Bundesliga

Ab jetzt wird’s spannend bei Hertha BSC

Trainer Klinsmann hat Hertha am Ende eines turbulenten Jahres stabilisiert. Die Herausforderungen für 2020 werden dadurch nicht kleiner

Mann mit Vision: Jürgen Klinsmann will mit Hertha mittelfristig um Titel mitspielen.

Mann mit Vision: Jürgen Klinsmann will mit Hertha mittelfristig um Titel mitspielen.

Foto: O.Behrendt / contrastphoto

Berlin. Für jemanden, der bekannt dafür ist, groß zu denken, fiel die Kampfansage überraschend klein aus. Die Zielvorgabe für 2020 sei ganz einfach, sagte Jürgen Klinsmann nach dem 0:0 zum Jahresabschluss gegen Mönchengladbach. Herthas Cheftrainer begnügte sich mit einem einzigen Wort – „Klassenerhalt“. Dabei scheinen die Berliner den Abstiegskampf nach acht Punkten aus fünf Spielen unter Klinsmann bereits hinter sich gelassen zu haben.

Der Relegationsplatz ist zwar „nur“ vier Zähler entfernt, aber im Gegensatz zu Kellerkindern wie Paderborn, Düsseldorf oder Bremen wirkt Hertha inzwischen so stabil wie der Glühweinabsatz auf Berliner Weihnachtsmärkten. Zurück auf Los, könnte man also sagen: Der Absturz unter Vorgänger Ante Covic ist passé, sportlich steht der Hauptstadtklub wieder dort, wo ihn Ex-Coach Pal Dardai im Sommer hinterlassen hatte. Allerdings mit einem großen Unterschied: Die Vorzeichen haben sich inzwischen radikal verändert.

Kann sich Hertha BSC nun Topspieler angeln?

Als 224-Millionen-Euro-Investor Lars Windhorst Ende Juni bei Hertha einstieg, hatte er von „low hanging fruits“ gesprochen, also von wirtschaftlich leicht zu erntenden Früchten. Als Klinsmann Ende November das Traineramt übernahm, hat er womöglich ähnliches gedacht, schließlich ist Herthas Kader eigentlich viel zu gut, um abzusteigen. Was die Leistung des Schwaben keineswegs schmälern soll. Aber richtig spannend wird’s erst jetzt.

Mittel- und langfristig hat Hertha schließlich Großes vor. Die Politik der kleinen Schritte ist vorbei, unter Windhorst und Klinsmann soll geklotzt werden. Der „schlafende Riese“ hat „Champions-League-Spieler“ ins Visier genommen, wie Klinsmann sagt. Neuerdings wehen große Namen durch Westend. Granit Xhaka vom FC Arsenal zum Beispiel oder Dortmunds Mario Götze.

Klinsmanns Ersthilfe funktioniert

In Klinsmann (55) hat Hertha nun einen prominenten Vorkämpfer, einen, der dafür steht, neue Impulse zu setzen und Projekte ins Rollen zu bringen. Dass sein gegenwärtiger Notfallplan (erstmal Punkte sammeln, raus aus der Gefahrenzone) aufgegangen ist, hat den Glauben an eine erfolgreichere Zukunft verstärkt. Ganz Fußball-Deutschland schaut interessiert nach Berlin: Was passiert da bei Hertha? Wo Klinsmann ist, ist schließlich Bewegung.

Ob es Manager Michael Preetz in diesem Windschatten gelingt, nun tatsächliche hochkarätige Verstärkung zu verpflichten? Das wird interessant zu beobachten sein, zumal er unlängst betonte, das teaminterne Gehaltsgefüge im Blick behalten zu wollen. Womit sich die Frage stellt, ob sich Topspieler tatsächlich für das „spannendste Fußball-Projekt in Europa“ (Klinsmann) begeistern können, wenn sie neben einem sportlichen Rückschritt womöglich auch Gehaltseinbußen hinnehmen müssen.

Welcher Trainer führt Hertha in die Zukunft?

Nicht nur wegen neuer Spieler wird das Jahr 2020 für Hertha hochspannend, sondern vor allem wegen der wichtigsten Position im modernen Fußball: der des Trainers. Klinsmann will (bislang) nur bis Saisonende an der Seitenlinie stehen, Stand jetzt braucht es einen anderen Coach, der Hertha in höhere Sphären führt. Als Wunschkandidat gilt dem Vernehmen nach Niko Kovac. Der gebürtige Berliner hat mit Eintracht Frankfurt und Bayern München zwar Erfolge vorzuweisen, vertritt aber einen Spielidee, die eher konservativ als spannend daherkommt.

Ob er sich nun länger für den Trainerjob begeistern kann oder nicht: Klinsmann, von Investor Windhorst ursprünglich als im Aufsichtsrat der Hertha KGaA installiert, wird bei der Wahl des neuen Coaches ein Wörtchen mitreden. Vorerst wird er jedoch selbst versuchen, Hertha voranzubringen. Jetzt, da die akute Abstiegsgefahr gebannt ist, wird er beweisen wollen, dass er dem Team nach erfolgreichem Fußballverhindern auch erfolgreiches Fußballspielen vermitteln kann. Leichter wird diese Aufgabe nicht. Wie knifflig es ist, die Offensive zu stärken, ohne die Defensive signifikant zu schwächen, ist bei Hertha hinlänglich bekannt.

Der Traum vom eigenen Stadion bleibt ein Dauerthema

Für Klinsmann scheint jedoch keine Mission zu anspruchsvoll, auch neben dem Platz nicht. Quasi im Vorbeigehen versucht er, Hertha im Kampf um ein eigenes Stadion zu unterstützen. Zuletzt haute er im Podcast des Berliner SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh auf die Werbetrommel. Tenor: Das ist ein Muss für Hertha und Berlin, daran darf kein Weg vorbeigehen. Mit nicht ganz unwichtigen Details wie der vertrackten Standortfrage wollte er sich dabei nicht lange aufhalten. Dass sich der Berliner Senat vom Klinsmann’schen Schwung beeindrucken lässt, darf daher eher bezweifelt werden.

Klinsmanns eigener Elan scheint indes sogar gewachsen zu sein. Den Weihnachtsurlaub hat er verkürzt, schon am 29. Dezember muss die Mannschaft wieder zum Training antreten. „Wir freuen uns auf die Rückrunde“, sagte er, „die geht ja gleich mit einem Kracher los.“ Fürwahr. Am 19. Januar ist der FC Bayern zu Gast im Olympiastadion. Mal sehen, wie groß oder klein die Kampfansage dann ausfällt.