Bundesliga

Hertha BSC gegen Borussia Dortmund: Zauberer gegen Zauderer

Während der neue Hertha-Coach Jürgen Klinsmann den Berliner Aufbruch verkörpert, hadert Gegner BVB mit sich und Trainer Lucien Favre.

Hertha-Coach Jürgen Klinsmann.

Hertha-Coach Jürgen Klinsmann.

Foto: Christian Marquardt / Bongarts/Getty Images

Berlin. Was Jürgen Klinsmann macht, wenn er sich ausgelaugt und kraftlos fühlt? Jedenfalls kein Nickerchen, nein, nicht einmal einen dynamischen Powernap. „Ich bin noch mal kurz aufs Laufband gegangen“, erzählte der neue Chefcoach von Hertha BSC am Freitag, „einmal kurz durchschwitzen.“ Viel Arbeit und wenig Schlaf? Kein Problem für den Jetlag-erprobten Klinsmann (55), dessen Lauf-Anekdote natürlich bestens zu seiner Hauptstadt-Mission passt. Energie ausstrahlen, Tatendrang verströmen und Potenziale wachkitzeln, kurz: die strauchelnden Berliner wieder in die Spur bringen. Dafür ist er hier.

Dass er wie kaum jemand sonst im deutschen Fußball für Erneuerung und Aufbruchsstimmung steht, liegt vor allem an seinem Wirken als Teamchef der Nationalmannschaft vor rund 15 Jahren. Die Bilder sind ja sofort wieder präsent, Poldi, Schweini und die anderen jungen Wilden, mitreißender Fußball, Siege und Sommermärchen, das alles dank Klinsmann, dem Wachrüttler. Aber ob er diesen Zauber auch in Westend entfalten kann?

Klinsmann kassiert angeblich rund zwei Millionen Euro

Vor seinem Berliner Debüt im Olympiastadion am Sonnabend gegen Borussia Dortmund (15.30 Uhr, Sky) ist Klinsmann bemüht, die Erwartungshaltung zu dämpfen. Das ist nur verständlich, schließlich hat sein neues Team die jüngsten vier Spiele auf teils bedenkliche Art und Weise verloren. Fußballerische Wunder sind daher eher nicht zu erwarten, aber zumindest will Klinsmann (der laut „Bild“ bis Saisonende rund zwei Millionen Euro verdient) die zuletzt ungenutzten Reserven aktivieren. „Wenn wir Engagement, Einstellung und Wille zeigen, sind wir schon einen Schritt weiter“, sagte er. Ein ausverkauftes Stadion soll dabei helfen.

Ebenfalls in die Karten spielen dürfte den Berlinern, dass dem Gegner aus Dortmund derzeit fast alle klinsmannesken Qualitäten abgehen. BVB-Coach Lucien Favre (62) wirkt gewissermaßen wie die Antithese zum neuen Hertha-Coach: In puncto Fußball-Sachverstand zählt der Schweizer zwar zu den besten seines Fachs, dafür scheinen seine fehlende Entschlossenheit und sein fehlender Optimismus – Defizite, die ihm schon zu seiner Zeit in Berlin (2007 bis 2009) anhafteten – längst auf die Mannschaft übertragen zu haben.

Klinsmann fordert „Power, Energie und Härte“

Die Diskussion um Einstellung und Mentalität lässt den Vizemeister in dieser Saison nicht los. Schon mehrfach gaben die hochveranlagten Dortmunder sicher geglaubte Siege aus der Hand oder wachten – so wie zuletzt gegen Paderborn (3:3) und Barcelona (1:3) – viel zu spät auf.

Dort, wo der Zauderer Favre (zu) oft hadert, will der vermeintliche Zauberer Klinsmann für Zielstrebigkeit und Entschlossenheit stehen. „Wir brauchen Durchschlagskraft, Power, Energie und Härte“, fordert der frühere Bayern-Trainer, dem natürlich nicht entgangen ist, dass sein Gegenüber unter enormem Druck steht, wenngleich Favre seinen Job aufgrund mangelnder Alternativen wohl vorerst behalten darf.

Bei ihrem bislang letzten Duell gestalteten sich die Rollen noch gänzlich anders. Im Februar 2009 war es Favre, der seinem damaligen Hertha-Team Kampfgeist und Leidenschaft eingetrichtert hatte und Klinsmanns lange Zeit phlegmatischen FC Bayern mit 2:1 niederrang. Erinnern können sich beide Trainer auf Nachfrage nicht mehr daran. „Aber das Ergebnis“, sagte Klinsmann und grinste, „das nehmen wir für morgen mit.“

Ibisevic bleibt Kapitän – Lob für Kalou

Auf welche Startelf er gegen Dortmund setzt, habe der Coach „schon im Kopf“, wenngleich er zu Personalfragen nur bedingt Auskunft gab. Fest steht: Stürmer Vedad Ibisevic (35) bleibt auch unter Klinsmann Kapitän. „Vedad ist der Leader dieser Gruppe“, betonte er, „er genießt hohe Wertschätzung bei mir.“

Ein anderer Routinier steht beim früheren Topstürmer ebenfalls hoch im Kurs: Salomon Kalou (34), ein „super Kerl“, der für Hertha „ganz, ganz wichtig“ sei. Unter Klinsmanns Vorgänger Ante Covic stand der Ivorer in zwölf Ligaspielen nur 131 Minuten auf dem Platz. Das dürfte sich nun ändern.

„Wir brauchen Führungsspieler“, sagte der Schwabe und nannte explizit, die Innenverteidiger Niklas Stark und Dedryck Boyata sowie Mittelfeldspieler Marko Grujic: „Ich erwarte, dass sie die Leute mitnehmen.“ Auch Torhüter Thomas Kraft (31), der den gesperrten Rune Jarstein vertritt, soll dem Team mit seiner Erfahrung helfen. Klinsmanns Kurs scheint klar: Stabilität statt Experimente.

Seit 2017 ständiger Beobachter von Hertha BSC

Es wird spannend zu beobachten sein, wie der Trainer seine Mannschaft taktisch einstellt. Die Köpfe der Spieler seien schon recht voll, räumte er ein, neue Informationen könne man nur bis zu einer gewissen Grenze verarbeiten.

Eine klare Vorstellung habe er natürlich trotzdem vom Fußball, mit dem Hertha „einen Platz nach dem anderen nach oben“ klettern soll. Seit sein Sohn Jonathan 2017 bei den Berlinern andockte, hat er die Mannschaft etliche Mal beobachtet und sich ein Bild gemacht. Er weiß, was Herthas Profis können und was nicht – und er denkt in Etappen. Am Sonnabend gegen Dortmund startet die erste.