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Schlammschlacht bei Hertha: Klinsmann rechnet ab

Jürgen Klinsmann tritt gegen Hertha BSC nach – intern herrscht vor dem wichtigen Spiel in Düsseldorf Aufregung.

Ex-Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann sorgt mit einem internen Papier erneut für Wirbel.

Ex-Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann sorgt mit einem internen Papier erneut für Wirbel.

Foto: Soeren Stache / dpa

Berlin. Einen inoffiziellen Rekord dürfte Jürgen Klinsmann (55) inzwischen sicher haben. Wohl kein Trainer in der Geschichte der Fußball-Bundesliga war derart lange nach seinem Ausscheiden noch Gesprächsthema beim ehemaligen Arbeitgeber. Die „Sportbild“ hatte am Mittwoch ein Protokoll veröffentlicht, das im Original 22 Seiten umfasst. Darin aufgelistet sind in tagebuchartiger Form Beobachtungen und Einschätzungen aus Klinsmanns Sicht, was sein Wirken bei Hertha BSC betrifft.

Die Kritik, die der ehemalige Bundestrainer an Mitarbeitern und der Geschäftsführung vornimmt, ist schonungslos und in dieser Deutlichkeit auch nicht alltäglich. Vor allem Manager Michael Preetz ist Ziel der Vorwürfe. Am Ende kommt Klinsmann zu dem Schluss, eine Weiterentwicklung von Hertha BSC sei nur möglich, wenn die Geschäftsführung komplett ausgetauscht werden würde.

Klinsmann sieht „fehlendes Bundesliga-Niveau“ bei Hertha

Preetz versuchte, so gut er konnte, gefasst zu reagieren auf die erneute Attacke des Mannes, der einst sein Wunschkandidat für die Position des Trainers gewesen ist. „Mit großer Betroffenheit haben wir das zur Kenntnis genommen. Ich halte das aus, ich bin stabil, aber die gleichermaßen schäbigen wie widerlichen Angriffe auf unsere Mitarbeiter der Medienabteilung und der medizinischen Abteilung weise ich aufs Schärfste zurück“, sagte Preetz. Beiden Abteilungen hatte Klinsmann fehlendes „Bundesliga-Niveau“ vorgeworfen.

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Allgemein ist das von Klinsmann gezeichnete Bild über das Innenleben beim Berliner Bundesligisten düster. „Lügenkultur“, persönliche Eitelkeiten und Inkompetenz will er während seiner 76 Tage dauernden Amtszeit ausgemacht haben. „Unstrittig ist, dass er mit solchen Aktionen dem Verein schadet“, sagt Preetz. Man behalte sich rechtliche Schritte vor.

Schwierige Situation vor Herthas wichtigem Spiel in Düsseldorf

Vor dem wichtigen Spiel am Freitagabend bei Fortuna Düsseldorf (20.30 Uhr, DAZN) kommt Hertha nicht zur Ruhe, die Außenwirkung ist fatal. Statt sportlich von sich reden zu machen, transportieren die Berliner das Image des Chaosklubs in die Republik. Dabei würde der Verein im Abstiegskampf bei nur noch sechs Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz gerade dringend eines benötigen: Ruhe.

Trainer Alexander Nouri gab sich größte Mühe, möglichst nicht zwischen die verbalen Gefechtszonen zu geraten. „Ich habe von all dem nichts gewusst und war genauso überrascht wie alle anderen auch“, sagte er. Nouri war von Klinsmann in den Trainerstab geholt worden, in den Aufzeichnungen kommt er als dessen Vertrauter rüber.

Abgesehen von dem schlechten Stil und der Kritiklosigkeit am eigenen Handeln - die Papiere legen ein weiteres Nachtreten von Klinsmanns Seite nahe - dürften in der Öffentlichkeit wieder Diskussionen über Punkte aufkommen, die Hertha spätestens seit der gemeinsamen Pressekonferenz von Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst gern als erledigt betrachtet hätte. In den Aufzeichnungen wird mehrfach ein Dissens zwischen den Parteien geschildert, so einig, wie man sich öffentlich gab, geht es hinter den Kulissen anscheinend nicht zu.

Windhorst sei bereit, weitere 150 Millionen in Hertha zu investieren

Windhorst habe Gegenbauer mehrfach die Wichtigkeit der Person Klinsmann für das gemeinsame Projekt deutlich gemacht, ohne dass der Präsident in seinem Handeln darauf eingegangen wäre. In einem kürzlich im „Manager-Magazin“ veröffentlichten Doppelinterview mit beiden Männern wird klar deutlich, dass über bestimmte Punkte der Entwicklung von Hertha BSC unterschiedliche Auffassungen herrschen. Etwa was die Größe des geplanten Stadions angeht.

Windhorst hatte im vergangenen Jahr 224 Millionen Euro investiert und damit 49,9 Prozent der Anteile an der Profiabteilung erstanden. Angeblich soll er bereit sein, weitere 150 Millionen zur Verfügung zu stellen. Manager Preetz reagierte darauf ausweichend, indem er den Fokus auf das Spiel in Düsseldorf zu lenken versuchte. Herthas Verantwortliche, allen voran Preetz, war zuletzt viel daran gelegen, den Eindruck zu erwecken, die Handlungshoheit über das operative Geschehen würde weiterhin beim Verein liegen und nicht bei Windhorst oder dessen Tennor-Gruppe.

Klinsmann kritisiert Preetz’ Kaderzusammenstellung

Nur ist es illusorisch zu glauben, der Investor würde sich als Halter von fast der Hälfte der Anteile weitestgehend aus allem raus halten. Allein im Winter hatte Hertha rund 80 Millionen in neue Spieler investiert – mehr als jeder andere Verein in der Bundesliga. Der Ertrag ist bisher bescheiden, die Berliner haben es regelmäßig verpasst, sich von der Abstiegszone zu entfernen. Nach Klinsmanns Ansicht wäre es unvermeidbar, dass sich die Neuen der Mittelmäßigkeit ihrer Umgebung anpassen, sollte nicht aktiv dagegen gesteuert werden.

Manager Preetz sei nicht in der Lage gewesen, einen ausgewogenen und konkurrenzfähigen Kader zusammenzustellen. Auf einigen Positionen herrsche ein Überangebot an talentierten Spielern (Innenverteidigung), auf anderen ein Vakuum (Außenbahnen). Diese Meinung hat er sicher nicht exklusiv.

Viele Hertha-Zugänge erfüllen die Erwartungen nicht

Tatsächlich fällt die Transferbilanz in dieser Saison bescheiden aus. Dodi Lukebakio, im Sommer noch Rekordzugang für 20 Millionen Euro, ist nur noch ein Schatten des Spielers, der er in der vergangenen Saison bei Fortuna Düsseldorf war. Leihspieler Marius Wolf konnte über einen längeren Zeitraum nicht den Nachweis erbringen, eine Verstärkung zu sein. Eduard Löwen, der als hoffnungsvolles Talent verpflichtet wurde, ist nach nur einem halben Jahr nach Augsburg ausgeliehen worden, ebenfalls nicht mehr in Berlin ist Daishawn Redan.

Nur Dedryck Boyata konnte sofort überzeugen. Auch auf der Trainerposition funktionierten die Ideen des Managers nicht. Mittlerweile beschäftigt Hertha BSC den dritten Chefcoach der Saison, auch hier ist man ligaweit Spitze, und es gilt längst nicht als sicher, dass er auch der letzte ist. Präsident Gegenbauer sah sich jüngst veranlasst, Michael Preetz für dessen „gute Arbeit“ zu loben. Ein weiterer Dissens zu Jürgen Klinsmann. Der sieht das grundlegend anders.

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