Bundesliga

Hertha-Trainer Klinsmann und der Wunsch nach mehr Attacke

Nach dem klaren 0:4 gegen Bayern München wünscht sich Hertha-Coach Jürgen Klinsmann mehr Offensivpower – und fordert neue Spieler.

Jürgen Klinsmanns Elan an der Seitenlinie half nichts. Gegen die Bayern blieben er und sein Team von Hertha BSC chancenlos.

Jürgen Klinsmanns Elan an der Seitenlinie half nichts. Gegen die Bayern blieben er und sein Team von Hertha BSC chancenlos.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Für Jürgen Klinsmann (55) begann die Woche mit einer überraschend guten Nachricht. Jemand hatte dem Trainer von Hertha BSC erzählt, Mittelfeldspieler Vladimir Darida habe gegen Bayern München die fünfte Gelbe Karte gesehen und sei – so wie Innenverteidiger Dedryck Boyata – für das kommende Spiel in Wolfsburg gesperrt.

Dass diese Auskunft falsch war und Darida gegen den VfL auflaufen kann, erhöhte Klinsmanns ohnehin permanent gute Laune um ein weiteres Lächeln. Eine Sorge weniger. Doch auch mit einem spielberechtigten Darida hat Klinsmann genug Baustellen nach diesem 0:4 gegen den Rekordmeister, der ersten klaren Niederlage unter seiner Führung.

Herthas Eigengewächs Torunarigha macht seine Sache ordentlich

Da wäre die Neubesetzung der Innenverteidigung. Boyata wurde gegen die Bayern tatsächlich zum fünften Mal in dieser Spielzeit verwarnt und fehlt definitiv. Der Belgier hatte am Sonntag in Jordan Torunarigha einen anderen Nebenmann als üblich, weil Karim Rekik (muskuläre Probleme) und Niklas Stark (Grippe) kurzfristig passen mussten. Bei beiden geht Klinsmann von einer baldigen Genesung aus. „Ich denke, das ist gar kein Problem“, sagte Herthas Trainer. Beim Training am Montag fehlten sie aber noch.

Ganz so schnell ist der Genesungsprozess dann doch nicht vorangeschritten. Ob die beiden am Sonnabend gemeinsam auflaufen, ist nicht nur aufgrund der gesundheitlichen Probleme fraglich. Jordan Torunarigha (22) durfte sein Debüt unter Klinsmann geben und machte seine Sache über die meiste Zeit sehr ordentlich. Ihn sieht Klinsmann derzeit gleichauf mit Stark (24). Laut Herthas Coach war der deutsche Nationalspieler eigentlich schon wieder genesen, nach dessen grippalem Infekt wollte man aber keinen voreiligen Einsatz riskieren.

Stark selbst dürfte das womöglich etwas anders gesehen haben. Für ihn geht es mit Blick auf die anstehende Europameisterschaft im Sommer um jede Einsatzminute, nachdem er seinen Stammplatz unter Klinsmann verloren hatte.

Offensiv bleibt Hertha bedenklich blass

Die Möglichkeiten, die sich dem Trainerteam in der Innenverteidigung bieten, besitzt Hertha nicht in jedem Mannschaftsteil. Am Sonntag wurde wieder deutlich, wie sehr es den Berlinern an kreativen Lösungen in der Offensive mangelt. Es dauerte bis zur 84. Minute, ehe Hertha durch Pascal Köpke zu einer echten Torchance kam. „Natürlich wünschen wir uns alle mehr Durchschlagskraft“, sagte Klinsmann, der auch mehr Überzeugung von seinen Angreifern verlangt.

In der zweiten Halbzeit hatte er Dodi Lukebakio als zweite Spitze zu Davie Selke beordert. Die Umstellung erzielte nicht die gewünschte Wirkung. Im Gegenteil, sie kam den Bayern entgegen. Dadurch, dass Hertha ein Mann im Mittelfeld fehlte, riss der überragende Thiago das Geschehen komplett an sich. Bayern erhöhte innerhalb von einer Viertelstunde von 1:0 auf 4:0. „Wir haben gehofft, dass dann mehr passiert mit zwei Stürmern. Ich bin eher der Trainer, der sagt, ich probier’ es jetzt. Da nehmen wir lieber so eine Klatsche mit und hoffen, dass wir dann beim nächsten Mal mehr bewegen können“, sagte Klinsmann.

Ihm sei natürlich bewusst gewesen, dass sich seine Mittelfeldspieler um den emsigen Debütanten Santiago Ascacibar nach der Umstellung einer ständigen Überzahl erwehren müssen, aber das habe er in Kauf genommen, um wenigstens einen Punkt zu retten.

Klinsmann drängt auf weitere Zugänge

Wirklich in Reichweite war ein Unentschieden für Hertha allerdings nicht. Klinsmann hat seiner Mannschaft in den zwei Monaten seines Wirkens eine Struktur gegeben und ihr in der Defensive Stabilität verliehen. Gegen Hertha zu treffen, sei nicht ganz so einfach, wie es das Resultat vielleicht vermuten ließ, räumte auch Bayerns Trainer Hansi Flick ein. Offensiv fehlt neben der bemängelten Durchschlagskraft vor allem fußballerisches Potenzial, um mit dem Ball am Fuß Lösungen zu finden.

Solange Hertha defensiv sicher steht und in Führung liegt, geht Klinsmanns Ansatz auf. Geraten die Berliner aber in Rückstand, tun sie sich sehr schwer, zu Torchancen zu kommen. In den sechs Spielen unter Klinsmann lag Hertha zweimal hinten, gegen Bayern und Borussia Dortmund – beide Spiele wurden verloren.

Nach Möglichkeit sollen weitere Zugänge kommen, um die Probleme zu beheben. „Michael Preetz ist am Arbeiten. Wenn wir was im offensiven Bereich finden, würde uns das enorm helfen“, sagte Klinsmann. Ob Stürmer oder Mittelfeldspieler komme drauf an, „aber schon nach vorne orientiert“.

Ohne die gefährlichsten Akteure der vergangenen Jahre wirkt Hertha in der Vorwärtsbewegung gerade auf der Suche nach sich selbst. Ondrej Duda, der beste Scorer der abgelaufenen Saison, wurde in der Winterpause an Norwich City ausgeliehen, Salomon Kalou befindet sich noch auf Vereinssuche und trainiert abseits der Mannschaft. Vedad Ibisevic blieb gegen die Bayern wie so oft außen vor. Für das Trio hat Klinsmann keine Verwendung mehr.

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