Immer Hertha

Rassismus muss die Rote Karte sehen

Dass Hertha-Profi Jordan Torunarigha auf Schalke beleidigt wurde, ist ein Skandal – genauso wie das Verhalten der Schiedsrichter.

Foto: Getty Images/Reto Klar

Auf dem Papier ist die Sache klar geregelt und damit ganz einfach. Wird ein Spieler während eines Fußballspiels rassistisch beleidigt, tritt nach dem Reglement des Weltverbandes Fifa ein Drei-Stufen-Plan in Kraft. Nach den ersten geahndeten Rufen soll der Schiedsrichter das Spiel unterbrechen und eine Durchsage im Stadion veranlassen. Ändert sich an der Situation nichts, gilt es, die Mannschaften in die Kabinen zu schicken und mit einer erneuten Ansage auf das Problem hinzuweisen. Als dritter und letzter Schritt folgt der Spielabbruch, sofern die Krakeeler nicht verstummen wollen.

Von all dem ist nichts passiert am Dienstagabend in Gelsenkirchen, wo sich Schalke 04 und Hertha BSC ein wirklich grandioses Pokalspiel lieferten, was am Ende aber zur Nebensächlichkeit wurde, weil Herthas farbiger Verteidiger Jordan Torunarigha rassistisch mit Affenlauten von der Tribüne beleidigt worden sein soll. So berichteten es Berliner Spieler sowie Herthas Trainer Jürgen Klinsmann.

Schiedsrichter Harm Osmers wurde auf die Rufe hingewiesen, hatte aber keinerlei Reaktion darauf gezeigt. Im Gegenteil. Den völlig aufgewühlten Torunarigha schickte Osmers in der Verlängerung vom Platz, weil dieser an der Seitenlinie eine Getränkekiste durch die Luft warf, nachdem er hart gefoult worden war. Dass sich Torunarigha in diesem Moment nach diversen Beleidigungen gegen seine Person nicht im Griff hatte, ist verständlich.

Es geht um das Fingerspitzengefühl der Schiedsrichter

Womit wir bei dem großen Thema wären, über das seit vergangenem Wochenende aufgeregt debattiert wird. Da nämlich hatte Schiedsrichter Tobias Stieler den Gladbacher Alassane Plea innerhalb weniger Sekunden Gelb und dann Gelb-Rot gezeigt und damit das Spiel Leipzig gegen Gladbach (2:2) massiv beeinflusst. Es geht um das Fingerspitzengefühl der Schiris. Dafür gibt es keinen Fifa-Passus, und selbst wenn es einen gäbe, wäre die Sache damit vermutlich nicht einfacher.

Schiedsrichter sind seit Kurzem angewiesen, noch härter durchzugreifen, wenn sich Spieler bei Entscheidungen der Unparteiischen aufregen. Das ist an sich eine lobenswerte Neuerung, denn der Fußball hat wie kaum eine andere Sportart ein Manierenproblem. Anders als beispielsweise beim Rugby, wo Schiedsrichter als absolute Autorität gelten, werden sie beim Fußball allzu oft mit Respektlosigkeiten bedacht. Das Problem strahlt von oben nach unten aus. Wenn sich schon die Herren Profis nicht benehmen, machen es die Amateure und Jugendspieler erst recht nicht. Eine Folge zeigte sich im vergangenen Herbst: Berliner Schiedsrichter traten in den Streik, weil sie den Umgang mit ihrer Person nicht mehr hinnehmen wollen.

Hätte Stieler also nicht, genau wie jetzt Osmers, ein Auge zudrücken müssen und es bei einer Verwarnung belassen sollen? Eine Antwort darauf gibt es nicht, dafür unterscheiden sich die Fälle zu sehr. Stieler hätte sicher an Größe gewonnen, wenn er nicht ganz so streng entschieden hätte. Wie ein Vater, der sein Kind bereits auf dessen Fehlverhalten hingewiesen hat, die halblauten und in die Jacke gebrubbelten Widerworte dann aber gekonnt ignoriert.

Wer Rassismus bewusst ignoriert, verharmlost dieses menschliche Krebsgeschwür

Ex-Referee Peter Sippel, der beim Deutschen Fußball-Bund mit den Elite-Schiedsrichtern arbeitet, hat erklärt, dass Osmers erst nach Ende der regulären Spielzeit auf die rassistischen Vorfälle hingewiesen wurde, die sich im Lauf der zweiten Hälfte ereigneten. Bei einer Durchsage wäre aufgrund der zeitlichen Differenz „der Kontext nicht mehr herzustellen gewesen“. Das mag zwar stimmen, bei Torunarighas Entgleisung in der Verlängerung war der Kontext für Osmers aber definitiv gegeben. In Zusammenhang mit Torunarigha hätten bei ihm alle Alarmglocken klingeln müssen.

Wer Rassismus bewusst ignoriert, verharmlost dieses menschliche Krebsgeschwür und lässt die Opfer allein. Dass Osmers von den Rufen wusste und diese bei seinen Entscheidungen nicht berücksichtigte, muss bei den Schiris zu einer viel größeren Sensibilisierung für das Thema führen. Denn eines haben Schiedsrichter auf dem Platz mit den Spielern gemein: Sie sind Vorbilder.