Bundesliga

Hertha und die Erinnerung an den Mauerfall: Retro vs Zukunft

Hertha erinnert zum Spiel am 9. November gegen Leipzig an den Mauerfall. Die Visionen von damals sind auch heute noch aktuell.

Maximilian Mittelstädt in der Hertha-Inszenierung zum 9. November – mit Retro-Trikot und Hammer.

Maximilian Mittelstädt in der Hertha-Inszenierung zum 9. November – mit Retro-Trikot und Hammer.

Foto: Hertha BSC / Hertha BSC twitter

Berlin. Der Berliner Bär sieht nett aus, ein bisschen tapsig vielleicht, aber das haben Bären nun mal so an sich. Er will ja auch niemanden das Fürchten lehren, er will erinnern. An den Mauerfall, der sich am Sonnabend zum 30. Mal jährt. Hertha BSC wird dann im Bundesligaspiel gegen RB Leipzig (15.30 Uhr, Sky) den Bären auf dem Trikot tragen. Keine Werbung, kein Schnickschnack, nur den Bären. Und darüber den Schriftzug Hertha BSC. Eine Sonderanfertigung, angelehnt an das erste Spiel nach dem Mauerfall, Wattenscheid 09 war damals Gast im Olympiastadion. Sven Kretschmer egalisierte die Wattenscheider Führung durch Jörg Bach, 1:1 stand es am Ende, lange her. Spieler beider Mannschaften werden auch zum Jahrestag auf der Tribüne sitzen, viele sind Herthas Einladung gefolgt.

Ein besonderes Spiel soll es am Sonnabend werden, mit besonderem Flair, gegen einen besonderen Gegner. Ausgerechnet Leipzig, der einzige Klub in der Bundesliga aus den neuen Bundesländern, der mit der DDR aber so viel gemein hat wie ein Smartphone mit einem Trabant. RB wird in weiten Teilen der Republik immer noch als Kunstprodukt wahrgenommen, synthetisch, mit schicker Hülle zwar aber doch leblos in seinem Inneren. Auf den Fußball, den die Mannschaft spielt, trifft das nicht zu. Da gehört Leipzig laut Herthas Trainer Ante Covic vor allem offensiv „zum Besten, was die Bundesliga zu bieten hat.“

Nach der Wende ließ Hertha Entwicklungspotenzial liegen

Leipzig ist mit viel Geld, viel Aufwand und viel Expertise in kurzer Zeit das geworden, was Hertha in Zukunft gern sein möchte: ein Mitglied der nationalen Elite. Ein Spitzenklub, der regelmäßig international vertreten ist.

Diesen Traum träumt der Klub schon lange, der Fall der Mauer beflügelte die Gedanken von Fans und Verantwortlichen. Berlin, die geteilte Stadt, war plötzlich vereint und die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Aber nicht für Hertha BSC. Für die besten Fußballer der DDR war der West-Berliner Klub wenig attraktiv, obwohl Hertha 1990 in die Bundesliga aufstieg. Die Leistungsträger des BFC Dynamo wechselten nicht von Hohenschönhausen nach Charlottenburg, sie zog es weiter hinaus in die Republik. Frank Rohde ging zum Hamburger SV, Andreas Thom nach Leverkusen, Heiko Bonan heuerte beim VfL Bochum an. Nur Axel Kruse flüchtete von Rostock nach Berlin, aber da stand die Mauer noch.

„Wir wissen, dass es sportlich eine Zeit gab, vor allem unmittelbar nach der Wende, wo es sicher größere Möglichkeiten gegeben hätte, aus diesem großen Fundus sehr, sehr gute Spieler der ehemaligen DDR hier zum Verein zu holen“, sagt Manager Michael Preetz: „Ich glaube, dass man vor allem da die unmittelbare Entwicklung des Klubs anders hätte beeinflussen können, als es dann letztendlich passiert ist.“

DDR-Kicker wie Thom oder Wosz kommen erst Ende der Neunziger

Preetz kam Mitte der 90er-Jahre nach Berlin und kurz darauf auch Stars der ehemaligen DDR, Andreas Thom und Dariuz Wosz, der Dribbler aus Halle. Einen gesamtdeutschen Klub, der Ost und West in sich vereint, machten sie trotzdem nicht aus Hertha BSC. Aus dem Umland schauten Fans gern mal vorbei im Olympiastadion, dauerhaft blieben aber nicht alle. So mancher hielt es mit Hansa Rostock, später dann mit Energie Cottbus.

Die Rolle als Außenseiter, mit der sich viele Menschen im Berliner Umkreis identifizierten, war Herthas Sache nicht. Manager Dieter Hoeneß wollte höher hinaus als die Wohntürme in Hellersdorf und kaufte dementsprechend ein. Nationalspieler und Talente fanden den Weg zur Hertha, Thomas Helmer, Ali Daei, Sebastian Deisler, aber wofür der Klub stehen wollte, wusste er nicht so recht. Es dauerte nicht lange, bis die Champions League zu Gast war im Olympiastadion, Mailand und Barcelona kamen und mit ihnen Weltstars der Manege Fußball – Rivaldo, Maldini oder Schewtschenko. Nur verflog diese Hochphase wie der Nebel an den herbstlichen Europapokalabenden.

Coach Covic: „Mutlosen Auftritt in Köpenick vergessen machen“

Hertha hat nach zwei Abstiegen in der jüngeren Vergangenheit wieder zu sich gefunden, nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst steigen die Erwartungen wieder. Ein „Big City Club“ nach Madrider oder Londoner Vorbild könne Hertha werden, fabulierte Windhorst. Das wäre die Zukunft. Die Gegenwart ist trister, das 0:1 im Derby beim 1. FC Union wirkt noch nach.

„Wir sind gewillt, den mutlosen Auftritt in Köpenick vergessen zu machen“, sagt Trainer Ante Covic. Mut wird seine Mannschaft brauchen, vor allem beim Verteidigen. Leipzig kommt mit der Empfehlung von zuletzt vier Pflichtspielsiegen infolge. Gegen Mainz gewann die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann gar 8:0. Und gegen Hertha traf Leipzig im Olympiastadion immer besonders gern und oft. So tapsig wie der Berliner Bär sollten Herthas Fußballer gegen RB besser nicht daherkommen.