Kommentar

Warnschuss mit Wumms

Hertha hat im Pokal-Krimi gegen Dresden starke Nerven bewiesen. Doch das allein wird im Derby bei Union nicht reichen, meint Jörn Lange

Jörn Lange kommenteirt das Spiel Hertha BSC gegen Dynamo Dresden im Olympiastadion.

Jörn Lange kommenteirt das Spiel Hertha BSC gegen Dynamo Dresden im Olympiastadion.

Foto: Reuters / BM

Berlin.  Als sich der Mittwoch der Geisterstunde näherte, hatte der schwarz-gelbe Spuk endlich ein Ende. In der Sekunde, in der Herthas Marko Grujic den letzten und entscheidenden Elfmeter gegen Dynamo Dresden verwandelte, wurde das Berliner Lager von einer Welle aus Euphorie, Ekstase und Erleichterung davongerissen. Kein Zittern und kein Zaudern mehr, Pokal-Blamage abgewehrt, Achtelfinale erreicht und etlichen Widrigkeiten getrotzt – nicht zuletzt gut 30.000 Gäste-Fans.

Ja, Hertha kann stolz sein auf diesen Sieg, weil das Zweitrundenspiel gegen die Sachsen zu einem epischen Pokal-Krimi mutierte, in dem man leicht die Nerven verlieren konnte. Die Berliner aber blieben cool, steckten einen Nackenschlag nach dem nächsten weg. Der frühe Rückstand? Gedreht. Der späte Ausgleich in der 90. Minute? Runtergeschluckt. Das drohende Aus? Abgewendet in der letzten Sekunde der Verlängerung. Und schließlich der Triumph im Elfmeterschießen.

Dass die sportliche Leistung nach einer so denkwürdigen Schlacht von Emotionen überspült wird, ist nur allzu verständlich, birgt aber auch eine Gefahr. Sich nun am Willen, der Nervenstärke und der Siegermentalität zu berauschen, wäre jedenfalls vermessen. Denn zur Wahrheit gehört auch: Einen derart dramatischen Verlauf hätte die Partie niemals nehmen müssen, Hertha hätte die Entscheidung sehr viel früher herbeiführen können.

Allzu viel scheinen die Berliner aus den Fehlern der Vergangenheit jedoch nicht gelernt zu haben. Nach wie vor hapert es an der Balance aus Angriff und Verteidigung, stattdessen leistet sich die fehleranfällige Elf von Trainer Ante Covic eine gefährliche Unberechenbarkeit.

Gegen Dresden ist Hertha mit dem Schrecken davon gekommen, aber der Warnschuss hatte (hoffentlich) genug Wumms, um die Sinne vor dem prestigeträchtigen Derby beim 1. FC Union am Sonnabend (18.30 Uhr) zu schärfen. Der Stadtrivale wird Herthas Patzer genauso gut zu nutzen wissen wie Dynamo – vermutlich sogar besser.

Immerhin: Der Köpenicker Kulisse werden Herthas Profis nach Mittwoch gelassener entgegen blicken. Wer 120 Minuten plus Elfmeterschießen vor 35.000 eskalierenden Dynamo-Fans übersteht, hält auch einer prall gefüllten Försterei stand. Das ist das Positivste, was sich aus diesem Pokalspiel mitnehmen lässt.