Hertha BSC

Kapitän Ibisevic: „Wir haben einen dreckigen Sieg gebraucht“

Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic hofft durch den Sieg gegen Freiburg auf befreite Köpfe, doch die Verunsicherung im Team sitzt tief.

Erleichterung pur: Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic (2.v.l.) bejubelt das Siegtor von Vladimir Darida gegen den SC Freiburg.

Erleichterung pur: Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic (2.v.l.) bejubelt das Siegtor von Vladimir Darida gegen den SC Freiburg.

Foto: Soeren Stache / dpa

Berlin. Am Ende schien sogar etwas Sonne für Jürgen Klinsmann. Nicht, dass der Trainer von Hertha BSC es nicht hinbekommen hätte, auch Wolken „spannend“ zu finden und sich „riesig“ auf das Training im Regen zu freuen. Aber dass sich das Wetter am Sonntag pünktlich zum Auslaufen der Reservisten schlagartig besserte, dürfte selbst den Daueroptimisten Klinsmann noch einmal positiver gestimmt haben. So wie am Vortag der erste Sieg im dritten Spiel unter seiner Ägide.

„Für das Selbstvertrauen und ein bisschen Ruhe“ war das zähe 1:0 gegen Freiburg „extrem wichtig“, hatte der Trainer zuvor im Trockenen gesagt. Nach sieben sieglosen Bundesligaspielen der Berliner hätten nur die drei Punkte gezählt – „egal wie“. Spielerisch sei „noch viel Luft nach oben“, räumte er ein, das sei normal, das wisse man. Aber: „Du kannst dich nicht aus dem Tabellenkeller herausspielen.“ Es gehe vielmehr um Einsatz, Laufbereitschaft und Kampf.

Hertha BSC klettert auf Rang 13

Das hat insofern geklappt, als dass sich die Berliner vom Relegationsrang auf Platz 13 vorschoben, was die Frage nach dem „Wie“ ein wenig in den Hintergrund drängt. Außer dem spektakulären Siegtor von Vladimir Darida hatte Hertha ja alles andere als überzeugt.

„Wir haben guten Charakter und Mentalität gezeigt“, sagte Kapitän Vedad Ibisevic. Es habe sich viel getan in den letzten Wochen. „Wir Spieler sind auch Menschen, wir leiden auch darunter.“ Umso wichtiger sei der Erfolg für die Psyche gewesen. „Wir haben so einen dreckigen Sieg gebraucht, anders ging es auch nicht.“

Dennoch dürften all diejenigen Hertha-Fans enttäuscht sein, die hofften, durch einen neuen Trainer und einen Führungstreffer in einem Heimspiel kehre die Leichtigkeit schnell zurück. Trotz des vermeintlich gestiegenen Selbstbewusstseins dürfte sich diese Hoffnung nicht allzu bald erfüllen. Jedenfalls kaum in diesem Kalenderjahr, wo mit Bayer Leverkusen am Mittwoch (18.30 Uhr, Sky) und Mönchengladbach am Sonnabend im Olympiastadion (18.30 Uhr) noch anspruchsvolle Aufgaben warten.

Die Pfiffe der Fans lächelt Klinsmann weg

Andererseits wurde Mitte September auch über den Heimauftritt gegen Paderborn (2:1) gemosert, bei dem Hertha dem Aufsteiger das Spiel überließ. Dem ersten Saisonsieg folgten zwei mutmachende Siege in Köln (4:0) und gegen Düsseldorf (3:1). Doch die Missstände scheinen mittlerweile zu tief zu liegen, um sie kurzfristig beheben zu lassen.

„Es gibt Gründe, warum wir da unten stehen“, sagte Klinsmann. Das kann für jemanden, der Sätze sagt wie „Der Kapitän ist gesetzt, auch wenn er nicht spielt“, fast schon als Kritik an Mannschaft und Vorgänger gelten.

Dass Freiburgs Trainer Christian Streich hinterher zürnte, dieses Spiel habe seine Mannschaft niemals verlieren dürfen, konnte der Berliner Trainer allerdings nur bedingt nachvollziehen. „Wir haben mehr Torchancen gehabt“, sagte der Schwabe bestimmt.

So klar im Vorteil hatte die Hertha-Mannschaft nicht jeder gesehen. Viele Zuschauer hatten in der ersten Halbzeit gepfiffen. Das seien „alles Momentaufnahmen, aus der Emotion heraus“, wiegelte Klinsmann ab. Er stellte lieber heraus, dass es in der zweiten Halbzeit auch Sprechchöre gegeben habe und dass überhaupt fast 40.000 Zuschauer „hinterm Ofen rausgekommen sind, wo es nicht 25 Grad sind wie im Wohnzimmer“. Klinsmann ist eben ein Trainer, der Ränge eher halbvoll sieht als halbleer.

Verkürzter Weihnachtsurlaub, aber Trainingslager in den USA

Dass die Fans aber derart viele Quer- und Rückpässe ansehen mussten, führte der Trainer auf die Abläufe zurück. Die müsse seine Mannschaft noch verinnerlichen. Deshalb bestätigte Klinsmann, dass er den Trainingsbeginn auf den 29. Dezember vorziehen wird. Hertha fliegt am 2. Januar trotzdem ins Trainingslager nach Orlando und bestreitet das Testspiel gegen Eintracht Frankfurt einen Tag früher, am 8. Januar, um schon am 9.1. zurückkehren zu können.

Vier Tage Urlaub weniger, eine Maßnahme, die nicht bei jedem Spieler gut ankommen dürfte. „Es ist hart, weil alles gebucht war“, sagte Ibisevic über den verkürzten Familienurlaub. „Aber so ist Fußball. Ich werde alleine nach Hause kommen, die anderen werden weiter ihren Urlaub genießen.“ Die Maßnahme zeigt, dass der nette Herr Klinsmann auch unerbittlich sein kann.

Dämpfer für Abwehrchef Stark und Spielmacher Duda

Etwa, indem er Ondrej Duda – in Frankfurt noch in der Startelf – zur U23 delegierte, die 1:3 in Cottbus verlor, und Vize-Kapitän Niklas Stark auf die Bank verbannte. Der Nationalspieler mit EM-Ambitionen habe die Entscheidung „professionell aufgenommen“. Dass verunsicherte Spieler durch solche Maßnahmen noch mehr ins Grübeln kommen könnten, ließ Klinsmann nicht gelten. „Das ist Teil des Profifußballs“, sagte er und lächelte.

Die Taktik, Sorgen einfach wegzulächeln wie Regenwolken, hilft sogar bei kritischen Fragen zum Einfluss des Investors. Ob er Lars Windhorst begründen müsse, warum er auf Viererkette umgestellt habe, wurde Klinsmann allen Ernstes gefragt. Nein, aber wenn, dann hätte er auch kein Problem damit, man pflege ja einen „ständigen Austausch“. Wohl eher nicht über die Taktik. Aber sicher auch nicht nur übers Berliner Wetter.