Bundesliga

Hertha kämpft gegen die Tradition

Hertha spielt in der Rückrunde seit Jahren schwächer als in der Hinrunde. Das soll sich ändern. Der FC Bayern kommt da gerade recht.

Harter Kampf im Hinspiel zwischen Bayerns Robert Lewandowski (l.) und Herthas Lukas Klünter. Die Partie in München endete 2:2.

Harter Kampf im Hinspiel zwischen Bayerns Robert Lewandowski (l.) und Herthas Lukas Klünter. Die Partie in München endete 2:2.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Berlin. Das derzeit meistdiskutierte Stück Papier des deutschen Fußballs liegt in einer kalifornischen Schublade. Ärgerlich allein deshalb, weil es auf der anderen Seite der Welt gerade dringend benötigt würde.

Die Trainerlizenz von Jürgen Klinsmann (55) musste in den vergangenen Tagen als Gegenstand diverser Spekulationen herhalten, was auch daran lag, dass Herthas Chefcoach den Nachweis eines gültigen Scheins gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) bisher schuldig blieb. Der Verband verlangt alle drei Jahre eine Aktualisierung der Lizenz, dafür sind Fortbildungen notwendig. Wer über keine gültige Lizenz verfügt, darf streng genommen auch kein Trainer eines Bundesligisten sein.

Für Klinsmann ist das ferne Bürokratie, darüber ließ er vor dem Spiel am Sonntag gegen den FC Bayern im Olympiastadion (15.30 Uhr) keine Zweifel zu.

Nouri und Feldhoff stehen als Klinsmann-Vertreter bereit

Dass er gegen seinen alten Klub nicht auf der Bank sitzen darf, hält er für nahezu ausgeschlossen. „Das ist alles kein Problem, ich mache mir da überhaupt keine Sorgen. Ich reiche die Sachen nach, die sie brauchen und dann erneuern sie die“, sagte Klinsmann, der angab, dem DFB bereits einige Unterlagen zugeschickt zu haben. „Zumindest das, was ich auf dem Laptop hatte.“

Michael Preetz äußerte sich etwas defensiver. „Wir sind im Austausch mit der DFL und dem DFB, aber wie das bei großen Institutionen ist, mahlen die Mühlen etwas langsamer. Wir sind aber zuversichtlich, dass bis zum Spiel alles geklärt ist“, sagte Herthas Manager. Sollte doch nicht alles rechtzeitig geklärt werden, würden Klinsmanns Assistenten Alexander Nouri und Markus Feldhoff bereitstehen, die beide gültige Lizenzen besitzen.

Hertha hat mehr zu verlieren als zu gewinnen

Die Posse um Klinsmanns Trainerschein war das beherrschende Thema der letzten Tage, dabei ging beinahe unter, dass der Verein am Sonntag in eine wegweisende Rückrunde startet. Hertha befindet sich nach wie vor im Abstiegskampf, das betonte auch der Trainer. „Wir sind noch nicht weit genug weg, um klare Luft zu schnappen“, sagte Klinsmann.

Erstmals seit mehreren Jahren hat Hertha in der Rückrunde mehr zu verlieren als zu gewinnen. Ein Abstieg würde nach dem Einstieg von Investor Lars Windhorst und den damit verbundenen ambitionierten Zielen einem Super-GAU gleichkommen. So betont Klinsmann stets, in den kommenden Monaten alles dem Ziel Klassenerhalt unterzuordnen.

Persönliche Schicksale müssen auf der Strecke bleiben. Etwa das von Niklas Stark, der zu den talentierteren deutschen Innenverteidigern gehört und als Nationalspieler gern zur Europameisterschaft im Sommer reisen würde. Da ist es wenig förderlich, dass Stark unter Klinsmann seinen Stammplatz verloren hat.

Stark und Mittelstädt sind nur noch in der zweiten Reihe

Herthas Trainer bestätigte, dass sich daran in naher Zukunft auch nichts ändern wird. „Chef da hinten in der Brandung ist Boyata, das ist einer der besten Innenverteidiger Europas. Und Karim steht ihm kaum etwas nach“, sagt Klinsmann, der weiter auf das Duo Dedryck Boyata und Karim Rekik setzt. Spieler wie Maximilian Mittelstädt, Jordan Torunarigha oder eben Niklas Stark müssten sich aufgrund der aktuellen Situation gedulden.

„Wichtig ist, dass eine Konstanz da ist“, sagt Klinsmann mit Blick auf die Aufstellung. „Große Überraschungen wird es nicht geben.“ Abgesehen von Zugang Santiago Ascacibar, der vom VfB Stuttgart für zehn Millionen Euro kam, wird Herthas Trainer gegen Bayern den gleichen Spielern vertrauen, die in den letzten Spielen vor der Winterpause regelmäßig auf dem Feld standen.

Eine eingespielte Elf soll Hertha vor einem turbulenten Frühjahr bewahren. In den vergangenen sieben Spielzeiten als Bundesligist sammelten die Berliner in der Rückrunde jedes Mal weniger Zähler als in der Hinrunde. Eine derart lange Negativserie gab es in der Bundesliga noch nie. Das sei ein Fakt, den er nicht ignoriere, sagt Klinsmann. „Jetzt wollen wir genau das Gegenteil machen und mehr Punkte holen. Die nächsten Wochen stehen unter dem klaren Vorsatz punkten, punkten, punkten.“

Hertha will Serie gegen die Bayern fortsetzen

Da trifft es sich womöglich gut, dass zum Auftakt der deutsche Meister ins ausverkaufte Olympiastadion kommt. Die letzten drei Bundesliga-Heimspiele hat Hertha gegen den FC Bayern allesamt nicht verloren, vergangene Saison langte es sogar zu einem 2:0.

Auch mit einem Unentschieden könnte Klinsmann hervorragend leben. „Wir brauchen jeden Punkt, um uns Abstand zu verschaffen“, sagt er. Solange der Klassenerhalt nicht gesichert sei, werde sich neben der personellen auch die fußballerische Ausrichtung nicht ändern. „Unser Augenmerk liegt darauf, dass wir sehr kompakt agieren, die Räume zuschieben und denen wenig Platz geben“, sagte Klinsmann.

So hatte Hertha unter seiner Führung acht Punkte aus fünf Spielen geholt, seit vier Begegnungen sind die Berliner ungeschlagen. Diese Serie möchte Herthas Trainer so lange wie möglich in die kommenden Wochen retten. Im besten Fall dann mit einer gültigen Lizenz.