Bundesliga

Herthas Davie Selke – Mit Tempo zurück in die Startelf

Hertha-Stürmer Davie Selke erhält vom neuen Trainer Jürgen Klinsmann viel Vertrauen. Die Gründe dafür leuchten ein.

Hertha-Stürmer Davie Selke (r.) brachte Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels mehrfach in die Bredouille.

Hertha-Stürmer Davie Selke (r.) brachte Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels mehrfach in die Bredouille.

Foto: O.Behrendt via www.imago-images.de / imago images/Contrast

Berlin. Den kindlichen Spaß am Fußball, den er einst beim Kicken mit dem Großvater im Garten verspürte, hat sich Davie Selke (24) immer bewahrt. Wer Herthas Stürmer beim täglichen Training beobachtet, sieht einen jungen Mann, der bei all seinem Ehrgeiz viel lacht und mit den Kollegen flachst. Der gern mal einen Spruch zum Besten gibt und für Unsinn aller Art empfänglich ist, etwa die Fahrt auf einem überladenen Golfcart. Kurz: Selke ist eine Frohnatur, einer, mit dem man gern seinen Arbeitstag verbringt.

Da passt es nur gut, dass der neue Trainer Jürgen Klinsmann (55) und sein Funktionsteam Spaß zur neuen Leitkultur bei Hertha ausgerufen haben. Geht es um die Verkörperung dieser Vorgabe, ist Selke die perfekte Besetzung.

Sportlich betrachtet, liegen hinter dem Stürmer triste Wochen. Unter Klinsmanns Vorgänger Ante Covic war der einst teuerste Transfer der Hertha-Historie (acht Mio. Euro Ablöse) über den Status des Teilzeitarbeiters nicht hinausgekommen. Von zwölf Einsätzen wurde er acht Mal eingewechselt, dabei gelang ihm nur ein Tor. In der internen Stürmerhierarchie war er hinter Dodi Lukebakio (22) und Vedad Ibisevic (35) zurückgefallen. Keine einfache Zeit für Selke, der nun zu den größten Profiteuren des Trainerwechsels gehören könnte.

Selke ähnelt dem früheren Spieler Klinsmann

Bei Klinsmanns Debüt gegen Dortmund durfte er durchspielen, Lukebakio wurde im Laufe der zweiten Halbzeit durch Ibisevic ersetzt. Zu seinem Arbeitsnachweis gehörte auch ein vermeintlicher Treffer, der wegen einer minimalen Abseitsstellung nicht gegeben wurde. Selke präsentierte sich in den 90 Minuten laufstark und bestritt seine Zweikämpfe mit viel Energie – Voraussetzungen, die ihn zum idealen Spieler für die Ausrichtung des neuen Trainers machen, der als Aktiver einen ähnlichen Stil pflegte.

Klinsmann und sein Trainerteam haben es bisher vermieden, konkrete Aussagen über die Art und Weise zu treffen, mit der sie Hertha aus der Abstiegszone führen wollen. „Es geht um das, was realistisch ist, was am besten zur Mannschaft passt und was am besten umsetzbar ist, um Punkte zu holen“, hatte Klinsmann jüngst gesagt. Und das er in Zukunft „mehr Tempo“ im Spiel haben möchte. So wie während seiner Zeit als deutscher Nationaltrainer, wo er die Maxime vertrat, junge Spieler müssten mindestens einmal am Tag „richtig durchschwitzen“.

Was weniger gut zum Kader passte, war in den Monaten unter Covic zu sehen. Der wollte die von Vorgänger Pal Dardai auf Umschalten getrimmte Mannschaft mit mehr Dominanz und mehr Ballbesitz ausstatten, eine Idee, die nicht zuletzt bei Manager Michael Preetz Anklang fand. Hertha sollte nach Jahren des Reagierens plötzlich agieren, ohne dass es einem Großteil der Spieler behagte.

Auch Lukebakio und Dilrosun dürften profitieren

Covic drang inhaltlich nicht zu ihnen durch, offensiv fand die Mannschaft kaum Lösungen, erst recht nicht, wenn sich der Gegner tief in die eigene Hälfte zurückzog. Es lässt tiefer blicken, wenn Selke jetzt sagt: „Der neue Trainer gibt uns Vertrauen, er gibt uns Kraft, überfrachtet uns aber auch nicht mit seiner Idee von Fußball.“

Bei Covics Kombinationsansatz war Selke eher Bremsstein, für Klinsmanns Vorstellung von Tempo könnte er zum Katalysator werden. „Unser Spiel hat sich verändert. Es ist intensiver geworden, aufwendiger. Daran arbeiten wir weiter. Wir hatten sehr intensive Trainingseinheiten. Das wird sich in den kommenden Wochen widerspiegeln“, sagt Selke.

Neben seiner Person dürften auch andere Hochgeschwindigkeitsfußballer wie Lukebakio und Javairo Dilrosun (21) von der neuen Ausrichtung profitieren. Die waren bisher immer stark, wenn Hertha einmal Tempo aufnahm. Auch Außenbahnspieler Marius Wolf (24) könnte sich weiter in den Fokus spielen.

Klinsmann stärkt Herthas Stärken

Faktisch lässt sich der Wandel im Berliner Spiel schon belegen. Gegen Dortmund legte die Mannschaft zusammen 120,55 Kilometer zurück, mehr als in jedem vorangegangenen Spiel unter Covic. Während dessen Zeit kam Hertha auf einen Schnitt von 112,81 Kilometer pro Spiel. Aktuell haben nur Düsseldorf und Köln weniger Kilometer in den Beinen als die Berliner.

Auch in den Kategorien Sprints (Platz 11) und intensive Läufe (Platz 13) befindet sich Hertha im unteren Mittelfeld. Zwar ist Erfolg nicht automatisch mit einer höheren Laufleistung verbunden, wie das Beispiel Paderborn (Platz zwei mit durchschnittlich 119,25 Kilometern) belegt, aber im Fall der Berliner ist sie dringend notwendig, um die Vorzüge des Kaders zu betonen.

Was der Trainer denn schon positives für die Mannschaft bewirkt hätte, wurde Davie Selke dieser Tage gefragt. „Er stärkt uns in unseren Stärken“, antwortete er. Dabei dürfte der Stürmer ganz wesentlich an seine eigenen gedacht haben.