BUNDESLIGA

Hertha BSC: Klinsmann auf der Suche

Jürgen Klinsmann, Herthas neuer Trainer, fahndet nach seiner Niederlage zum Einstand nach den passenden Puzzleteile bei den Berlinern.

Frostige Zeiten beim Tabellen-16. Hertha BSC: Auch zum Einstand von Trainer Jürgen Klinsmann (v.) verlor Hertha, diesmal 1:2 gegen Dortmund.

Frostige Zeiten beim Tabellen-16. Hertha BSC: Auch zum Einstand von Trainer Jürgen Klinsmann (v.) verlor Hertha, diesmal 1:2 gegen Dortmund.

Foto: Foto: Gora / dpa

Berlin. Zu all den spannenden Aufgaben, die laut eigener Aussage auf Herthas neuen Trainer Jürgen Klinsmann (55) gerade warten, gehört auch jene, „25, 26 Spieler näher kennenzulernen“. Viele neue Gesichter, von denen ihm noch nicht alle geläufig sind. Gut nur, dass Klinsmann vor diesem Hintergrund neben all den neuen Gefolgsleuten auch noch einige langjährige Mitglieder des Berliner Fußball-Betriebs in seinem Stab hat. Mitglieder wie Henrik Kuchno, dem Athletiktrainer, der am Sonntagmorgen einen besonders dreisten Gast enttarnte. Ein junger Mann, in kompletter Hertha-Trainingsmontur gekleidet, hatte versucht, an der Einheit teilzunehmen. Auf dem Platz fiel Kuchno aber schnell auf, dass es sich um keinen Spieler handelte und schickte den Mann fort.

Klinsmann selbst bekam davon nur wenig mit. Er war eingangs damit beschäftigt, die 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund vor den versammelten Medienvertretern aufzuarbeiten. Vor allem das Tor von Davie Selke, das wegen einer millimeterknappen Abseitsstellung des Stürmers nicht gegeben wurde, schmerzte ihn noch. „Wir glauben, es war kein Abseits. In Köln glauben sie, es war Abseits. Sonst wäre das Spiel gekippt, dann hätten wir auch gewonnen. Jetzt haben wir es verloren, aber im großen und ganzen sind wir mit der Mannschaft zufrieden“, sagte Klinsmann.

Trotz Überzahl zu wenig Chancen

Tatsächlich gab es einige Aspekte, die dem neuen Trainer gefallen haben dürften. Laufbereitschaft und Einsatzfreude waren anders als in den vergangenen Spielen in größerem Maß vorhanden. Oder wie Klinsmann es ausdrückte: „Der Wille war da, die Unterstützung für einander war da. Sie wollten das Tempo hochhalten, so lange es ging. Die innere Chemie stimmt.“ Die stand ohnehin nie infrage, Herthas Mannschaft gilt als homogene Gruppe mit einem intakten Innenleben.

Nur fehlte es auf dem Feld zuletzt an vielem, vor allem an einer fußballerischen Idee. Hertha tat sich im bisherigen Saisonverlauf enorm schwer, Chancen aus dem Spiel heraus zu kreieren, daran konnte Klinsmann nach drei Tagen im Amt als Cheftrainer noch nichts ändern. Als Dortmund nach der Gelb-Roten Karte gegen Mats Hummels (45. Minute) eine Halbzeit lang in Unterzahl spielen musste, dauerte es bis zur Nachspielzeit, ehe es Hertha gelang, noch zwei Möglichkeiten herauszuspielen. „Wir haben uns ein bisschen mehr erwünscht“, sagte Klinsmann.

Klinsmann ist kein Systemfanatiker

Für sein Debüt wählte der Trainer eine Dreierkette in der Abwehr, vorn begann er in Person von Dodi Lukebakio und Davie Selke mit zwei Stürmern. Später wurde defensiv auf Viererkette umgestellt und Verteidiger Dedryck Boyata ins Sturmzentrum beordert. Als Hinweis, dass Hertha in den kommenden Wochen versuchen wird, in dieser Grundordnung die Abstiegszone zu verlassen, wollte Klinsmann seine Aufstellung nicht sehen: „Ich bin kein Systemfanatiker, ich bin sehr flexibel. Die Spieler sind ohnehin geschult in ihrer Ausbildung auf mehrere Systeme, die können alle Systeme rauf- und runterspielen.“

Heißt, Herthas Trainer möchte auch in Zukunft wechseln, je nachdem gegen wen es geht. „Wir werden für den Moment genau überlegen wer unser Gegner ist und nicht sagen, wir drücken dem Gegner unser System und unser Spiel auf. Da wird schon variiert. Beim nächsten Mal kann es ein 4-4-2 sein oder ein 4-2-3-1. Eigentlich ist das nicht wichtig“, sagt Klinsmann.

BVB spielt Herthas Abwehrkette aus

Unter Vorgänger Ante Covic war gerade die taktische Ausrichtung immer wieder ein Thema gewesen. Covic wechselte viel, spielte mal so, mal so, was dazu führte, dass die Mannschaft immer unsicherer wurde und viele Spieler oft nicht wussten, was genau sie eigentlich machen sollten. Als taktisch flexibel erwiesen sich während dieser Zeit nur die Wenigsten.

Gegen Dortmund fielen beide Gegentore über die Außenbahnen, also jenen Bereich, den Klinsmann mit seiner Aufstellung absichern wollte. Das gelang nicht, weil auch die Umschaltbewegung unzureichend war. Mit präzisen Pässen in die Schnittstellen hebelten die Dortmunder Herthas Abwehr aus.

„Wir müssen den Status quo analysieren und mit der Mannschaft die Themen diskutieren. Es ist ganz, ganz wichtig, dass die Spieler da mit im Boot sind. Angefangen mit Vedad Ibisevic und den Erfahrenen“, sagt Klinsmann. Während seiner Zeit als deutscher Nationaltrainer war er als Förderer von jungen Spielern aufgefallen, in der prekären Situation, in der Hertha als Drittletzter aktuell steckt, wird er vermutlich von diesem Ansatz abkehren. Ibisevic und Salomon Kalou, der von Covic kaum noch beachtet worden war, wurden gegen den BVB eingewechselt, als Hertha mit aller Macht den Ausgleich herbeiführen wollte.

Rekik gewinnt alle Zweikämpfe

Karim Rekik, unter Klinsmanns Vorgänger ebenfalls oft außen vor, stand von Beginn an auf dem Feld und sollte mit seiner Ausstrahlung Sicherheit herbeiführen. Resultat: Rekik war mit 100 Prozent gewonnen Duellen Herthas bester Zweikämpfer. Mindestens bis zur Weihnachtspause wird die Suche nach dem richtigen Personal und der richtigen Formation für Klinsmann und sein Team weitergehen.

„Wir wollen uns auf die Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren, um zu sehen, wo passen verschiedene Puzzlestücke besser zusammen“, sagt er. Will Hertha die Negativserie von fünf Niederlagen in Serie beenden, muss er diesen Prozess möglichst beschleunigen.