Bundesliga

Klinsmann setzt im Abstiegskampf auf Erfahrung

Hertha-Trainer Klinsmann vertraut im Abstiegskampf auf Kalou und Ibisevic. Auch Selke soll wichtiger sein als unter Covic.

Jürgen Klinsmann bespricht sich mit Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic (l.), der auf seinen Einsatz wartet.

Jürgen Klinsmann bespricht sich mit Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic (l.), der auf seinen Einsatz wartet.

Foto: Matthias Koch

Berlin.  Seit seiner Ankunft in Berlin wird jedes Wort von Jürgen Klinsmann (55) besonders sorgfältig begutachtet. Die „Süddeutsche Zeitung“ etwa zählte genau mit, wie oft der neue Trainer den Namen des Investors Lars Windhorst während seiner ersten Pressekonferenz erwähnte – 15 Mal. Jener Windhorst, der Klinsmann erst in den Aufsichtsrat schickte und dann zum Trainer machte?

Schon während seiner Zeit als Spieler hatte Klinsmann eine spezielle Aura umweht. Nach außen lächelnd, nach innen hart und konsequent, sei es bei Vertragsverhandlungen oder später als Trainer bei Personalentscheidungen. Nicht greifbar zu sein, erhob er zur Kunstform. Klinsmann gibt nicht gern Einblicke, er präsentiert lieber vollendete Tatsachen. Vor diesem Hintergrund wurde mit besonderer Spannung erwartet, auf welche Spieler er sich für sein erstes Spiel als Hertha-Trainer festlegen würde. Tatsächlich sah die Mannschaft auf gewissen Positionen anders aus als unter Vorgänger Ante Covic. Klinsmann vertraute Karim Rekik in der Verteidigung, im Angriff spielte Davie Selke neben Dodi Lukebakio und zur zweiten Halbzeit kamen Salomon Kalou (34) und Vedad Ibisevic (35) ins Spiel, Herthas Älteste. Rekik, Selke und Kalou gehörten nicht unbedingt zu Covics Favoriten, von dem Trio wurden Rekik und Selke eher selten und Kalou fast nie eingesetzt.

Selke erinnert an den Stürmer Klinsmann

Dem Vernehmen nach soll Klinsmann besonders von Selke angetan sein, der mit all seinen Stärken (Tempo, Mentalität, Abschluss) und den Schwächen (Ballannahme, Kombinationsspiel) dem früheren Nationalspieler nicht unähnlich ist. Selke verfügt über beste Aussichten, in Zukunft wieder häufiger seine Wichtigkeit unter Beweis stellen zu dürfen. Dass dem Stürmer gegen Dortmund ein Tor wegen einer knappen Abseitsstellung verweigert wurde, ärgerte Klinsmann sehr. Mit Co-Trainer Alexander Nouri gibt es einen weiteren Fürsprecher im Team: Nouri und Selke kennen sich aus den Jahren 2014 und 2015, als Nouri Trainer der U23 von Werder war und Selke in Bremen seine erste Saison bei den Profis spielte.

In den vergangenen Tagen sprach Herthas Trainer häufig davon, die erfahrenen Spieler in seine Pläne einweihen zu wollen. Oder wie Klinsmann es formulierte: „sie mit ins Boot zu nehmen“. Dazu passt die Berücksichtigung von Rekik (25), der zwar jung an Jahren aber reich an Erfahrung ist, sowie die von Kalou und Ibisevic. Letzterer bleibt auch unter Klinsmann Kapitän. Der neue Trainer hat den Angreifer als klaren Anführer der Gruppe ausgemacht. Rekik, Kalou, Selke und Ibisevic verfügen über das mentale Rüstzeug für die missliche Lage, in der sich Hertha als Liga-16. befindet. Auch Marko Grujic, der talentierteste Spieler im Berliner Kader, soll in Zukunft wieder so glänzen wie in der vergangenen Hinrunde. Klinsmann hält viel von dem Serben und will ihm zu ansteigender Form verhelfen.

Was wird aus Maier und Duda?

Für einige leisere Vertreter im Kader könnte es dagegen schwierig werden. Ondrej Duda, in der vergangenen Saison Herthas bester Scorer mit elf Toren und sechs Vorlagen stand gegen Dortmund nicht einmal im Kader, obwohl er fit ist. Auch Arne Maier, der nach langer Verletzungspause von Covic in Augsburg sofort eingesetzt wurde, fand keine Berücksichtigung. Klinsmann sagte dazu: „Arne und Ondrej sind voll im Blickfeld und fester Bestandteil unserer Überlegungen. Aber wir können jetzt erstmal nur ein Thema nach dem anderen abarbeiten“.

Duda hatte bereits unter Covic einen schweren Stand. Bei lediglich sechs Spielen durfte er mitwirken, nur einmal davon über komplette 90 Minuten. Der Slowake gilt als Spieler, der besonders viel Zuspruch braucht. Herthas langjähriger Trainer Pal Dardai hatte Duda und dessen Umfeld regelrecht studiert und geschaut, was er benötigt, um sein Potential auszuschöpfen. Dass Klinsmann in der jetzigen Situation den gleichen Aufwand betriebt, ist mehr als fraglich.

Welche Chancen hat Lukas Klünter?

Wie Duda fehlte gegen Dortmund auch Eduard Löwen im Kader. Der Zugang, für den Hertha im Sommer um die sieben Millionen Euro an den 1. FC Nürnberg überwiesen hatte, kommt in Berlin nur schwer an. In der Vorwoche hatte er in Augsburg wegen eines Infekts passen müssen. Diesmal war Löwen nicht dabei, weil er am Freitag bei der U23 in der Regionalliga 90 Minuten im Einsatz war, um Spielpraxis zu sammeln (0:0 gegen Erfurt). Stattdessen stand Pascal Köpke, Sohn des neuen Torwarttrainers Andreas Köpke, im Aufgebot, der in diesem Jahr noch ohne eine einzige Minute in der Bundesliga ist.

Sollte Hertha auch in Zukunft mit einer Dreierkette agieren, könnten sich die Einsatzzeiten für Lukas Klünter stark verknappen. Der Außenbahnspieler gehörte zu den wenigen Gewinnern der Covic-Zeit, in elf von zwölf möglichen Bundesligaspielen stand er über 90 Minuten auf dem Platz. Bei Klinsmanns Debüt saß er 90 Minuten auf der Bank. Ein Indiz dafür, dass sich auch kaderintern gerade einiges verschiebt bei Hertha BSC.