Hertha BSC

Dilrosun: „Klinsmann lässt mehr Freiheiten als Guardiola"

Herthas Flügelspieler Javairo Dilrosun spricht über die Unterschiede seiner Trainer und seine spezielle Verbindung zu Gegner Wolfsburg.

Javairo Dilrosun hat in 31 Bundesligaspielen für Hertha fünf Tore erzielt und sechs Treffer vorbereitet.

Javairo Dilrosun hat in 31 Bundesligaspielen für Hertha fünf Tore erzielt und sechs Treffer vorbereitet.

Foto: FrankPeters / WITTERS

Berlin. Dass er inzwischen wunderbar Deutsch spricht, erwähnt Javairo Dilrosun (21) erst zum Ende des Interviews. „Ich verstehe alles und kann mich auch gut verständigen“, sagt der Niederländer und grinst. Herthas Flügelspieler ist nun mal ein Trickser, das will er auch am Sonnabend beim VfL Wolfsburg wieder beweisen (15.30 Uhr, Sky). Doch die angespannte Situation beim Berliner Fußball-Bundesligisten ist auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen.

Zum Rückrundenstart gegen die Bayern war Hertha chancenlos, Herr Dilrosun, Ihr Team ist zurück im Abstiegskampf. Seien Sie ehrlich: Wie viel Spaß macht Ihnen Ihr Job zurzeit?

Javairo Dilrosun: Ich liebe es, Fußball zu spielen, wirklich. Aber Sie haben natürlich recht: Gegen die Bayern ist es schwer. Sie sind eine der besten Mannschaften der Welt – dass ich nicht oft an den Ball kommen würde, war mir schon vor dem Spiel klar. Dieses Bewusstsein braucht es in solchen Partien, sonst ist es hoffnungslos.

Kaum Ballkontakte, wenig gewonnen Zweikämpfe, kein Torschuss – wie schaffen Sie es, die Frustration im Zaum zu halten?

Wenn du den Ball verlierst oder eine schlechte Aktion hast, musst du einfach versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wichtiger ist die grundsätzliche Denkweise. Gegen ein Team wie die Bayern, eine der ballsichersten Mannschaften überhaupt, muss die oberste Priorität das Verteidigen sein, erst danach kommt die Offensive. Alles im Spiel nach vorne war aber enorm schwer, weil die Bayern hoch gepresst haben.

Unter Trainer Jürgen Klinsmann saßen Sie zunächst zwei Spiele auf der Bank, danach standen Sie immer in der Startelf. Wie haben Sie ihn überzeugt?

Am Anfang hat er mir gesagt, dass wir zuerst die Abwehr stabilisieren müssen und dann darauf aufbauen können. Er hat mir gesagt, dass ich danach spielen würde, dass ich wichtig für Hertha bin. Nach den ersten zwei Partien gab es ein weiteres Gespräch und danach ging es bergauf, ich habe mir meinen Platz mit guten Leistungen zurückerkämpft. Gegen die Bayern hatte ich aber definitiv kein gutes Spiel, das weiß ich.

Wie hat sich die tägliche Arbeit unter Klinsmann verändert?

Er hat einfach große Zuversicht in den Klub gebracht und uns als Mannschaft einen Schub gegeben, das hat mich beeindruckt. Er ist immer offen für Neues, und seine Vergangenheit spricht ohnehin für sich. Er weiß unheimlich viel über Fußball. Wenn man so einen Trainer bekommt, will sich jeder beweisen und nicht auf der Bank sitzen.

Ein legendärer Klinsmann-Satz ist, dass er jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen will. Hat er Sie schon besser gemacht?

Er spricht jedenfalls viel mit mir über mein Spiel, darüber, was ich noch verbessern muss. Wir kennen uns zwar noch nicht so lange, aber die Chemie wird immer besser. Er ist ein großartiger Trainer, von dem ich viel lernen kann.

Als Nachwuchsspieler von Manchester City haben Sie zum Teil mit Trainer-Ikone Pep Guardiola gearbeitet. Wie unterscheiden sich Guardiola und Klinsmann?

Man kann sie nicht vergleichen, jeder Trainer ist anders. Pep ist sehr streng, manchmal wird er auch lauter, dann redet er sehr eindringlich auf einen ein. Klinsmann ist ein ganz anderer Typ. Er ist sehr ruhig, bringt seine Anweisungen freundlich rüber und lässt den Spielern viele Freiheiten.

Guardiola ist bekannt für seine klare Spielidee und Detailversessenheit. Klinsmann lässt viele Freiheiten.

Ja, Guardiola ist sehr stark auf Ballbesitz und sein System bedacht. Klinsmann überlässt uns viele Entscheidungen und möchte, dass wir freie Räume selbst erkennen und nutzen. Er lässt uns das machen, was wir individuell am besten können. Beide sind großartige Trainer.

Offensivimpulse waren zuletzt kaum zu erkennen. Spielt Hertha zu defensiv?

Ich werde mich hüten, etwas gegen das System des Trainers zu sagen (lacht). Spaß beiseite: Ein kontrollierter Spielaufbau war gegen die Bayern nicht möglich, dafür haben sie zu viel Klasse, gegen sie war unsere sehr defensive Einstellung auf jeden Fall nötig. Für mich persönlich ist eine offensivere Ausrichtung natürlich besser. Die wird auch kommen, aber nicht gegen Bayern oder Dortmund.

Neben Klinsmann hat Hertha nun auch eine Performance Manager. Arne Friedrich hat gesagt, er wolle mit jedem Spieler individuell arbeiten. Wie muss man sich das vorstellen?

Arne ist ein sehr netter Mensch, ich spreche jeden Tag mit ihm. Er war einer der besten Hertha-Spieler seiner Zeit, zudem ein erfahrener Nationalspieler – ich kann viel von ihm lernen.

Was konkret?

Er zeigt mir zum Beispiel im Kraftraum, wie ich bestimmte Übungen besser mache oder wie ich mich besser ernähren kann. Ich finde, er ist eine Bereicherung für uns.

Eines seiner Steckenpferde sind Vergleichswerte. Haben Sie bestimmte Ziele vereinbart?

Nein. Der Grundsatz ist, jeden Tag hart zu arbeiten, um ein besserer Spieler zu werden. Alles andere – eine bestimmte Zahl von Toren und Assists – bespreche ich eher mit meiner Familie und meinem Berater.

2020 findet eine Europameisterschaft statt. Wie schätzen Sie ihre EM-Chancen ein? Einer der holländischen Stars auf Ihrer Position, Memphis Depay, wird das Turnier verletzt verpassen…

Ich glaube, ich habe ganz gute Karten. Am Ende liegt es in meiner Hand. Wenn ich gut spiele und mit Hertha Erfolg habe, ist vielleicht ein EM-Ticket drin.

Herr Dilrosun, Ihr bislang letztes Tor haben Sie Anfang Oktober geschossen. Wie groß ist Ihre Sehnsucht nach einem Erfolgserlebnis?

Mir ist klar, dass ich lange nicht getroffen habe. Das muss sich schnell ändern, am besten schon dieses Wochenende in Wolfsburg. Wenn ich abends im Bett liege, denke ich lange über die Spiele nach – darüber, was ich hätte besser machen können. Vor den Partien ist es übrigens ähnlich. Ich überlege mir: Gegen wen spielen wir als nächstes, wer ist mein Gegenspieler, was mache ich in einer Eins-gegen-eins-Situation mit einem Torhüter? Nach dem Bayern-Spiel habe nicht gut geschlafen, weil ich mit meiner Leistung nicht zufrieden war.

An Wolfsburg dürften Sie hingegen gute Erinnerungen haben.

Das stimmt, 2018 habe ich in Wolfsburg mein Startelfdebüt für Hertha gegeben und gleich mein erstes Tor geschossen. Beides war sehr wichtig für mich, immerhin war Hertha ja meine erste Profi-Station. Die Szene vor dem Tor habe ich noch immer genau vor Augen – wann und wie ich geschossen, wie ich gejubelt habe. Das war ein grandioses Gefühl, deshalb freue ich mich sehr darauf, wieder nach Wolfsburg zu fahren.

Das Hinspiel in dieser Saison endete allerdings bitter – 0:3. Danach ging es bergab mit Hertha.

Na ja, nicht sofort. Gegen Wolfsburg war ich noch verletzt, aber als ich wieder fit war, habe ich drei Tore geschossen und zwei Treffer vorbereitet – wir haben dreimal gewonnen. Dann kam allerdings bald das verlorene Derby bei Union und die hohe Niederlage in Augsburg. Als Ante Covic dann beurlaubt wurde, war das erstmal eine schwierige Situation. Im ersten Spiel unter Jürgen Klinsmann haben wir gegen Dortmund zwar auch verloren, aber schon ein ganz anderes Gesicht gezeigt.

Was für ein Spiel erwarten Sie am Sonnabend?

Wolfsburg hat letztes Wochenende verloren (1:3 in Köln, Anm. d. Red.), genau wie wir. Das Bayern-Spiel ist aber relativ leicht abzuhaken, weil München einfach in einer anderen Liga spielt. In Wolfsburg rechnen wir uns etwas aus. Wenn jeder von uns seinen Job macht, ist ein Sieg drin.

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