Kolumne

Brutaler geht's nicht für Hertha. Oder doch?

Im Hertha-Kosmos regiert nach dem Derby-Debakel der Frust. Nun steht dem Klub ein spannender Winter bevor, meint Jörn Lange.

Da wurde noch gejubelt. Aktuell sind die Aussicht für Hertha allerdings brutal, meint Jörn Lange.

Da wurde noch gejubelt. Aktuell sind die Aussicht für Hertha allerdings brutal, meint Jörn Lange.

Foto: dpa/Reto Klar / BM

Um den Zustand eines ganzen Vereins zu verstehen, braucht es manchmal nur ein Wort. Im Fall von Hertha BSC bietet sich aktuell die Mode-Vokabel des deutschen Fußballs an – „brutal“. Die Pleite im prestigeträchtigen Derby gegen den Stadtrivalen 1. FC Union? Brutal enttäuschend. Das Offensivspiel? Brutal harmlos. Die Abwehr? Brutal anfällig. Und das Verhalten der Raketen-feuernden Fans? Brutal fahrlässig bis dämlich.

Als logische Folge herrscht im blau-weißen Lager aktuell große, ach was, brutalst mögliche Ernüchterung. Hertha steht als Tabellenelfter zwar nicht signifikant schlechter da als in der jüngeren Vergangenheit, nur sollte das graue Mittelmaß ja eigentlich der Vergangenheit angehören. Ein neuer Trainer (Ante Covic), ein neuer Investor (Lars Windhorst) und ein neuer Rekordeinkauf (Stürmer Dodi Lukebakio) haben nun mal Erwartungen geschürt, zumal den drei Personalien dasselbe Etikett angehaftet wurde: ein (brutaler) Wunsch nach Weiterentwicklung.

Wo im Sommer noch blau-weiße Aufbruchsstimmung zu spüren war, sind heute viele blaue Flecken zu sehen. Die Niederlagen gegen Wolfsburg oder Hoffenheim gingen dabei noch als Kratzer durch, Marke „kann passieren“, halb so wild. Die blutleere Darbietung im Derby erinnert hingegen an einen Wirkungstreffer. Herthas Mannschaft taumelt, die sportlich Verantwortlichen werden in sozialen Netzwerken und Fan-Foren angezählt. Brutal berechenbar.

Ja, der Frust ist gewaltig, weil es an fast allen Ecken und Enden knirscht. Abwehrchef Niklas Stark findet nicht die „brutale Stabilität“, die er als Nationalspieler in spe eigentlich schuldig ist, Liverpool-Leihgabe Marco Grujic entfaltet im Mittelfeld nicht jene „brutale Dominanz“, die man ihm zugetraut hat, und Stürmer Davie Selke hat in dieser Saison noch keine Torbeteiligung vorzuweisen. Und dann ist da ja noch Covic, der in der Idealvorstellung des Klubs zum Pendant von Bremens Trainer-Shootingstar Florian Kohfeldt werden sollte, vom Amateurcoach zum Euphorie-Spender, am besten auf Anhieb. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Brutaler.

Und jetzt? Aufgeben? Hinschmeißen? Natürlich nicht. Erfolgs-Fan sein kann schließlich jeder, aber wer sich auf Blau und Weiß eingelassen hat, ist sich bewusst: Hertha-Anhänger sein heißt leiden können. Siege in Dauerschleife gibt es bestenfalls beim FC Bayern zu bewundern, jenseits von München gehört das Scheitern nun mal dazu. Sicher, eine Partie seines Herzensvereins anzuschauen, darf gern auch Spaß machen, nur soll mir niemand erzählen, dass das Aufregen, Schimpfen und Zetern nicht genauso Teil des Spiels ist. Die Erwartung, mal wieder von der Liebe zum Verein enttäuscht zu werden, gehört zum Fan-Deal wie Stau zum Berliner Ring – vor allem bei einem Klub wie Hertha.

Meckern und Motzen zählt in Berlin ja ohnehin zu unseren Lieblingshobbys. Nehmen sie die öffentlichen Verkehrsmittel. Was habe ich in meinem Leben schon gegen die Unzulänglichkeiten von BVG und S-Bahn gewettert, nur um bei jedem nächstbesten Besuch in Hamburg oder Köln festzustellen: gar nicht so schlecht unser Berliner Nahverkehrsnetz. Mit dem Fußball verhält es sich nicht groß anders. Der 1. FC Köln taumelt dem Abstieg in die Zweite Liga entgegen, wo sich derzeit schon einstige Granden wie der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart tummeln. Verglichen damit läuft’s bei Hertha doch noch ganz gut…

Geht das jetzt schon als Galgenhumor durch? Das überlasse ich Ihnen, nüchtern betrachtet handelt es sich beim Vergleich mit den genannten Klubs jedoch um Fakten. Fest steht jedenfalls: Hertha-Coach Ante Covic wird weiter alles versuchen, um seine Mannschaft in die Spur zu bekommen. Er wird daran erinnern, dass seine Spieler zwischenmenschlich „brutal gut miteinander harmonieren“, selbst die Reservisten „brutal performen“ und die Zuschauer „ein brutal gutes Gefühl dafür haben, was das Team zeigt“. Helfen werden ihm am Ende aber nur Erfolge. Brutal einfach. Und einfach brutal.