschütterung groß. In einer Art Tagebuch protokolliert der frühere Bundestrainer seine Zeit als Chefcoach beim Hauptstadtklub, benennt aus seiner Sicht die Fehler und Schwächen der Berliner. Klinsmann kritisiert den Kader („Kalou zu alt und satt, kein Mehrwert“), er attackiert Manager Michael Preetz („Jahrelange katastrophale Versäumnisse“) sowie die Abteilungen für Medizin und Medien und fordert den sofortigen Austausch der Geschäftsführung. Im Verein herrsche eine „Lügenkultur“.

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Hallo, geht’s noch? In der Sache darf man sich bei Hertha BSC gern kontrovers auseinandersetzen, aber doch nicht auf solch einer Ebene. Selbst die Bewunderer des früheren Welt- und Europameisters dürften sich ob des respektlosen Rundumschlags, der von menschlicher Kleinkariertheit zeugt, die Augen reiben. Kommen diese „widerlichen und unverschämten“ Angriffe (Manager Preetz) tatsächlich vom Strahlemann aus Florida? Dem dauerlächelnden „Klinsi“, der uns Deutschen das Sommermärchen 2006 gebracht hat?

Ja, und für so manchen Kenner der Szene ist das nicht überraschend, hat Klinsmann doch bei einigen Stationen als Profi (Tottenham) und Trainer (FC Bayern, US-Nationalmannschaft) verbrannte Erde hinterlassen. Mit seiner völlig überzogenen und verzerrten Abrechnung hat er auch noch den letzten Kredit verspielt. Für einen neuen Trainerjob mag sich der Schwabe wohl kaum empfohlen haben. Wer will schon jemanden in verantwortungsvoller Funktion um sich, der so mit seinem früheren Arbeitgeber abrechnet und dabei nicht einen einzigen eigenen Fehler zugibt. Man kommt nach dem Durcharbeiten des Klinsmannschen Pamphlets fast zu der Annahme, dass sich der Wahl-Kalifornier in einer Art Parallelwelt bewegt. Nicht umsonst rieben sich viele Fans vor Wochen die Augen, als er mit Hertha schon Titelszenarien in der Meisterschaft entwarf und große Ziele in der Champions League ausrief. Dabei kämpfen die Berliner aktuell um den Verbleib in der höchsten deutschen Spielklasse.

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Klar, der Profifußball ist kein Ponyhof. Und gerade im Sport darf es auch mal ein bisschen zünftiger zugehen. Uli Hoeneß („Wenn Klinsmann Obama ist, bin ich Mutter Teresa“), Oliver Kahn („Wir brauchen Eier“), Mario Basler („50 Prozent der Spieler hassen mich“) – verbal alle keine Kinder von Traurigkeit. Aber doch zumeist im Rahmen. Oder eben mal taktisches Gebell vor einem wichtigen Spiel.

Niveau ist keine Creme und Stil nicht das Ende eines Besens. Gerade in einer Zeit, in der Hassparolen im Internet zur Massenware werden, Politiker sich mit Todesdrohungen konfrontiert sehen und das generelle Miteinander im öffentlichen Raum eine wie mich fassungslos aus dem U-Bahnhof spült, sind vor allem die Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit gefragt. Der Sport nimmt dabei eine wichtige Vorbild-Funktion ein, die er zuletzt bei den vermehrten rassistischen Übergriffen auf Spieler wie auch den Hertha-Profi Jordan Torunarigha auf Schalke wahrgenommen hat. Dazu gehört auch der Umgang miteinander. Grundlage dafür ist Respekt, und den hat Klinsmann in seiner Abrechnung vermissen lassen.

Jetzt muss Hertha das Kapitel Klinsmann trotz der aktuellen Betroffenheit rasch verarbeiten und noch vor dem wichtigen Spiel um den Klassenerhalt am Freitagabend bei Fortuna Düsseldorf abschütteln.

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