Fußball

Klinsmann macht es wie einst Kumpel Rudi Völler

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Dominik Bardow
Für immer gute Freunde: Rudi Völler (r.) und Jürgen Klinsmann.

Für immer gute Freunde: Rudi Völler (r.) und Jürgen Klinsmann.

Foto: imago / Norbert Schmidt

Die Arbeit des alten Weggefährten in Leverkusen dient dem Hertha-Trainer als Vorbild für die Umstrukturierung im eigenen Klub.

Berlin. Es ist ja nicht so, dass Jürgen Klinsmann Kaffee trinken war. Klar, der Trainer von Hertha BSC fehlte am Dienstag auf der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel in Leverkusen. Und Bayer-Geschäftsführer Rudi Völler hatte angekündigt, den alten Weggefährten zum Wiedersehen auf ein Heißgetränk einladen zu wollen. Aber zum Kaffee mit Klinsmann dürfte es wohl eher kurz vor oder nach dem Bundesliga-Spiel am heutigen Mittwoch (18.30 Uhr/Sky) kommen.

Der Grund, dass tags zuvor in Berlin nicht der Chefcoach auf dem Podium saß, sondern dessen Assistent Alexander Nouri, liegt wohl eher in der Arbeitsteilung im neuen Trainerstab begründet. Klinsmann und sein Co-Trainer teilen sich nicht nur bei der Leitung des Trainings und der Ansprache der Spieler auf, sondern auch bei den Medienterminen. Und nachdem Klinsmann am Montag bei Facebook Live im Internet noch angekündigt hatte, „in drei bis fünf Jahren auf jeden Fall europäisch und um Titel mitspielen“ zu wollen, durfte einen Tag später eben Nouri ran. Und sagte dabei Sätze wie: „Wir fahren nach Leverkusen, um etwas mitzunehmen.“ Gemeint war mehr als Gratis-Kaffee.

Der Chef in Leverkusen freut sich auf Hertha-Trainer Klinsmann

Zu gern hätte man Klinsmann an dieser Stelle zu seinem Verhältnis zu Völler gefragt. Die Bilder, wie er seinen Sturmpartner nach dem gewonnenen WM-Endspiel 1990 auf Schultern über die Tartanbahn des Römer Olympiastadions trug, sind auch fast 30 Jahre später noch im kollektiven Gedächtnis präsent. Im Gegensatz zu Klinsmann und Ex-Mitspieler Lothar Matthäus etwa harmonieren die beiden früheren Stürmerlegenden nach wie vor sehr gut. „Ich habe Rudi Völler schon länger nicht mehr gesehen. Da freue ich mich riesig drauf“, hatte Klinsmann noch am Sonntag gesagt.

Auch Völler hatte, als er vor drei Wochen am Moskauer Flughafen von Klinsmanns Engagement in Berlin erfuhr, als einer der ersten gratuliert: „Ich freue mich sehr für Jürgen, dass er wieder da ist.“ Dass Klinsmann ihn 2004 als Bundestrainer beerbt hatte, störte den zurückgetretenen Teamchef schon damals nicht: „Der Jürgen kann Dinge verändern, die mir schwerer gefallen wären“, sagte Völler.

Hertha-Assistent Nouri lobt die Aufgabenteilung

Nach einem Kurz-Engagement in Rom konzentrierte sich Völler wieder auf seine Aufgaben in Leverkusen, wirkte als Sportdirektor nach innen und als Galionsfigur nach außen. Eine Funktion, die auch bei Klinsmann denkbar wäre: Fehlt den Berlinern doch seit Jahren ein Sympathieträger außerhalb von Trainerbank und Spielerkader.

Doch anders als Völler, der in Leverkusen ebenfalls als Interimstrainer aushalf, zweimal sogar, hat Klinsmann seinen Lebensmittelpunkt in Kalifornien und will nach Saisonende wieder als Aufsichtsrat und Berater von Investor Lars Windhorst fungieren. Doch wer weiß, ob der 55-Jährige nicht Gefallen an einer gestaltenden Rolle findet. Dass muss sich ja nicht mit den bisherigen Funktionsträgern beißen. Klinsmann hat in seiner wenige Wochen währenden Amtszeit bereits bewiesen, dass er Teamplayer sein kann.

So lobte Nouri etwa am Dienstag, dass er als Assistent auf der Pressekonferenz sitze, dokumentiere „die Persönlichkeit von Jürgen. Wir freuen uns, gemeinsam im Team zu arbeiten, etwas zu verändern und den Mindset vorzuleben. Alle gehören dazu, jeder ist wichtig.“ Klingt nach einer Mentalität, die guttun würde im oft so grummelig gestimmten Berlin. Wobei eine dauerhafte Tätigkeit Klinsmanns nur schwer vorstellbar wäre, sollte sein Engagement als Aushilfstrainer erfolglos verlaufen.

Bei den Berlinern scheint auf sportlicher Ebene vieles im Fluss

So oder so könnte eine Aufteilung auf viele Schultern helfen. In Leverkusen hat Völler die Ex-Profis Simon Rolfes als Sportdirektor und Stefan Kießling als Assistenten der Geschäftsführung installiert und angekündigt, sich mit Blick auf sein Vertragsende 2022 allmählich zurückziehen zu wollen. Bei Bayer wird seit Jahren erfolgreich eine Verteilung der Funktionen praktiziert, wie mittlerweile an vielen Bundesliga-Standorten üblich – außer in Berlin, wo das sportliche Sagen seit zehn Jahren bei Michael Preetz gebündelt ist.

Aber es gibt ja jetzt Arne Friedrich. Der Berliner Ex-Nationalspieler darf bis Saisonende als „Performance Manager“ reinschnuppern, ob ihm eine verantwortliche Stelle bei Hertha zusagt. Was genau seine Aufgaben sind, ist allerdings unklar, weil der 40-Jährige, genau wie Klinsmann und sein übriger Funktionsstab, bis Jahresende keine Einzelinterviews geben wollen.

Und da auch Preetz am Dienstag auf dem Podium fehlte, ließ sich nicht nach der Aufteilung der Aufgaben außerhalb des Platzes fragen. Aber auch da scheint vieles im Fluss zu sein, vertagt auf Winterpause und Saisonende, abhängig von den Ergebnissen. Dennoch scheint Klinsmann für viele bereits seit Langem zu Hertha zu gehören. Als Bayer-Trainer Peter Bosz, am Dienstag bei der Pressekonferenz anwesend, nach dem neuen Berliner Trainer gefragt wurde, sagte er: „Klinsi war ja schon bei diesem Verein.“