Nationalmannschaft

Deutschland nur bedingt abwehrbereit

| Lesedauer: 5 Minuten
Marian Laske und Sebastian Weßling
Herthas Abwehrchef Niklas Stark am Dienstag bei der Ankunft in Düsseldorf.

Herthas Abwehrchef Niklas Stark am Dienstag bei der Ankunft in Düsseldorf.

Foto: Foto: Gambarini / pa/dpa

Niklas Stark, Abwehrchef von Hertha BSC, reist trotz gebrochener Nase zur Nationalelf. Bundestrainer Löw sucht eine Defensivformation.

Düsseldorf. Der graue Eingang des Düsseldorfer Hilton Hotels wirkte trostlos am Dienstagmittag. Der Wind pfiff, kalter Regen prasselte nieder. Während die Nationalspieler nach und nach in schwarzen Autos anrollten und durch die Drehtür verschwanden, gab es also wenig, was darauf hinwies, dass eine Dienstreise zum Deutschen Fußball-Bund für die meisten Fußballer eigentlich etwas Besonderes darstellt.

Bis Niklas Stark aus einem der Wagen kletterte, bei dem die Wangen wirkten, als würden sie glühen. So groß waren die Blutergüsse in seinem Gesicht. Nur ein Stück Plastik stützte die frisch operierte Nase, die sich der Verteidiger von Hertha BSC am vergangenen Bundesliga-Wochenende beim 2:4 gegen RB Leipzig gebrochen hatte. Aber „wenn der Bundestrainer mich anruft, dann komme ich“, sagte er. „Jetzt versuche ich endlich, meinen Traum wahr werden zu lassen.“

Süle und Rüdiger fehlen

Die Chance, sich diesen Traum vom ersten Länderspiel zu erfüllen, ist hoch. Denn Stark zählt zu den Verteidigern, die in den kommenden beiden Qualifikationsspielen für die Europameisterschaft 2020 die Hoffnung von Bundestrainer Joachim Löw nähren, endlich etwas stabiler zu stehen. Wenn die DFB-Elf in den Partien gegen Weißrussland am Sonnabend in Mönchengladbach und drei Tage später in Frankfurt gegen Nordirland (beide 20.45 Uhr/RTL) um die Turnierteilnahme kämpft, kehren zudem Matthias Ginter und Jonathan Tah zurück. Außerdem gehört noch der Freiburger Robin Koch zum Aufgebot. Niklas Süle (Kreuzbandriss) und Antonio Rüdiger (Leistenverletzung) fehlen allerdings weiterhin. Die Personalsituation in der Defensive bleibt angespannt.

Dadurch sind die Rufe nach Mats Hummels natürlich weiterhin zu vernehmen. Nicht wenige halten den Innenverteidiger von Borussia Dortmund immer noch für den Besten in Deutschland. Anfang des Jahres hatte Löw allerdings Jerome Boateng, Thomas Müller und eben Hummels aussortiert. Der Bundestrainer wollte, dass die drei Weltmeister von 2014 den jungen Emporkömmlingen nicht mehr den Raum nehmen, um sich zu entfalten.

Sehnsucht nach einer Hummels-Rückkehr

Doch vor allem der Name Hummels fällt seitdem immer wieder, wenn sich die Nationalelf versammelt. Weil der 30-Jährige beim FC Bayern eine beeindruckende Rückrunde ablieferte. Weil er seit seiner Rückkehr im Sommer zum BVB überzeugt – am vergangenen Wochenende bei der 0:4-Pleite des BVB in München war Hummels der einzige, der diesem Spiel gewachsen schien. Vor allem aber weil sich Niklas Süle das Kreuzband gerissen hat. Der 24-Jährige sollte eigentlich die zentrale Führungsfigur in der deutschen Defensive werden, nun droht der Bayern-Profi sogar die Europameisterschaft 2020 zu verpassen.

Dadurch sollen derzeit Verteidiger Gegentore verhindern, die von ihrem Leistungsstand her eher Ergänzungsspieler sein müssten. Und Löw steht nun vor der kniffligen Frage, ob er Hummels zurückbeordert und dadurch zwangsläufig den Nachrückern das Vertrauen entzieht. Oder ob er auf Hummels verzichtet, damit aber riskiert, dass seine Elf weiterhin löchrig daherkommt. Anmerken lassen wollte sich Löw diese komplizierte Lage am Dienstag aber nicht. Da bezeichnete er die Situation in der Defensive stattdessen als entspannt. „Denn ich bin froh, dass Ginter und Tah zurückkehren“, meinte er.

Herthas Abwehrchef stellt die Möbel hoch

Allerdings patzte Jonathan Tah bei seinem letzten Länderspiel. Robin Koch mischt erst seit Kurzem auf diesem Niveau mit. Die längste Nationalmannschaftsgeschichte hat noch Ginter vorzuweisen, der aber meistens nur auf der Bank hockte. Bei der Ankunft am Hotel kündigte er nun an, dass er sich weiterentwickeln wolle. „Es ist mein Ziel, so viel wie möglich zu spielen“, meinte der Gladbacher, für den die Partie in Mönchengladbach ein Heimspiel wird.

Für Niklas Stark kann die Lücke in der Defensive in jedem Fall zu einer Chance werden. „Wenn man dabei ist, will man auch zur Europameisterschaft“, sagte der Herthaner, der mit einer Maske spielen will. Stark hätte schon längst sein erstes Länderspiel absolviert, wäre ihm nicht immer wieder kurzfristig etwas dazwischengekommen wäre. Zuletzt hatte er sich beim DFB unglücklich an einer Tischkante gestoßen. „Ich werde jetzt alles in meinem Hotelzimmer wegräumen“, scherzte der Herthaner

Löw fordert mehr Robustheit

Stark wird sich nun in der kommende Woche beweisen können, in der der Bundestrainer an der Zweikampfhärte werkeln möchte, wie er erklärte. „Wir müssen daran arbeiten, körperliche Robustheit ins Spiel zu bringen“, meinte Löw. „Denn dies ist eine Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein.“

Zumindest drückten die großen Blutergüsse von Niklas Stark schon mal Einsatzbereitschaft aus.