Bundesliga

Herthas Marvin Plattenhardt: Plötzlich wieder wichtig

Nach frustrierenden Wochen zählt Marvin Plattenhardt wieder zu Herthas Stammkräften. Trainer Jürgen Klinsmann hat daran großen Anteil.

Hat nach seinem Karriereknick einen neuen Anlauf genommen: Herthas Marvin Plattenhardt.

Hat nach seinem Karriereknick einen neuen Anlauf genommen: Herthas Marvin Plattenhardt.

Foto: Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH

Orlando. Besonders frisch wirkt Marvin Plattenhardt nicht, aber wer will ihm das verdenken? Neun Uhr morgens ist nun mal keine besonders dankbare Zeit für ein Interview, erst recht nicht, wenn man noch mit dem Jetlag zu kämpfen hat. Zum Gespräch in Herthas Trainingslager in Orlando erscheint der Linksverteidiger trotzdem ohne Murren. Einerseits ist Plattenhardt nun mal Profi, zum anderen zählt er aktuell zu den großen Gewinnern bei den Berlinern.

„Unter Jürgen Klinsmann ging’s schnell nach oben“, sagt er, „ich durfte wieder spielen und wir haben ein paar Punkte gesammelt, dadurch habe ich sehr viel Selbstbewusstsein zurückbekommen.“ Mehr noch: Nachdem er unter Ex-Coach Ante Covic nur noch zweite Wahl war, bekam der 27-Jährige von Klinsmann die Kapitänsbinde übertragen.

Der eigentliche Kapitän sei zwar Vedad Ibisevic, betont Plattenhardt, „aber darauf, dass ich die Mannschaft in den letzten beiden Spielen aufs Feld führen durfte, war ich schon stolz“. Zumal er selbst nicht damit gerechnet hätte. In Abwesenheit von Ibisevic und Vizekapitän Niklas Stark – zuletzt beide nur auf der Bank – galt eigentlich Routinier Per Skjelbred (32) als Kandidat, doch vor dem Spiel bei Bayer Leverkusen erhielt Plattenhardt den Vorzug. Ein deutliches Signal von Klinsmann, wie sehr er auf den WM-Teilnehmer setzt.

Verletzung im Sommer als Knackpunkt

„Als Kapitän hat man noch mal eine andere Verantwortung“, sagt Plattenhardt, „man muss eine Ansprache

halten und die Mannschaft heiß machen, aber ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen.“ Viel scheint er jedenfalls nicht falsch gemacht zu haben. Hertha gelang beim Champions-League-Anwärter ein Coup, die Berliner gewannen 1:0.

Für Plattenhardt selbst ist sein momentanes Hoch eine kleine Erlösung, Balsam für eine geschundene Fußballerseele. Sein bisheriger Karriere-Höhepunkt, die WM-Nominierung 2018, hatte sich ja als Auftakt einer vertrackten Karrierephase entpuppt. Auf das deutsche Desaster in Russland folgte eine durchwachsene Saison bei Hertha, und als Plattenhardt im vergangenen Sommer zum Neustart ansetzte, bremste ihn das Schicksal aus.

„In der Saisonvorbereitung war ich topfit und habe meistens gespielt“, erinnert er sich, „aber vor dem ersten Pokalspiel habe ich mich verletzt – das war schon ein kleiner Knackpunkt.“ Und der nächste ließ nicht lange auf sich warten. Vor dem sechsten Spieltag folgte die nächste Blessur, danach kam er an Vertreter Maximilian Mittelstädt nicht mehr vorbei. „Auch wenn’s schwer fiel: Ich habe die Situation angenommen und im Training weiter Gas gegeben“, sagt Plattenhardt, „ich kann mir keine Vorwürfe machen.“

Reicht die Qualität des Linksverteidigers für die Zukunft?

Nun also gehört er wieder zum Stammpersonal, vor Weihnachten spielte er vier Mal durch. Dass Hertha dabei dreimal die Null hielt, war auch sein Verdienst, vor allem beim 2:2 in Frankfurt und dem torlosen Remis gegen Mönchengladbach wusste er zu überzeugen. Von Entwarnung im Abstiegskampf will er trotzdem nicht sprechen. Plattenhardt betont: „Wir haben uns zwar Luft verschafft, aber wir wissen die Situation sehr gut einzuschätzen.“

Was seine Rolle in der Zukunft betrifft, fällt die Einschätzung indes schwer. Seit dem Einstieg von 224-Millionen-Euro-Investor Lars Windhorst, der die Profis am Sonnabend zum Dinner einlud, wird bei Hertha in anderen Kategorien gedacht, Stichwort Champions League. Ob und wie lange das bisherige Personal noch gut genug ist, wird spannend zu beobachten sein – auch auf Plattenhardts Position hinten links.

„Wenn man einen Investor mit so viel Geld bekommt, wird einem klar, dass sich in den nächsten Jahren einiges verändern wird“, sagt der Confed-Cup-Gewinner, dessen Vertrag noch bis 2023 läuft. Sorgen wegen neuer Konkurrenten macht er sich jedoch nicht, stattdessen sieht er die Chance, daran mitzuwirken, „die Mannschaft in andere Regionen zu führen“.

Plattenhardts Selbstvertrauen ist wieder intakt

Über Jahre war der gebürtige Schwabe fester Bestandteil von Herthas Weg. Seit 2014 im Klub, mauserte er sich vom Reservisten zum Nationalspieler – ein Paradebeispiel, das das Image des „Aus- und Weiterbildungsklubs“ glaubwürdig unterfütterte. Nach seinem Karriereknick ist das Aushängeschild der Vergangenheit nun auch wieder Teil der mutmachenden Gegenwart, doch die Frage bleibt: Reicht seine Qualität auch für Herthas Zukunft?

Sein Selbstvertrauen ist jedenfalls wieder intakt, so wie Hertha als Team hat auch Plattenhardt zu alter Sicherheit gefunden. Auf dem Platz agiert er dabei ähnlich wie in Interviews: nur nicht zu viel Risiko eingehen, solide agieren, lieber den sicheren Ball spielen und bei Gelegenheit auf Standards vertrauen. Eine Taktik, die derzeit funktioniert.

Als sich das Training im Anschluss an das Interview dem Ende neigte, legte sich Plattenhardt den Ball zum Freistoß zurecht und machte das, was ihm im Spiel zuletzt vor knapp drei Jahren gelang: Er zirkelte den Ball ins Netz. Scheint, als sei er fast wieder der Alte.

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