Bundesliga

Hertha-Keeper Jarstein: „Europa ist das Ziel“

Torhüter Rune Jarstein spricht über Herthas Ambitionen, seinen neuen Torwarttrainer und das erste Treffen mit Investor Lars Windhorst.

Hat in den vergangenen sechs Jahren 156 Pflichtspiele für Hertha absolviert: Torhüter Rune Jarstein (35).

Hat in den vergangenen sechs Jahren 156 Pflichtspiele für Hertha absolviert: Torhüter Rune Jarstein (35).

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Orlando. Rune Jarstein verspürt ein wenig Sehnsucht. Einerseits nach seiner Familie, die der Norweger durch Herthas vorgezogenen Trainingsstart zuletzt am 27. Dezember gesehen hat; zum anderen nach seinem alten Torwarttrainer Zsolt Petry, der vom neuen Chefcoach Jürgen Klinsmann aussortiert wurde. Im Trainingslager in Orlando/Florida erklärt Jarstein (35), wie er mit dieser Veränderung umgeht, welche Impulse Klinsmann setzt und wie ihn Investor Lars Windhorst beeindruckt hat.

Herr Jarstein, Herthas Investor Lars Windhorst hat Sie und das Team am vergangenen Sonnabend auf seine Luxusjacht eingeladen. Hat Sie das Boot beeindruckt?

Ja, das war ein Erlebnis, eine andere Welt – im Grunde ist die Jacht wie eine große Villa. Er hat einigen Spielern eine Führung gegeben, das war etwas Besonderes. Wirklich cool!

Welchen Eindruck haben Sie von Lars Windhorst?

Es war unsere erste Begegnung, wir haben uns ein bisschen unterhalten. Er hat mir erzählt, dass er mit seinem Schiff auch in die norwegischen Fjorde fahren will. Ein sehr netter Mann. Er hat große Erwartungen an Hertha.

Wenn es nach ihm geht, soll Hertha so schnell wie möglich in die Champions League. Ein mehr als ehrgeiziges Ziel.

Klar, aber wenn wir etwas Großes erreichen wollen, müssen wir auch groß denken. Mir gefällt diese Art gut. Wir Spieler müssen jeden Tag Leistung bringen, in jedem Training, in jedem Spiel. Das ist Druck – aber positiver Druck.

Unter Ex-Coach Ante Covic war das Team zuletzt völlig verunsichert. Wie hat Klinsmann es geschafft, die Mannschaft zu stabilisieren?

Er hat zum einen viel positive Energie mitgebracht, zum anderen sein eigenes Trainerteam. Nehmen Sie nur Fitness-Trainer Werner Leuthard. Er hat ganz neue Übungen eingeführt, die furchtbar anstrengend sind, uns aber körperlich sehr gut tun. Wir bearbeiten den Körper von Kopf bis Fuß, alle Bereiche sind gefordert.

Neu ist auch der Torwart-Trainer. Wie war es für Sie, nach fünf Jahren nicht mehr mit Zsolt Petry arbeiten zu dürfen?

Das war schwer. Ich vermisse Zsolt, aber das hat nichts mit den anderen Torwarttrainern zu tun. Für mich war Zsolt besonders, er hat mir sehr viel geholfen, auf dem Platz und auch daneben. Jürgen Klinsmann hat die Entscheidung für eine Veränderung getroffen. Mit Andreas Köpke habe ich dann auch sehr gut gearbeitet.

Seit Start der Wintervorbereitung werden die Torhüter von Max Steinborn betreut, der erst 31 Jahre alt ist und keinerlei Erfahrung als Profi oder Profi-Trainer vorweisen kann. Kann er Ihnen etwas beibringen?

Wir lernen uns noch kennen, aber mein Eindruck ist positiv. Er hat einen Plan, davon abgesehen bin ich ein erfahrener Torwart, der weiß, welche Reize er braucht. Max hat eigentlich den gleichen Ansatz wie Zsolt. Ich mag seine Übungen, wir kommunizieren gut miteinander. Trotzdem: Ich werde immer mit Zsolt Kontakt halten.

Unter Jürgen Klinsmann pflegt Hertha bislang einen neuen Stil: tief stehen, schnell kontern. Was bedeutet das für Ihr Torwartspiel?

Für mich hat das keine großen Auswirkungen. Ich brauche ein gutes Stellungsspiel, muss gut kommunizieren und Sicherheit ausstrahlen. Wenn wir defensiv so gut stehen wie zuletzt, macht es das für mich natürlich leichter.

Jürgen Klinsmann spricht viel davon, dass Spieler sich individuelle Ziele setzen sollen. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

In meinem Inneren habe ich sicher ein paar Ziele, aber die behalte ich für mich. Ansonsten will ich mich immer weiter verbessern. Klar, ich könnte auch vor jedem Spiel sagen, dass ich unbedingt zu Null spielen will, aber was, wenn ich dann nach fünf Minuten ein Gegentor kassiere?

Ihre Kritiker sagen, Sie halten den Ball zu lange und verschleppen so das Spiel. Was entgegnen Sie?

Ich beobachte nun mal genau. Wenn ich sehe, dass vorne ein Mitspieler vier Gegner um sich hat, macht es einfach keinen Sinn, einen langen Ball zu spielen. Ja, vielleicht müsste ich manchmal schneller nach vorn spielen, aber ich mache das nur, wenn es in der Situation etwas bringt.

Im Olympiastadion gab es kürzlich sogar Pfiffe von den eigenen Fans, als Sie den Ball länger in den Händen gehalten haben.

Die Fans wollen natürlich Tore sehen, das verstehe ich. Unten auf dem Platz sehe ich aber etwas anderes als die Fans oben auf der Tribüne. Das ist ein Riesenunterschied.

Herr Jarstein, der Jahreswechsel liegt erst ein paar Tage zurück. Welche Vorsätze haben Sie für 2020 gefasst?

Gesund bleiben, gute Leistungen bringen und dazu beitragen, dass die Rückrunde endlich mal besser wird als in den letzten Jahren.

Auch mit der Nationalmannschaft haben Sie ein großes Ziel. Im Play-off der EM-Qualifikation treffen Sie auf Serbien. Hat Ihr serbischer Hertha-Kollege Marko Grujic schon versucht, Sie zu bestechen?

Nein, noch nicht (lacht). Spaß beiseite: Das ist ein sehr wichtiges Spiel für uns. Es wird schwer, Serbien hat viele Klassespieler, vielleicht wird Marko auch dabei sein. Wobei es gut für Norwegen wäre, wenn er nicht spielt.

Sie haben 64 Länderspiele absolviert, aber noch nie an einem großen Turnier teilgenommen. Vielleicht wird es Ihre letzte Chance…

Es wäre an der Zeit.

Bei Hertha läuft Ihr Vertrag noch bis 2021. Was wollen Sie in Berlin noch erreichen?

Ich habe immer gesagt, ich will spielen, bis ich 40 bin. Körperlich fühle ich mich gut. Mit Hertha wieder in Europa zu spielen, wäre etwas Besonderes. Das ist das Ziel.

Der Rückrundenstart hat es in sich. Was macht Sie zuversichtlich, dass Hertha trotzdem nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben wird?

Wir müssen ab dem ersten Spiel punkten. Der Start wird schwierig, aber in den letzten drei Spielen hatten wir auch schwere Gegner und da haben wir sieben Punkte geholt. Jede Partie und jeder Punkt wird wichtig. Wir müssen Gas geben.