Bundesliga

Herthas Stürmer stehen unter Strom

Hertha-Coach Klinsmann setzt auf das Duo Selke/Lukebakio, dabei spricht die Statistik für andere Angreifer. Wie lange geht das gut?

Davie Selke (l.) benötigte für sein einziges Saisontor 13 Schüsse, Vedad Ibisevic für seine drei Treffer nur acht.

Davie Selke (l.) benötigte für sein einziges Saisontor 13 Schüsse, Vedad Ibisevic für seine drei Treffer nur acht.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin. Ein wenig wundern darf man sich schon. Bei seinem Dienstantritt als Hertha-Coach hatte Jürgen Klinsmann ja recht klare Aussagen getroffen. Dass die Führungsspieler nun vorweg gehen müssten, zum Beispiel. Und es das Allerwichtigste sei, möglichst schnell Punkte zu sammeln. Dass Tore dafür recht förderlich sind, ist hinlänglich bekannt, doch ausgerechnet jene zwei Profis, die in den vergangenen Jahren die zuverlässigsten Berliner Torschützen waren, spielen bislang keine große Rolle.

Auch für das anstehenden Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Freiburg am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) hat sich Klinsmann frühzeitig festgelegt. Die beiden Altmeister Vedad Ibisevic (35) und Salomon Kalou (34) werden vorerst erneut auf der Bank Platz nehmen. „Wir fangen wieder mit Davie Selke und Dodi Lukebakio an“, sagte der Trainer. Eine erstaunlich klare Entscheidung.

Hertha gibt die wenigsten Torschüsse ab

Nun lassen sich für diese Wahl freilich gute Gründe finden. Selke (24) und Lukebakio (22) verfügen über deutlich mehr Tempo als ihre Kollegen und passen dadurch besser zu jener Art Fußball, die Hertha zuletzt praktizierte. Tief stehen und schnell umschalten – eine Taktik, in der vor allem Solo-Künstler Lukebakio seine Stärken ausspielen kann, zu beobachten beim jüngsten 2:2 in Frankfurt.

Gegen Freiburg und vor eigenem Publikum wird Hertha jedoch eine aktivere Rolle einnehmen müssen als gegen Dortmund oder die Eintracht, zumal der Hauptstadtklub dringend einen Sieg braucht. Erstens, weil die anschließenden Aufgaben in Leverkusen und gegen Tabellenführer Mönchengladbach nicht einfacher werden; zum anderen, um das Aufbruchsmomentum unter Klinsmann am Köcheln zu halten.

Herthas Offensive ist unter dem neuen Heißmacher jedoch noch nicht auf Temperatur gekommen. Auf mutmachende 13 Torschüsse gegen Dortmund folgten gegen Frankfurt nur noch neun. Kein Team der Liga schießt seltener auf den gegnerischen Kasten, insgesamt verzeichneten die Statistiker in dieser Saison erst 137 Versuche. Zum Vergleich: Gegner Freiburg kommt auf 170, selbst Köln oder Augsburg rangieren bei rund 160.

Die Effizienz spricht für Ibisevic und Kalou

Eine echte Stärke ist dafür Herthas Effizienz. Bei der Torquote liegen die Berliner im Liga-Vergleich auf Platz fünf, für einen Treffer benötigen sie im Schnitt knapp sieben Schüsse.

Exemplarisch für diese Kaltschnäuzigkeit steht Ibisevic. Bei nur acht Abschlüssen kommt der Kapitän auf drei Tore, gemessen an seiner Einsatzzeit trifft er statistisch alle 200 Minuten.

Kalou, der in dieser Spielzeit kaum zum Zug kam, toppt diesen Wert sogar noch. Für seinen bislang einzigen Treffer benötigte der Ivorer nur gut 140 Minuten (acht Schüsse). Eine Zielsicherheit, von der Selke nur träumen kann. Seine Bilanz: 632 Minuten, 13 Versuche, ein Tor. Ausbaufähig.

An Lukebakios Quote ist indes wenig auszusetzen, zumal Herthas Rekordeinkauf mit vier Assists auch als Vorbereiter überzeugt. Der Belgier trifft im Schnitt alle 210 Minuten (838 Einsatzminuten, 16 Torschüsse, vier Treffer).

Ähnlich gefährlich zeigt sich Javairo Dilrosun, der gegen Dortmund eingewechselt wurde, in Frankfurt jedoch außen vor blieb. Der Niederländer ist hinter Ibisevic der effizienteste Berliner (drei Tore bei zehn Schüssen) und zudem enorm flink. Warum Klinsmann in Frankfurt auf diesen schnellen Joker verzichtete, sorgte bei einigen Beobachtern für Verwunderung.

Der Unmut unter den Etablierten wächst

Der Trainer ist bemüht, den Konkurrenzkampf im Angriff zu moderieren, verteilt demonstrativ Lob. Die Führungsrolle von Ibisevic und Kalou „verändert sich in keinster Weise, wenn sie nicht spielen“, betonte der Schwabe: „Mir ist es wichtig, dass sie diese Wertschätzung bekommen.“ Doch viel lieber würde das Duo dem Team auf dem Platz helfen. Mit Toren, die niemand bei Hertha in den vergangenen Jahren zuverlässiger schoss als sie.

„Vedad brennt“, hat Klinsmann registriert, „und für Sala gilt genau das gleiche.“ Er weiß: Der Unmut wächst, zumal beide Verträge im Sommer enden – seine Stürmer stehen unter Strom. Vielleicht sollte man ihnen die Chance zur Entladung geben.