BUNDESLIGA

Union macht Hertha zu schaffen

Hertha BSC hat nach elf Spieltagen nur elf Punkte. Das hat auch mit dem Lokalrivalen zu tun. Die Morgenpost nennt elf Baustellen.

Die Hertha-Profis mit Davie Selke in der Mitte müssen sich nach dem 2:4 gegen Leipzig einiges anhören von den Fans aus der Ostkurve.

Die Hertha-Profis mit Davie Selke in der Mitte müssen sich nach dem 2:4 gegen Leipzig einiges anhören von den Fans aus der Ostkurve.

Foto: Foto: Gora / dpa

Berlin. Am Dienstag gibt es mal wieder Applaus für Hertha BSC. Der Berliner Bundesligist wird eines seiner Kieztrainings abhalten, diesmal beim Neuköllner Kreisligisten BSV Hürtürkel (14.30 Uhr, Stadion Hertzbergplatz, Sonnenallee 181). Das Bad in der Fanmenge dürfte Trainer Ante Covic und seinen Profikickern gut tun, die bei der Mitgliederversammlung am Sonntag viel Kritik und allenfalls verhaltenes Klatschen zu hören bekamen. Das lange eingeplante Schaulaufen ist aber nur der Auftakt in zwei Wochen Länderspielpause, in der einige Defizite aufgeholt werden müssen, zumindest von denjenigen Spielern, die nicht zu ihren Nationalmannschaften abreisten (Niklas Stark wird trotz seines Nasenbeinbruchs zur Nationalelf anreisen). Doch es gibt nach elf Punkten in elf Spielen erheblichen Nachholbedarf. Die Morgenpost beleuchtet die elf größten Probleme bei Hertha:

1. Der Rivale: Die erste Saison mit zwei Bundesligisten in der Hauptstadt hat die Vorzeichen verändert. Union stiehlt Hertha bisher die Show, wirkt frischer, hat das Derby gewonnen und ist in der Tabelle vorbeigezogen. Der früher alleinige Hauptstadt-Klub hat das neue Duell auf dem Rasen und abseits noch nicht wirklich angenommen.


2. Der Investor: Mehr Geld, das ist ja eigentlich ein Vorteil. Aber es schürt auch eine größere Erwartungshaltung. Vor allem, wenn Investor Lars Windhorst von Champions League und „Big City Club“ schwadroniert und prominente Namen wie Jürgen Klinsmann als Aufsichtsrat in der Hertha-Kommanditgesellschaft auf Aktien installiert. Im Alltag hilft das vorerst wenig. Im Gegenteil: Es lenkt von der sportlichen Realitäten ab.


3. Die Kommunikation: Trainer Ante Covic fiel zuletzt mit unglücklichen Aussagen auf. Wie: Noch stehe man vor Union, nach der Derby-Niederlage. Und: Noch stehe man vor den Abstiegsplätzen, nach dem 2:4 gegen Leipzig. Auch Manager Michael Preetz musste sich auf der Mitgliederversammlung Schönfärberei vorwerfen lassen. Generell besteht bei Hertha weiter die ungute Tendenz, die Schuld außerhalb der eigenen Reihen zu suchen, sei es bei den Schiedsrichtern, bei den Medien oder beim Senat.


4. Die Offensive: Unter Covic wollte Hertha offensiver werden, doch die Berliner haben nach elf Spielen ligaweit die wenigsten Schüsse aufs Tor abgegeben (110, knapp schlechter als Augsburg, 114). Die Stürmer Vedad Ibisevic (drei Tore), Dodi Lukebakio (drei) und Davie Selke, auch wenn er gegen Leipzig erstmals erfolgreich­ war, treffen nicht konstant genug.


5. Die Defensive: Schon fünf Elfmeter hat die Hertha-Abwehr verursacht, sechs, wenn man den Pokal mitrechnet. Die Innenverteidiger Karim Rekik, Dedryck Boyata und Niklas Stark sehen oft unglücklich aus. Auch weil es Mittelfeld und Außenverteidiger nicht schaffen, die Gefahr von ihnen fernzuhalten.


6. Die Formkrisen: Manager Preetz bemängelt zu Recht, dass zu viele Stammspieler nicht ihre Leistung bringen. Marko Grujic und Ondrej Duda sind in der aktuellen Verfassung kaum wiederzuerkennen, Marvin Plattenhardt und Salomon Kalou weitgehend außen vor. Arne Maier ist ein Hoffnungsträger für den Winter, wird aber nach monatelanger Verletzungspause (letzter Einsatz für Hertha im März) noch Zeit brauchen.


7. Der Spielplan: Nach der Länderspielpause muss Hertha in Augsburg punkten, um nicht hinter den Abstiegskandidaten zu rutschen. Denn bis Jahresende geht es danach nur noch gegen Teams aus der oberen Tabellenhälfte: Dortmund, Frankfurt, Freiburg, Leverkusen und Tabellenführer Gladbach. Gegen Spitzenteams holt Hertha neuerdings nichts mehr. Abgesehen vom Auftakt-Unentschieden in München (2:2) punkteten die Berliner nur gegen Teams, die derzeit hinter ihnen stehen: Düsseldorf (3:1), Bremen (1:1), Köln (4:0) und Paderborn (2:1). In Mainz (1:2) setzte es sogar eine Niederlage.

8. Die Trainerdebatte: Auch wenn Hertha es öffentlich nicht befeuert: Nicht nur in Fankreisen wird über den Übungsleiter diskutiert. Nach dem 2:4 gegen Leipzig gab es erstmals „Covic raus“- Sprechchöre. Manager­ Preetz spricht seinem Wunsch-Trainer weiterhin das Vertrauen aus, fordert aber schnell bessere Ergebnisse: „Das muss jetzt unmittelbar passieren“. Covic steht weiter im Schatten seines beliebten Vorgängers Pal Dardai und eines möglichen­ Nachfolgers Niko Kovac, den sich zumindest einige Fans wünschen würden.­


9. Die Weiterentwicklung: Trotz Hertha-DNA spielen unter dem früheren Jugendtrainer Covic kaum Eigengewächse. Eigentlich nur Maximilian Mittelstädt. Die Taktik wird von Spiel zu Spiel gewechselt, zuletzt wurde es eher defensiver als offensiver. Natürlich brauchen Umstellungen Zeit und Geduld, aber bisher ist kaum zu erkennen, dass es Fortschritte gibt im Vergleich zu Vorgänger Dardai.


10. Die Einstellung: Schon neun Mal geriet Hertha in Rückstand, nur Köln schaffte das öfter (zehn Mal). Immerhin holte Hertha danach noch fünf Zähler. Aber die Mannschaft scheint oft erst einen Weckruf zu brauchen. Trotz Kilometerwunder Vladimir Darida hat Hertha die viertschlechteste Laufleistung der Liga. Der Aufritt im Derby wurde von den Fans als blutleer kritisiert.


11. Die Selbsteinschätzung: Manager Michael Preetz wechselte im Sommer den Trainer, weil er meinte, mit dem Team sei mehr möglich. Fragen nach Winter-Verstärkungen lässt er gewohnt­ offen. Auch aktuell hält Preetz den Kader für besser als Rang zwölf. So wurde früher auch an den Bundesliga-Standorten Hamburg, Stuttgart und Köln gedacht. Bis es zu spät war für Korrekturen.