Hertha BSC

Rassismus-Fall Torunarigha: Braucht es drastischere Zeichen?

Nach dem Rassismus-Eklat um Herthas Jordan Torunarigha nehmen Schalke 04 und der DFB Ermittlungen auf. Die Frage ist: Reicht das?

Herthas Jordan Torunarigha (r.) erhielt auf dem Platz viel Zuspruch von seinen Teamkollegen, hier von Per Skjelbred und Niklas Stark (v.r.).

Herthas Jordan Torunarigha (r.) erhielt auf dem Platz viel Zuspruch von seinen Teamkollegen, hier von Per Skjelbred und Niklas Stark (v.r.).

Foto: Moritz Eden / City-Press GmbH

Berlin. Über die epische Pokalschlacht wollte niemand mehr sprechen. Dass Hertha BSC im Achtelfinale des DFB-Pokals bei Schalke 04 (2:3 n.V., 2:2, 0:2) die spielerisch mit Abstand beste Leistung unter Trainer Jürgen Klinsmann geboten hatte, rückte in den Hintergrund, genauso wie die Premierentore von Zugang Krzysztof Piatek und Pascal Köpke oder die knapp verpasste Cup-Sensation der Berliner. All das war schon am Dienstag kurz vor Mitternacht zur Nebensache verkommen, stattdessen trug das alles überstrahlende Thema einen der hässlichsten Namen überhaupt: Rassismus.

Unfreiwilliger Protagonist der unsäglichen Ereignisse in Gelsenkirchen war Herthas Eigengewächs Jordan Torunarigha (22), der lange wie einer der Helden dieser Partie aussah. Als Teil der defensiven Dreierkette brachte er Schalkes Angreifer reihenweise zur Verzweiflung, rettete zudem Herthas 1:0-Führung, als er einen Ball von der Linie kratzte, der eigentlich schon im Tor war. Fast schien das 1,89 Meter große Kraftpaket unverwundbar zu sein an diesem Abend, so entschlossen wirkte Torunarigha. Die bittere Realität aber zeigte: Gegen rassistische Anfeindungen hilft keine noch so starke Hülle.

Torunarigha wollte den Platz schon verlassen

Diskriminierende Beleidigungen und Affenlaute waren während der zweiten Halbzeit aus der Schalker Nordkurve in Torunarighas Richtung gerufen worden, wohl eher vereinzelt als organisiert, aber deswegen nicht weniger schmerzhaft. Der Berliner, Sohn eines nigerianischen Vaters, konnte seine Tränen nicht zurückhalten. „Er hat auf dem Platz geweint und wollte aufhören“, erzählte Schalkes Siegtorschütze Benito Raman: „Ich habe die Rufe nicht gehört, aber ihm Mut zugesprochen und gesagt, dass er weitermachen soll.“ Eine Szene, die im Eifer des Gefechts kaum jemand mitbekam, weder im Stadion noch an den TV-Schirmen.

Auch Herthas Spieler versuchten Torunarigha aufzubauen, sprachen ihm gut zu. Das half – der gebürtige Chemnitzer ließ sich nicht unterkriegen. Als er in der Verlängerung hart über die Auslinie gegrätscht wurde, brachen sich die Emotionen jedoch Bahn. Der Abwehrspieler griff nach einer Getränkekiste vor der Schalker Bank und schleuderte sie zu Boden. Schiedsrichter Harm Osmers (Hannover) zeigte dem bereits verwarnten Torunarigha daraufhin Gelb-Rot (100. Minute) – wohlwissend, dass der Berliner in einem emotionalen Grenzbereich wandelte. Eine Entscheidung, die nicht nur im Hertha-Lager für Unverständnis sorgte.

Preetz informiert Schiedsrichter während der Partie

„Wir haben den Schiedsrichtern gesagt, dass sie den Jungen schützen müssen“, berichtete Herthas Trainer Jürgen Klinsmann nach Abpfiff. „Jordan ist beleidigt worden und war aufgepusht“, sagte der frühere Profi, „da braucht man dann Fingerspitzengefühl und muss ihm nicht später in der Situation noch die zweite Gelbe Karte geben.“

Hertha-Manager Michael Preetz, der „jegliche Form von Rassismus aufs Schärfste“ verurteilte, äußerte sich am Mittwoch in einer offiziellen Stellungnahme: „Ich habe vor Beginn der Verlängerung zunächst mit Jordan gesprochen und im Anschluss sowohl den vierten Offiziellen als auch den Schiedsrichter über den Vorfall informiert“, hieß es. Trotzdem griff der Unparteiische nicht zu den Möglichkeiten, die das Reglement des Weltverbandes Fifa bei rassistischen Vorkommnissen vorsieht. Schlimmer noch: Auch bei seinem Platzverweis gegen Torunarigha blendete der Referee sein Hintergrundwissen aus und griff zur denkbar härtesten Maßnahme.

DFB-Kontrollausschuss ermittelt

Dass Hertha in Unterzahl das spielentscheidende Tor kassierte, darüber mochte sich kein Berliner mehr aufregen, stattdessen stieß Kapitän Niklas Stark (24) eine Debatte über den Umgang mit den rassistischen Vorfällen an. „Sowas geht gar nicht“, sagte der Nationalspieler, „da müssen wir als Mannschaft, als Verein und eigentlich als die ganze Bundesliga hinter ihm stehen.“

Die Unterstützung der Schalker ist Torunarigha jedenfalls gewiss. „Mir fehlt jegliches Verständnis für Vollidioten dieser Art“, sagte Sportvorstand Jochen Schneider. Der Verein kündigte Untersuchungen an, gemeinsam mit der Polizei Gelsenkirchen, dem Sicherheitsdienst und internen Quellen soll der Fall „ausführlich geprüft“ werden, Stadionverbote und entsprechende Anzeigen inklusive. Auch der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat Ermittlungen aufgenommen, doch die Frage bleibt, ob das reicht.

Wagner und Stark fassen Spielabbrüche ins Auge

Schon seit etlichen Jahren veranstalten Verbände und Vereine Kampagnen gegen Rassismus, bei Hertha genauso wie auf Schalke, wo ausgerechnet in dieser Woche eine Anti-Diskriminierungsaktion mit dem Namen „#stehtauf“ läuft. Dennoch kommt es in den Stadien immer wieder zu rassistischen Auswüchsen, wenngleich in jüngerer Vergangenheit eher in unteren Spielklassen oder ausländischen Ligen, etwa in Italien.

Schalke-Trainer David Wagner, von 2015 bis 2019 Trainer von Huddersfield Town, kann sich drastischere Maßnahmen durchaus vorstellen. „In England wird derjenige sofort gepackt und dann raus“, sagte er. Auch Spielabbrüche fasste der 48-Jährige ins Auge: „Damit hätte ich überhaupt kein Problem“, so Wagner, „dafür hätte jeder Verständnis, der einigermaßen klar denken kann.“ Ein Weg, den Hertha-Kapitän Stark ohne Weiteres mitgehen würde. „Wenn das Signal gekommen wäre, wäre ich ganz klar mitmarschiert“, sagte er. Vielleicht nicht der schlechteste Denkanstoß für den DFB.