Bundesliga

Hertha-Star Torunarigha: Ungewollt im Mittelpunkt

Nach den rassistischen Beleidigungen gegen ihn meldet sich Jordan Torunarigha zu Wort und erfährt viel Unterstützung durch Kollegen.

Stehen eng zusammen: Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann und Jordan Torunarigha.

Stehen eng zusammen: Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann und Jordan Torunarigha.

Foto: Laci Perenyi via www.imago-images.de / imago images/Laci Perenyi

Berlin. Jordan Torunarigha (22) ist ein ungewöhnlich leiser Mensch in einer für gewöhnlich sehr lauten Branche. Interviewanfragen lehnt der Fußball-Profi von Hertha BSC meist ab, öffentlich äußert er sich ungern. Wenn er etwas von sich preisgibt, dann meist nur über soziale Medien. So wie jetzt. Am Donnerstag nahm der junge Verteidiger erstmals Stellung zu den Ereignissen vom Dienstagabend, als er beim Pokalspiel zwischen Schalke und Hertha (3:2) rassistisch beleidigt wurde. Auf der Plattform Instagram schreibt er: „Ich bin in Deutschland geboren, ich bin hier aufgewachsen, habe hier mein Abitur gemacht, spreche Deutsch wie alle anderen, deshalb kann ich diese Äußerungen, wie sie von einigen Idioten während des Spiels gemacht wurden, in keinster Weise verstehen. Viele können nicht nachvollziehen, was das bedeutet und was sie damit bei den Menschen anrichten.“

Torunarigha weinte während des Pokalspiels

Was die Schmähungen bei ihm anrichteten, war während des Spiels deutlich zu sehen. Torunarigha weinte, er war emotional angegriffen und aufgewühlt. So sehr, dass er nach einer harten Aktion gegen sich eine Getränkekiste durch die Luft warf und daraufhin durch Schiedsrichter Harm Osmers mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde. Hertha verlor in Unterzahl das Spiel.

Als Jugendlicher hat Torunarigha Erfahrungen mit Rassismus gemacht

Als Jugendlicher hat Torunarigha schon Erfahrungen gemacht mit Rassismus. Bei einem Auswärtsspiel, Herthas zweite Mannschaft spielte in Auerbach, ist er beleidigt worden wegen seiner dunklen Hautfarbe. Sein Vater, ein ehemaliger Fußball-Profi, der für den Chemnitzer FC spielte, erlebte nach der Wende noch schlimmere Dinge. Ihn hetzten rechte Horden einst durch die Stadt. Die anwesenden Polizisten griffen erst ein, als sie mitbekamen, dass er Profi beim CFC ist. Er habe das alles schon mal erlebt, schreibt Torunarigha. „Meine Eltern wurden beleidigt. Deshalb wühlt mich so eine Situation wie auf Schalke so auf, und deshalb habe ich so emotional reagiert.“ Rassismus war in der Familie immer ein Thema.

Jordan Torunarigha steht seit Mitte der Woche im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Medien berichten, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat den Berliner zu einer Stellungnahme aufgefordert, der Kontrollausschuss ermittelt. Die Polizei ebenfalls.

Die Boateng-Brüder sprechen dem Berliner Mut zu

Nicht nur durch seine Mitspieler erfuhr der Berliner bisher viel Solidarität. Davie Selke, bis vor Kurzem noch Mannschaftskollege bei Hertha, schrieb über soziale Medien: „Wir stehen hinter dir Bruder!!!“ Jérome Boateng vom FC Bayern äußerte sein Unverständnis („Hätte nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland 2020 möglich ist! Bin fassungslos!“), dessen Bruder Kevin-Price, der im Laufe seiner Karriere selbst Opfer rassistischer Beleidigungen wurde, kommentierte: „#F%** Racism I am with you my man“ (Ich bin bei dir). Wenn Engstirnigkeit nur mit geschlossenen Mündern einhergehen würde...!“ Schalke 04 hat eine genaue Aufarbeitung der Vorkommnisse angekündigt.

Dabei ist die große Aufmerksamkeit Torunarigha alles andere als lieb. Vieles von dem, was er macht, macht er gern im Verborgenen, ohne viel Aufsehen. So wie sein Engagement für das soziale Jugendprojekt „Mitternachtssport“ oder die Schirmherrschaft für die Initiative „So bunt ist Deutschland“ der Berliner Plattform GoVolunteer. Nicht zu vergessen, wo er herkommt, sei ihm wichtig, hat Torunarigha einmal während eines Besuchs bei „Mitternachtssport“ gesagt. Die Schüchternheit, mit der er sich meist in die Manege des Profifußballs begibt, ist beim Umgang mit den Jugendlichen schnell verschwunden. Mit ihnen spielt er gern Videospiele oder „chillt“, wie er sagt.

Die Frage ist, wie Torunarigha den Pokal-Abend verkraftet hat

Wie der junge Abwehrspieler den Abend in Gelsenkirchen verkraftet hat, kann nur spekuliert werden. Am Sonnabend tritt Hertha im Olympiastadion gegen Mainz 05 (15.30 Uhr/Sky) an. Unklar ist, ob Trainer Jürgen Klinsmann ihn dann aufstellt, oder ob ihm Herthas Verantwortliche erst einmal eine Pause verordnen aufgrund der aufwühlenden Tage.

So ruhig und besonnen sich Torunarigha außerhalb des Fußballfeldes gibt, so unkontrolliert kann er agieren, wenn er auf dem Rasen steht. In 47 Profispielen mit Hertha ist er bereits dreimal des Feldes verwiesen worden, seine Emotionen hatte er in der Vergangenheit nicht immer im Griff.

Unter Klinsmann ist er zuletzt aufgeblüht

Unter Trainer Klinsmann spielte Torunarigha zunächst keine Rolle, in der Rückrunde durfte er aber in allen vier Pflichtspielen in der Startelf ran und machte seine Sache gut. In Wolfsburg traf er beim 2:1-Auswärtssieg zum wichtigen Ausgleich. In dieser Szene stand er im Anschluss an einen Eckball einen halben Meter höher in der Luft als sein Gegenspieler. Unter athletischen Aspekten gilt Torunarigha als Ausnahmetalent, Herthas früherer Co-Trainer Rainer Widmayer stufte sein Entwicklungspotenzial höher ein als das der ehemaligen Berliner Jérome Boateng und John-Anthony Brooks. Allein unter sportlichen Aspekten käme eine Pause zur Unzeit, jetzt da er sich in Herthas am stärksten besetzten Mannschaftsteil, der Innenverteidigung, festgespielt hat.

In Richtung der Krakeeler schreibt Torunarigha: „Man kann sich seine Hautfarbe bei der Geburt nicht aussuchen und sie sollte auch völlig egal sein. Genauso selbstverständlich wie unterschiedliche Hautfarbe, Religion oder Herkunft unter uns Sportlern in der Kabine ist, sollte es auch in unserer Gesellschaft sein! “ Diese Ansicht gilt es zu verteidigen. Mehr noch als die eigenen Farben auf dem Fußballplatz.