Kommentar

Das ist ganz schlechter Stil, Herr Klinsmann!

Die brutale Abrechnung von Jürgen Klinsmann mit Hertha BSC lässt jeglichen Anstand vermissen, meint Alexandra Gross.

Ex-Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann rechnet mit dem Berliner Klub ab. Kein guter Stil, findet Alexandra Gross.

Ex-Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann rechnet mit dem Berliner Klub ab. Kein guter Stil, findet Alexandra Gross.

Berlin. Die gnadenlose Abrechnung von Jürgen Klinsmann mit Hertha BSC ist beispiellos im deutschen Fußball, die Wucht seiner Worte enorm. In einer Art Tagebuch protokolliert der frühere Fußball-Bundestrainer seine Zeit als Chefcoach beim Hauptstadtklub und benennt aus seiner Sicht die Fehler und Schwächen der Berliner.

Zur Erinnerung: Klinsmann übernahm im November die vom Abstieg bedrohte Mannschaft, stabilisierte sie durchaus, kaufte im Winter für knapp 80 Millionen neue Spieler ein, warf dann aber nach nur 76 Tagen wieder hin, weil er im Verein zu wenig Vertrauen spürte und nicht die Macht erhielt, die er für sich reklamiert hatte.

Klinsmann wirft Hertha eine „Lügenkultur“ vor

Jetzt kritisiert Klinsmann den Kader der Berliner („Kalou zu alt und zu satt, kein Mehrwert“), attackiert die sportliche Leitung und dabei insbesondere Manager Michael Preetz („Jahrelange katastrophale Versäumnisse“) und fordert den sofortigen Austausch der Geschäftsführung. Und sagt, im Verein herrsche eine „Lügenkultur“.

Zwar heißt es aus Klinsmanns Umfeld, dass es sich um ein internes Papier handele, das offenbar geleakt worden sein soll. Aber wie durch ein Wunder erscheint es dann druckfrisch in der „Sportbild“. Da glaubt wohl keiner wirklich mehr an einen Zufall.

Klinsmanns Abrechnung ist ganz harter Tobak. Und ganz schlechter Stil eines erwachsenen Menschen, der sich selbst als polyglotter Weltbürger im Fußball sieht. Der 55-Jährige hat einen verschobenen Blick auf die Realität und verbreitet nachweislich Unwahrheiten. Schon sein plötzlicher Rückzug vor gut zwei Wochen wurde als Abgang ohne Anstand beurteilt und stieß auf wenig Verständnis.

Als Profi und Trainer hinterließ Klinsmann viel verbrannte Erde

Klinsmann, der bei seinen Stationen als Profi (Tottenham) und Trainer (FC Bayern, US-Nationalmannschaft) oft verbrannte Erde hinterließ, verspielt jetzt mit seiner völlig überzogenen und verzerrten Abrechnung auch noch den letzten Kredit, den er sich vor allem durch das Sommermärchen 2006 erworben hatte.

Es ist kaum vorstellbar, dass er im europäischen Fußball noch einmal ein Engagement angeboten bekommt. Denn nach der Abrechnung ist klar: Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist mit Jürgen Klinsmann nicht möglich. Hertha BSC wies die Vorwürfe und Behauptungen am Mittwochmittag vehement zurück. Und gab bekannt, man wolle die Personalie Klinsmann „zu einem würdigen Ende bringen“. Das nennt man stilvoll.