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Ex-Herthaner Hany Mukhtar: Eine Frage des Vertrauens

Hany Mukhtar galt als vielversprechendes Hertha-Talent, schoss Deutschlands U19 zum EM-Titel. Jetzt wechselt er in die USA.

Hany Mukhtar (l.) machte drei Spiele für die deutsche U21.

Hany Mukhtar (l.) machte drei Spiele für die deutsche U21.

Foto: Robin Rudel / picture alliance / Pressefoto Rudel

Berlin. Kurz vor Weihnachten hat sich Hany Mukhtar selbst beschenkt. Ein Koffer mit einer mobilen Spielekonsole, besonders geeignet für lange Reisen. Mukhtar freut sich: „Die werde ich sicher öfter benutzen“, sagt er und lacht.

Wenn man so will, ist der Koffer ein Investment für die Zukunft. Im Fall von Mukhtar heißt die Nashville, Tennessee. Dort, beim Nashville SC, wird der gebürtige Berliner im kommenden Jahr spielen. Der Klub nimmt zum ersten Mal am Spielbetrieb der Major League Soccer (MLS) teil, die Liga wird 2020 um zwei Mannschaften erweitert. Neben Nashville geht auch Inter Miami in seine Debütsaison.

Nashville ist der Western Conference zugeteilt worden, lange Flugreisen an die Westküste stehen dem Neuling bevor. Mögliche Langeweile hat Mukhtar vor, mit Videospielen zu überbrücken, dafür der Koffer. Den Rest will er auf sich zukommen lassen.

Bald liegen 7500 Kilometer zwischen Mukhtar und seiner Heimat

Mitte Januar geht die Vorbereitung los, bis dahin verbringt der 24-Jährige noch einige Tage bei der Familie in Berlin. Zeit für Heimatbesuche wird er so schnell nicht wieder haben, zwischen Nashville und Berlin liegen 7500 Kilometer und ein Weltmeer. So groß wie die Distanz ist auch der Karriereschritt, zu dem sich der Mittelfeldspieler entschieden hat.

Im kommenden Frühjahr wird Mukhtar 25 Jahre alt, rein biologisch betrachtet erreicht er dann den Leistungszenit als Profifußballer. Allein deshalb ist der Gang in die MLS ein ungewöhnlicher Schritt. Die Liga hat eher den Ruf, ein letzter Stopp vor dem Eintritt ins sportliche Rentenalter zu sein, besonders bei verdienten Europäern ist die MLS ein beliebtes Ziel. Bastian Schweinsteiger hat dort zuletzt seine Laufbahn stilvoll ausklingen lassen, Zlatan Ibrahimovic und Wayne Rooney waren auch schon da. „Natürlich verwundert mein Schritt erstmal, aber ich habe es mir gut überlegt“, sagt er. Da ist nämlich noch was. Mukhtar ist ein feinfühliger Mensch. Je länger das Gespräch mit ihm geht, desto öfter fällt das Wort Vertrauen.

2014 schießt der damaliger Herthaner die deutsche U19 zum EM-Titel

Vertrauen ist für Fußballer essenziell, für Mukhtar ist es mehr. Vertrauen hat er nicht immer gespürt als Profisportler, auch deshalb verläuft seine Karriere, wie sie verläuft. Mit Mitte 20 in die MLS. Mukhtar stammt aus der erfolgreichen Jugendabteilung von Hertha BSC, vor zehn Jahren gehörte er dort zu den hoffnungsvolleren Talenten. Als er 2014 im Finale der U-19-EM für Deutschland das entscheidende Tor gegen Portugal (1:0) erzielte, nahm der Rummel um ihn zu. Sein Gesicht sah er nun öfter in der Zeitung. Mit der Berühmtheit kamen aber auch die Fragen. Bei Mukhtar lautete die am häufigsten gestellte: Warum spielt der nicht öfter?

Herthas damaliger Trainer Jos Luhukay konnte mit dem schlaksigen Fußballer wenig anfangen. Bei einer Körpergröße von nur 1,74 Meter und einem Gewicht von 65 Kilo galt er vielen, Luhukay eingeschlossen, als zu schmächtig für die raue Profiwelt. Der Trainer ignorierte das Talent, bei Mukhtar regte sich Trotz. Als der portugiesische Rekordmeister Benfica Lissabon anfragte, überlegte der Mittelfeldspieler nicht lange. Aber auch in Portugal wurde es nichts.

In Dänemark wird der Berliner zum Spieler des Jahres gewählt

„Im Nachhinein war ich zu ungeduldig,“ sagt Mukhtar heute. Es ging weiter nach Salzburg, ohne Erfolg. Erst in Dänemark, bei Bröndby IF, gelang ihm der Durchbruch. Der Trainer, der ihn holte, war Alexander Zorniger, einst beim VfB Stuttgart und bei RB Leipzig. Zorniger ist in Deutschland vor allem wegen seines schwäbischen Dialekts und seinem unglücklichen Umgang mit der Presse in Erinnerung geblieben. Dass er auch ein hervorragender Fachmann und Trainer ist, fiel hier zu selten auf. So wie Mukhtars Talent zu selten auffiel.

Die beiden passten hervorragend zusammen und wenn Mukhtar heute von Zorniger redet, dann spricht er vor allem von dem Vertrauen, welches dieser ihm entgegenbrachte. „Ich habe in den dreieinhalb Jahren über hundert Spiele gemacht. Das ist schon eine Menge“, sagt er. In Dänemark wurde er zum Spieler des Jahres gewählt, in einer Saison gelangen ihm zehn Tore und vierzehn Vorlagen. Das wäre der ideale Zeitpunkt zum Wechsel gewesen. „Da denkst du schon, besser kannst du eigentlich nicht mehr spielen“, sagt Mukhtar. Angebote gab es reichlich, aber Bröndby hatte schon einige Leistungsträger wie Teemu Pukki abgegeben, Mukhtar wollten sie nicht auch noch ziehen lassen. Da sein Vertrag über vier Jahre ging, musste er bleiben.

In Nashville setzen sie auf Mukhtars Tempo und Qualität

Tatsächlich wurde es nicht besser. Bröndby zollte den qualitativen Verlusten Tribut, Mukhtar kämpfte mehr mit Verletzungen als mit den Gegnern, und Trainer Zorniger musste gehen. „Da war klar, dass es für mich an der Zeit ist“, sagt Mukhtar. Dänemark hatte er liebgewonnen. Die lockere Art der Menschen, die kurzen Wege. Aber ohne Zorniger? Ohne Vertrauen? Mukhtar wäre gern nach Berlin zurückgekehrt. Noch einmal für Hertha, endlich zeigen, was in ihm steckt. Das hätte er zu gern gemacht. Aber von seinem Ex-Klub kam kein Signal.

Nashville meldete sich und Mukhtar spürte wieder Vertrauen. „Sie wollten mich unbedingt, das hat mich beeindruckt“, sagt er. Für die Amerikaner ist der Berliner ein zukünftiger Star, einer, um den herum sie ihr Team aufbauen wollen. „Er bringt noch mal ein anderes Tempo und eine andere Qualität in unsere Mannschaft“, sagt Manager Ian Ayre, der auch schon beim FC Liverpool arbeitete.

Mannschaften werden nur um Spieler herum aufgebaut, von denen die Verantwortlichen überzeugt sind. So wie Nashville von Mukhtar. „Deshalb fühlt sich dieser Schritt richtig an, egal, wie alt ich bin“, sagt er. Was er nicht sagt: Hany Mukhtar ist lieber ein leuchtender Stern in einer kleinen Liga als ein mattes Licht in einem grellen Fußballkosmos.