Bundesliga

Hertha BSC: Besserwerden im Bad-Boy-Stil

Hertha BSC zeigt unter Jürgen Klinsmann zwar alte Schwächen, aber zugleich ein neues Gesicht. Paradebeispiel ist ein Mittelfeldspieler.

Herthas Marko Grujic war in Frankfurt an beiden Berliner Toren beteiligt. Und teilte nicht nur gegen Djibril Snow aus.

Herthas Marko Grujic war in Frankfurt an beiden Berliner Toren beteiligt. Und teilte nicht nur gegen Djibril Snow aus.

Foto: Heiko Becker / picture alliance / HMB Media/ Heiko Becker

Berlin. Unter Druck baut selbst ein innovativer Kopf wie Jürgen Klinsmann auf alte Weisheiten. „Früher haben uns große Trainer gesagt, dass das Spiel über Zweikämpfe entschieden wird“, erklärte der Hertha-Coach am Tag nach dem 2:2 (1:0) in Frankfurt, „und das stimmt heut’ immer noch.“ Dass man mit diesem Spielstil keine Sympathien gewinnt, ist dem Schwaben reichlich egal, in Berlin ist er derzeit eher Pragmatiker als Visionär. „Wenn du unten drin stehst, geht’s nicht um Schönspielerei“, sagte er, „dann geht’s nur um Punkte.“

Genau daran hatte es bei Hertha ja zuletzt arg gehapert, doch in Spiel zwei unter Klinsmann heimste der Hauptstadtklub nach fünf Nullrunden in Folge erstmals wieder Zählbares ein. Trotzdem wirkten die Berliner Profis recht bemüht, als sie das Remis als Erfolg verkauften, schließlich hatten sie eine Zwei-Tore-Führung verspielt.

Abwehrchef Stark: „Wir wollen ekelig sein“

„Ein Sieg wäre natürlich fantastisch gewesen“, meinte Mittelfeldspieler Marko Grujic, „aber auch ein Punkt kann gut sein für das Selbstvertrauen. Und was der neue Trainer bewirkt, konnte man über weite Strecken sehen.“

Tatsächlich knüpfte die Mannschaft dort an, wo sie beim 1:2 gegen Dortmund aufgehört hatte. Fußballerisch ließen die Berliner zwar vieles zu wünschen übrig, doch Einstellung, Kampfbereitschaft und Galligkeit waren unübersehbar.

„Wir wollen eklig sein“, sagte Kapitän Niklas Stark: „Jeder soll denken: Oh Gott, jetzt kommt Hertha. Das ist ein Ziel von uns, und so versuchen wir auch unsere Punkte zu bekommen.“

Deutlich verbesserte Zweikampfquoten

Statistisch zählte Hertha zwar auch unter Klinsmanns Vorgänger Ante Covic zu den zweikampfstärksten und am meisten foulenden Teams der Liga, doch ihr Biss war den Berlinern zuletzt abhandengekommen.

Ein Beleg dafür findet sich in den Zweikampfwerten bei den Niederlagen gegen Leipzig (45 Prozent) und Augsburg (42 Prozent). Seit Klinsmann seiner Elf neuen Mut eingetrichtert hat, steigerte sich Hertha gegen Dortmund (57 Prozent) und Frankfurt (54 Prozent) deutlich.

Während Ex-Coach Pal Dardai seinen Schützlingen einst ein gewisses „Schwiegersohn“-Verhalten attestierte, hat Klinsmann (55) offenbar das Bad-Boy-Gen aktiviert. „Wir müssen auch mal austeilen, wenn es drauf ankommt“, sagte der Trainer, „das haben die Spieler kapiert.“

Grujic nähert sich seiner Form der Vorsaison

Einer, der in Frankfurt früh den Ton setzte, war Grujic, der nach zwei Minuten Eintracht-Verteidiger Martin Hinteregger umsenste. Ein klares Signal, dass der seit Wochen formschwache Serbe vorangehen wollte. Am Ende war er der Berliner mit den meisten Ballkontakten (57), erfolgreichen Pässen (28) und gewonnenen Zweikämpfen (18).

„Marko hat ein sehr imponierendes Spiel gemacht“, lobte Klinsmann dann auch, wenngleich dem Achter längst nicht alles gelingen wollte. Seine Vorarbeit vor Dodi Lukebakios 1:0 (30.), bei der er den Ball aus dem Fußgelenk weiterleitete, war allerdings sehenswert, ehe er beim zweiten Treffer (63.) seine eigene Torgefährlichkeit bewies.

Schon zwölf Gegentore nach ruhenden Bällen

Die mangelnde Ballsicherheit im Mittelfeld vermochte aber auch Grujic nicht zu kaschieren. Insgesamt blieb das Berliner Zentrum aus ihm, Vladimir Darida und Ondrej Duda blass – Letztgenannter zwang Klinsmann sogar zu einer Auswechslung.

Nachdem der Slowake in der Vorwoche nicht mal im Kader gestanden hatte, hatte er es mit der Bad-Boy-Manier etwas übertrieben. Nach einer frühen Gelben Karte (9.) entging er unmittelbar nach der Pause nur mit Glück einem Platzverweis. „Das konnte ich nicht riskieren“, sagte Klinsmann, der den Spielmacher „erst noch besser kennenlernen“ möchte.

Ein weit größeres Ärgernis bleibt jedoch Herthas Anfälligkeit bei Standards. In Frankfurt fielen beide Gegentore nach Ecken, es waren die Treffer elf und zwölf nach ruhenden Bällen. Doch sogar hier schaffte es Klinsmann, eine Schwäche als Stärke zu verkaufen. „Frankfurt hatte 16 Ecken“, sagte er mit süffisantem Lächeln, „das heißt, wir haben zumindest bei 14 gut gestanden.“

Maier sammelt Spielpraxis in der U23

Daran, dass er Herthas Standard-Problem äußerst ernst nimmt, ließ er jedoch keinen Zweifel. „Das hängt mit Konzentration, Lautsein und Körpersprache zusammen“, sagte er, „daran müssen wir arbeiten.“

Ob sich die Effekte der geplanten Standard-Einheiten schon am Sonnabend (15.30 Uhr) im Heimspiel gegen Freiburg zeigen werden? Das bleibt abzuwarten, genauso wie die Rolle der Führungsspieler Vedad Ibisevic und Salomon Kalou. Beide Routiniers saßen gegen die Eintracht auf der Bank, dabei hätten sie in der Frankfurter Schlussoffensive mit ihrer Erfahrung Entlastung bringen können.

Ähnliches gilt für den ballsicheren Arne Maier, der am Freitag Spielpraxis in der U23 sammelte, obwohl er nach seiner Verletzung schon wieder im Profi-Kader gestanden hatte. Warum er den Profis aktuell noch nicht helfen kann? Vielleicht auch, weil er bislang eher als Edel-Kicker in Erscheinung getreten ist. Und weniger als Bad Boy.