Bundesliga

Hertha-Gegner Freiburg: Streich ist der Unberührbare

Bei Hertha-Gegner Freiburg hat man Christian Streich sogar einen Abstieg verziehen. Er stieg wieder auf und steht jetzt vor Bayern.

Christian Streich (M.) ist manchmal schwer zu bremsen, manchmal aber auch sehr reflektiert. Und derzeit steht er mit seinem SC Freiburg in der Tabelle vor den Bayern.

Christian Streich (M.) ist manchmal schwer zu bremsen, manchmal aber auch sehr reflektiert. Und derzeit steht er mit seinem SC Freiburg in der Tabelle vor den Bayern.

Foto: Daniel Kopatsch / Bongarts/Getty Images

Berlin. In hundert Jahren, da ist sich Christian Streich (54) sicher, werden die Menschen noch über diese Saison reden. Allein der Umstand, dass der von ihm trainierte SC Freiburg nach vierzehn Spielen vor dem FC Bayern steht, mache diese Spielzeit besonders. „Das ist eine Meldung im Jahrhundertbuch“, sagt Streich über die ungewöhnliche Tabellensituation.

Christian Streich wird am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr Trainer sein, auch wenn das heute nur schwer vorstellbar ist. Dass Freiburg mal einen anderen Trainer haben könnte als ihn. Seit 2011 ist er für die Profimannschaft zuständig, keiner seiner Kollegen in der Bundesliga kann eine längere Verweildauer bei einem Verein vorweisen.

Streich gegen Klinsmann: Mehr Kontrast geht nicht

Streich tritt am Sonnabend mit seinen Freiburgern bei Hertha BSC an, wo in Person von Jürgen Klinsmann (55) der Trainer mit der kürzesten Amtszeit arbeitet. Klinsmann hat bei den Berlinern erst vor zwei Wochen übernommen. Er ist die neueste Attraktion einer Liga, die ansonsten nicht viele Attraktionen auf den Trainerbänken zu bieten hat. Da ist der hochtalentierte Julian Nagelsmann in Leipzig, sicher. Aber dann? Streich!

Christian Streich ist allein deshalb eine Attraktion, weil er Christian Streich ist. Ein Dialekt sprechender, aufbrausender Mann, der trotzdem sehr reflektiert daherkommen kann. Einer, der kein Getümmel scheut, der sich mit gegnerischen Spielern anlegt und die eigenen auf die Bank setzt, auch wenn sie die sportlich größten Attraktionen in seinem Kader sind. Niemand könnte Streichs Persönlichkeit in einem stärkeren Kontrast erscheinen lassen als Klinsmann.

Streich kann so grimmig schauen wie Klopp

Herthas neuer Trainer ist weit herumgekommen in seinem Leben als Fußballer, er hat in England gespielt und in Italien, in Frankreich auch. Verglichen mit allen anderen Trainern der Bundesliga wurde der Begriff Weltmann für ihn erfunden. Er spricht fünf Sprachen, seinen Lebensmittelpunkt hat er in Kalifornien, wo die Sonne immer lacht und die Menschen auch. Getrieben vom Pioniergeist der Westküste erfindet er manchmal Positionen wie einen Performance Manager, und allein der Umstand, dass er mit Herthas neuem Investor Lars Windhorst eng verbandelt ist, lässt ihn von außen betrachtet wie den mächtigsten Trainer der Bundesliga erscheinen.

Tatsächlich hat diesen Rang Christian Streich inne. Da spielt es auch keine Rolle, dass er in seiner Karriere wenig bis gar nicht herumgekommen ist. Von Freiburg über Stuttgart nach Homburg zurück nach Freiburg. Als Sprache langt ihm Badisch, und wenn er mal was erfindet, dann höchstens einen neuen Gesichtsausdruck. Streich kann so verzerrt dreinschauen wie sonst nur Jürgen Klopp in dieser Branche.

Streichs Freiburger sind die Überraschung der Hinrunde

Dass Freiburg nach vierzehn Spielen auf Platz fünf liegt und Hertha auf fünfzehn, war vor der Saison in etwa so erwartbar, wie dass Jürgen Klinsmann Trainer in Berlin wird. Der SC ist die Überraschung der Hinrunde, selbst die eigenen Spieler können sich nur schwer an ihre Leistungen gewöhnen. „Dass wir so weit vorn stehen, ist schon verrückt, damit haben wir natürlich nicht gerechnet“, sagt Verteidiger Philipp Lienhart.

Auch Trainer Streich gibt sich größte Mühe, überrascht zu tun, dabei ist Freiburger Erfolg am Ende nur die logische Konsequenz des eigenen Handelns. An keinem Bundesliga-Standort kann ein Trainer in derartiger Ruhe arbeiten wie in Freiburg. Der Klub weiß um die eigenen Möglichkeiten, die im Vergleich zu denen in Berlin begrenzt erscheinen. Bei Hertha pumpte Investor Windhorst im vergangenen Halbjahr 225 Millionen Euro in den Verein. Ein Teil davon soll bald in die Mannschaft investiert werden. Freiburg erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr einen Überschuss von 6,9 Millionen Euro.

Es heißt, Streich könne sich nur selbst entlassen

Geld für Transfers ist beim Sport-Club wenig vorhanden, der Verein verfährt meist nach dem gleichen Geschäftsmodell. Junge, talentierte Spieler werden entweder aus der eigenen Jugendabteilung hochgezogen oder von anderen Vereinen günstig verpflichtet. Spieler wie Lienhart, der vor zweieinhalb Jahren von Real Madrid kam. Dort hatte er in der zweiten Mannschaft gespielt. Heute zählt der aktuell verletzte Österreicher zu den größten Verteidigertalenten der Liga. Das gleiche gilt für seinen Nebenmann Robin Koch, der aus Kaiserslautern kam und in Freiburg zum Nationalspieler wurde.

Die Entwicklung junger Spieler gehört zu Streichs ausgewiesenen Stärken. „Er weiß sehr gut, wie er mit jedem Einzelnen umzugehen hat. Manch einer benötigt eine etwas lautere Ansprache, ein anderer vielleicht etwas mehr Zurückhaltung“, sagt Lienhart. Der während Bundesligaspielen sehr impulsive Streich könne alle Bereiche bedienen. So ist es Streich gelungen, immer wieder eine konkurrenzfähige Mannschaft aufs Feld zu schicken. Das Vertrauen der Klubführung in ihn ist groß. Selbst der Abstieg vor fünf Jahren konnte dem Trainer nichts anhaben. Freiburg ging mit ihm in die Zweite Liga und stieg sofort wieder auf.

Christian Streich besitzt inzwischen einen Status, der besagt, dass er sich nur selbst entlassen kann. Über eine ähnliche Jobgarantie verfügt ansonsten nur einer in der Liga: Jürgen Klinsmann.