Immer Hertha

Klinsmann ist der Elon Musk unter den Trainern

Herthas neuer Coach Klinsmann verkörpert den Wandel im Fußball – und verleiht den Berlinern neue Strahlkraft, meint Sebastian Stier.

Hertha-Fans hoffen auf Klinsmann-Effekt

Am Mittwoch leitete Jürgen Klinsmann sein erstes Training bei Hertha BSC.

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Foto: Getty/Reto Klar

Berlin. Leider ist es nicht mehr möglich, den inzwischen verstorbenen Hertha-Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein zu fragen, was er von der Position des Performance-Managers hält. Kronsbein trainierte die Berliner in den 70er-Jahren, zu einer Zeit, in der Performance-Manager eher der gerade aufkommenden Star-Wars-Saga zugeordnet wurden als einem Bundesligisten. Die Aufgaben eines Trainers waren damals andere als heute, wer wüsste das besser als Kronsbein.

Wenn er die Mannschaft nicht gerade über den Platz scheuchte oder mit Manager Wolfgang Holst spazieren ging, was gern auch während des Trainings geschah, chauffierte er neue Spieler schon mal persönlich mit seinem Auto. Den Zugang Laszlo Gergeley belehrte er auf der Fahrt zum Olympiastadion: „Der Wech nach oben is schwer, ne. Was du noch machen musst, Laszlo, is, wenn du Ball am Fuß, du schneller spielen mit Ball, schnell. Du bist noch zu langsam. Schneller, schneller.“ Dass Gergeley kurz um Verständnis für seine Situation warb („Herr Kronsbein, in 90 Minuten alles immer schnell, schnell“) ging im Berliner Verkehrslärm unter. So war er, der Fiffi. Trainer, Chauffeur und Entertainer. Als der Verein sich selbst einen musikalischen Seitenhieb verpasste und das Lied „Wir sind so, wie wir sind (Das Berliner Sorgenkind)“ aufnahm, schmetterte Kronsbein selbstverständlich mit.

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Hertha unter Uwe Klimaschefsk: Wettrennen der Oben-Ohne-Models

Oder Uwe Klimaschefski, auch kurz bei Hertha an der Seitenlinie. Der sang zwar nicht, ließ dafür aber mal den Platzwart am Torpfosten fesseln und gab ihn dann zum Abschuss (mit Fußbällen) frei, weil der gute Mann während seiner Arbeitszeit nicht nur Wasser getrunken hatte. Später versprach Klimaschefski als Trainer des FC Homburg für die Halbzeit ein Wettrennen von weiblichen Oben-ohne-Models, nur um die Zuschauerzahlen ein wenig in die Höhe zu treiben. Die Spieler soll er gern als „Arschlöcher“ angeschrien haben, weil sie seiner Meinung nach eben Arschlöcher waren und nur diese Art der Anrede verstünden. Autoritär war der, der am lautesten schreien konnte.

Huub Stevens musste dagegen nicht mal schreien. Er knurrte einfach. In anderen Fällen genügte lediglich ein grimmiger Blick des Holländers und seine Spieler machten sich vor Angst in die atmungsaktiven Sporthosen.

All das ist lange her. Umgangsformen und Berufsbeschreibung eines Fußball-Trainers haben sich durch die Jahrzehnte hinweg stark geändert. Das könnte kaum deutlicher werden als am Beispiel des neuen Hertha-Trainers Jürgen Klinsmann. Man stelle sich nur vor, Klinsmann zusammen mit Ondrej Duda im Tesla auf dem Weg zum Training. „Ondrej, dr Wäg nach oba isch schtoinig.“

Nein, das wird nicht passieren. Eher schickt Klinsmann eine Sprachnachricht per WhatsApp. In einwandfreiem Englisch. Oder er bittet seinen Performance-Manager Arne Friedrich, die Message per Facetime zu übermitteln. „Arschloch“ wird nur noch hinter vorgehaltener Hand gesagt und Oben-ohne-Models sind auch aus der Mode. Vor allem in Berlin, wo selbst Cheerleader um ihre Arbeitsplätze bangen müssen.

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Jürgen Klinsmann war schon Innovator, als in Mitte noch Schrippen statt Sushi gegessen wurde

Inzwischen sind Trainer die wichtigsten Personen in den als Klubs deklarierten Unternehmen. Und weil Unternehmen in der heutigen Zeit nun mal gern so hip, cool und sexy wären wie Sushi-Bars in Mitte, wünschen sie sich auch hippe und coole Trainer, die ihrer Marke ein Gesicht geben. Klinsmann ist in dieser Hinsicht der Elon Musk unter den Trainern.

Er war schon ein Innovator, als in Mitte noch Schrippen statt Sushi gegessen wurden. Seine Person gibt der ergrauten Hertha die Strahlkraft kalifornischer Sonne. Mit ihm dürfte sich vieles ändern, nicht zuletzt die Aufmerksamkeit, die den Berlinern in den kommenden Monaten zuteilwerden wird. Klinsmann polarisiert, Klinsmann interessiert. Und mit ihm interessiert und polarisiert plötzlich Hertha.

Berlin erwartet viel vom neuen Trainer, nur eines nicht: dass er singt. Vor der WM 1994 stand Klinsmann schon mal mit seinen Nationalmannschaftskollegen vor dem Mikrofon. „Far away in America“ hieß der Titel. Über die Performance schweigen wir.

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