Immer Hertha

Auf eine bekömmliche Rückrunde

Die zweite Hälfte der Saison wird nicht nur sportlich reizvoll. Sebastian Stier mit einem Streifzug durch die Fußballrepublik.

Sebastian Stier über die Bundesliga-Rückrunde.

Sebastian Stier über die Bundesliga-Rückrunde.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Zu Weihnachten habe ich Socken aus Alpaka-Wolle bekommen. Die sollen besonders warm halten, aber vermutlich werde ich das in näherer Zukunft gar nicht herausfinden müssen. Der Klimawandel macht auch vor Bundesligastadien nicht halt, so richtig friert dort niemand mehr. Ich erinnere mich noch gut an ein Spiel zwischen Hertha und Schalke, irgendwann Anfang der Nullerjahre. Da war es im Januar so kalt, dass Frank Zander die Fransen an der Jeansjacke steif froren, als er vor der Ostkurve sein „Nur nach Hause“ schmetterte. Alles Schnee von gestern.

Abseits der milden Temperaturen gibt es eine Menge anderer Dinge, auf die ich mich persönlich freue, wenn am Wochenende die Rückrunde startet. Als Fußball-Reporter kommt man ordentlich rum in der Republik. Dortmund, Düsseldorf, Leipzig, Leverkusen – hab’ ich alles schon gesehen. Was mir noch fehlt, ist die Entdeckung der Hässlichkeit. Präzise gesagt die Stadt Wolfsburg. Dort bin ich bisher nie gewesen. Die Geschichte mit Valdas Ivanauskas wird dem ansässigen VfL ewig anhaften. Dessen Frau verhinderte einst angeblich den Wechsel ihres Mannes vom Hamburger SV, weil die Autometropole ihr zu trist erschien. Der Autor Daniel Kehlmann legte Jahre später nach, als er Stein und Bein schwor, wie „unglaublich hässlich“ Wolfsburg sei. In der Stadt lasse es sich nur aushalten, „wenn man direkt zum Hotel fährt, die Fenster zu lässt, keinen Schritt hinaus macht bis man auftritt und danach wieder abfahren kann.“ Als Kehlmann das sprach, war Ivanauskas gerade Trainer in Chabarowsk, einer sibirischen Industriestadt mit qualmenden Schornsteinen nahe der chinesischen Grenze.

Apropos Ivanauskas. Der hatte Jahre später eingeräumt, die Geschichte mit seiner Frau wäre eine Notlüge gewesen und nicht ernst gemeint. Weil er lieber zu Austria Salzburg wechseln wollte, hatte er behauptet, seine Gattin würde einem Engagement in Wolfsburg im Wege stehen.

Friedhelm Funkel hat vermutlich nie einen Wechsel wegen des Vetos seiner Frau ausgeschlagen. Elf verschiedene Klubs trainierte der älteste Trainer der Bundesliga bisher, von Rostock bis München, von Aachen bis Berlin. Nichts, was Funkel noch nicht erlebt hätte. Allein seine Gelassenheit macht den Trainer von Fortuna Düsseldorf zu einem angenehmen Gesprächspartner, mit dem sich ausgiebig plaudern lässt. Dumm nur, dass Herthas Gastspiel bei den Rheinländern in dieser Saison ausgerechnet in die letzte Woche der Karnevalszeit fällt. Funkel (66) ist ein leidenschaftlicher Narr und während dieser Zeit immer schwer beschäftigt. Einmal erwischte ich ihn beim Rosenmontagsumzug. Ich fragte, ob er denn kein Training zu leiten hätte oder ob sich seine Spieler allein beschäftigen müssten. „Wo denken Sie hin“, entgegnete er entrüstet. „Die sind natürlich auch hier.“ Merke, auch mit Lockerheit lässt sich die Klasse halten.

Die Chancen auf ein weiteres Jahr Bundesliga stehen für den 1. FC Union noch besser als für Funkels Fortuna. Anteil daran hat auch Michael Parensen. Beim Aufsteiger kam er in der Hinrunde zu fünf Einsätzen – exakt fünf mehr, als ihm vor der Saison zugetraut wurden. Parensen ist seit 2009 im Klub, bei keinem rufen sie in Köpenick lauter „Fußballgott“ als bei ihm. Eine Weiterbeschäftigung nach der aktiven Karriere ist längst gewiss, nur bekommt der Verteidiger einfach nicht genug. Für ihn geht es weiter, immer weiter. Der Schreibtisch kann warten.

Und an der anderen Stadtseite, bei Hertha? Da freue ich mich vor allem aufs Essen. Richtig gelesen. Vor vielen Jahren wurde an dieser Stelle mal behauptet, die Speisen für Journalisten seien lausig. Das stimmt nicht. Wer einmal Gebäck von der Härte einer Klitschko-Faust in Augsburg oder polarmeerkalte Gulaschsuppe in Stuttgart vorgesetzt bekam, wird sich für Herthas Hausmannskost begeistern. Vielleicht ist es noch nicht das große Big-City-Buffet wie in München, aber doch deutlich über Durchschnitt. Ich mag vor allem den Apfelkuchen. Den mit Decke. In diesem Sinne, auf eine bekömmliche Rückrunde.