Bundesliga

Klinsmann und die Bayern: Wiedersehen mit Beigeschmack

Für Hertha-Coach Klinsmann kommt es am Sonntag zum ersten Duell mit Ex-Klub Bayern München. Gute Erinnerungen weckt das nicht.

Typisch Klinsmann: Auch in München strahlte der heutige Hertha-Trainer (r.) stets Optimismus aus. Den damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß konnte er dabei nicht immer begeistern.

Typisch Klinsmann: Auch in München strahlte der heutige Hertha-Trainer (r.) stets Optimismus aus. Den damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß konnte er dabei nicht immer begeistern.

Foto: Clemens Bilan / ddp

München/Berlin. Klopf-klopf. Auf Holz. Zweimal, und das energisch. Jürgen Klinsmann strahlt und ruft laut: „Mahlzeit, Männer!“ Kurze Pause. Noch lauter, beinahe euphorisch: „Geht’s euch gut?“ Anfangs blickten die Journalisten Klinsmann verwundert an, später nur noch sich selbst. Dabei verdrehten sie die Augen hinter seinem Rücken. Kein gutes Zeichen. Denn wenn die Reporter sich über den Trainer lustig machen, kann man davon ausgehen, dass die Spieler in der Kabine nicht anders handeln.

Es war sein Begrüßungsritual. Jedes Mal, wenn Klinsmann den Medienraum an der Säbener Straße zum Pressetalk betrat. Knapp zehn Monate lang. So kurz war Jürgen Klinsmann Bayern-Trainer. Immer freundlich, immer Nähe suggerierend – so, wie er es nun auch als Coach von Hertha BSC ist. Mit der Zeit wurde er ruhiger, nachdenklicher, zurückhaltender. Am 27. April 2009 entließ der Verein den damals 44-Jährigen, als Scherbenaufsammler bis Saisonende kam Jupp Heynckes. Doch was hat Klinsmann hinterlassen in München? Was blieb nach seinem letzten Spiel?

Bayerns Bosse wählten Klinsmann statt Klopp

Am Sonntag im Olympiastadion (15.30 Uhr) kommt es für Herthas neuen Spiritus Rector nun zum ersten Wiedersehen mit dem FC Bayern, bei dem er im Sommer 2008 auf Ottmar Hitzfeld folgte. Kein einfaches Erbe. Doch Klinsmann, der Wahl-Kalifornier, kam als Sonnenschein nach München, in seiner Vita steht das Sommermärchen als wäre es eine Trophäe. Er hatte Deutschland eine selten dagewesene Zeit der Euphorie beschert. Nach der Heim-WM 2006 war das Fanvolk glücklich, feierte Messias Klinsi, Jürgen Christ Superstar.

Die Bayern-Bosse zogen Klinsmann damals einem gewissen Jürgen Klopp vor und bekamen, was sie wollten: einen Reformer. Er sollte die Mannschaft motivieren (ja, das konnte er!) und modernisieren. Es wurde ein Aufbruch in die Vergangenheit.

Grenzenloser Optimismus, aber harte Entscheidungen

Als Trainer, das merkten die Spieler recht bald, war Klinsmann in der tagtäglichen Arbeit eher ein Suchender. Bei der Nationalelf hatte er für den Trainingsaufbau und die Inhalte seinen Jogi, den späteren Erfolgsbundestrainer Joachim Löw. Klinsmann selbst ist ein Kommunikator, kann begeistern – unbestritten. Weil er groß denkt, weil er den kalifornischen Way of Optimismus vorlebt. Weil er lacht. Zweifel? No way! Ein Ansatz, den sie inzwischen auch in Berlin kennengelernt haben.

Klinsmann kann mitreißen. „Ich komme ja aus der Angreifer-Ecke“, sagte der ehemalige Mittelstürmer. Aber wer nicht mitzieht, hat nichts zu lachen. Dann ist Schluss mit dem smarten Cleverle. Klinsmann kann Leute knallhart aussortieren. Frag’ nach beim ehemaligen DFB-Torwarttrainer Sepp Maier oder Sommermärchen-Darling Lukas Podolski, der unter Bayern-Coach Klinsmann meist auf der Bank saß. Bei Hertha hatte er für Altmeister Salomon Kalou, Spielmacher Ondrej Duda und Sommerzugang Eduard Löwen keine Verwendung.

Auch in München setzte der Coach auf Eigenverantwortung

Klinsmann sieht das große Ganze, versteht sich als Projektleiter. Er gibt die Richtung vor, lässt seinen Mitarbeitern und vor allem den Spielern relativ viele Freiheiten, selbst in taktischer Hinsicht. Flache Hierarchien sind sein Ding. Wichtig ist trotz aller Möglichkeiten zur Selbstentfaltung: Alle müssen mitziehen, nur gemeinsam komme man zum Erfolg. Einmal sagte er, es sei ihm wichtig, „was für ein Gesicht der Busfahrer macht, wenn die Spieler vor einem bedeutenden Match in den Mannschaftsbus einsteigen“.

Klinsmann will delegieren. In München kam sein Assistenten-Team im Dutzend daher, wie ein BWLer bei Marketing-Vorträgen benutzte er Begriffe wie „Empowerment“ und „Verantwortungsübergabe“ – auch dies eine Parallele zu seinem Wirken in Berlin. Taktische Vorgaben blieben derweil im Unklaren, Umstellungen im Spiel ohne Wirkung.

Führungsspieler wie Klose rückten vom Trainer ab

In München gärte es Woche für Woche mehr in der Kabine, bis erfahrene Führungsspieler wie Mark van Bommel und Miroslav Klose von ihm abrückten und nicht selten in der Halbzeit selbst das Wort ergriffen, um taktische Ansagen zu machen. Der Anfang vom Ende Klinsmanns.

In der Champions League wie im DFB-Pokal kam das Aus im Viertelfinale, in der Meisterschaft setzte es ein 1:5 beim späteren Meister VfL Wolfsburg (viel schlimmer für die Bosse: trainiert vom früheren Bayern-Coach Felix Magath).

Klinsmanns Wirken hallt bis heute nach

„Wir haben den Grundstein gelegt für die Zukunft“, sagte Klinsmann nach seiner Entlassung. Nicht als Architekt einer Mannschaft, aber als Bauträger. Tatsächlich ist man ihm in München heute noch dankbar, aus dem veralteten, teils miefigen Profitrakt ein modernes Funktionsgebäude gemacht zu haben, in dem Körper und Geist geschult werden. Obwohl das Interieur (etwa die Bibliothek für die Spieler) weg ist, schwingt Klinsmanns Idee noch heute mit.

Und die Buddhas? Hat damals Fitness-Trainer Marcelo Martins aufgestellt. Daher beklagte sich Klinsmann: „Viele Dinge wurden mir angekreidet, für die ich nichts konnte.“