Berliner Derby

Mattuschka: „Gefühlt bin ich immer noch Stadtmeister“

Die Morgenpost schaut mit Torsten Mattuschka und Peter Niemeyer auf die bisherigen Derbys zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC.

Am 17. September 2010 treffen Torsten Mattuschka (r.) und Peter Niemeyer erstmals im Derby aufeinander.

Am 17. September 2010 treffen Torsten Mattuschka (r.) und Peter Niemeyer erstmals im Derby aufeinander.

Foto: Annegret Hilse / picture-alliance / Annegret Hilse

Berlin. Ost gegen West, Arm gegen Reich, fußballerischer Klassenkampf – es gibt viele Beschreibungen, aber so recht getroffen hat das Phänomen noch niemand: Was ist das für eine Premiere, wenn der 1. FC Union und Hertha BSC am Sonnabend aufeinandertreffen (18.30 Uhr, Alte Försterei)? Begrenzt man es auf die Bundesliga, ist es ein Derby ohne Tradition. Union gegen Hertha als weißes Blatt Papier. Immerhin sind bereits vier Fußnoten vorhanden. In den Spieljahren 2010/11 und 2012/13 trafen sich die Klubs vier Mal in der Zweiten Liga.

17. September 2010: Union – Hertha 1:1

Einer stand mit seiner Meinung ziemlich allein da. „Für mich ist das ein Spiel wie jedes andere“, sagte Markus Babbel, der Trainer von Hertha BSC. Fußball-Berlin sah das anders. Das erste Pflichtspiel-Derby elektrisierte die Hauptstadt. In der Wuhlheide bewahrheitete sich eine Marketing-Regel, die für alle Duelle dieser Teams gilt: ausverkauft. 18.430 Zuschauer waren in der Alten Försterei (umbaubedingt mit reduzierter Kapazität). Hertha war als Bundesliga-Absteiger mit drei Siegen ins Abenteuer Zweite Liga gestartet. Entsprechend war der Respekt. „Hertha hat fast die komplette Mannschaft behalten“, sagt der damalige Union-Kapitän Torsten Mattuschka. „Mijatovic, Hubnik, Raffael, Ramos, Lustenberger, das war von der Qualität her eine Bundesligamannschaft.“

Peter Niemeyer ist Herthas Mr. Derby – er stand bei allen vier Prestigeduellen in der Startelf. „Das wurde ja verkauft als das kleine Union gegen die große Hertha“, erinnert sich Niemeyer. „Doch wenn der Anpfiff erfolgt, ist das Quatsch. Da stehen 22 Leute auf den Platz und alle hauen alles raus.“ Herthas Mittelfeldspieler ging mit seinem Kopfball-Treffer nach zwei Minuten als erster Torschütze in die Derby-Historie ein.

Auch wenn die Intensität hoch war und verbissen gekämpft wurde – spielerisch war das erste Duell das schwächste. Hertha-Trainer Babbel hatte schon vorab erzählt, dass es ihn als Bayern-Spieler genervt habe, wie wichtig die eigenen Fans die Spiele gegen den Lokalrivalen TSV 1860 genommen hatten. Er musste sich hinterher Kritik gefallen lassen, dass er mit Fanol Perdedaj (19 Jahre), Nico Schulz und Marko Djuricin (beide 17) drei Youngster in die verbissen geführte Begegnung eingewechselt hatte. Union-Kollege Uwe Neuhaus bewies ein besseres Händchen, brachte eine Viertelstunde vor Schluss Santi Kolk. Der Niederländer blieb in seinen zwei Jahren bei den „Eisernen“ meist unter seinen Möglichkeiten. Doch mit seinem 1:1-Ausgleich, einem 18-Meter-Aufsetzer ins Eck (82.), bescherte er den Hausherren ein versöhnliches Ende.

5. Februar 2011 Hertha – Union 1:2

Dass Torsten Mattuschka am Ende der Partie mit einem Megafon in der Hand vor der Union-Fankurve eine Sensation bejubeln würde, danach hatte es im Olympiastadion zunächst nicht ausgesehen. Im Gegenteil: Vor 74.200 Zuschauern, ausverkauft, spielte sich Hertha in einen Rausch. Die Gäste wurde im eigenen Strafraum eingeschnürt, Flanke auf Flanke flog durch Unions Fünfmeterraum. Nur das Toreschießen vergaßen die Blau-Weißen. Statt einer standesgemäßen Führung vermerkte die Anzeigetafel lediglich ein 1:0 von Roman Hubnik (13.). „Wir hatten ein klein bisschen die Hose voll“, räumte Union-Trainer Neuhaus ein.

Irgendwann wagte sich der Außenseiter mal über die Mittellinie – prompt traf John Jairo Mosquera zum 1:1-Ausgleich (37.). Ein Pausenstand, der das Geschehen auf den Kopf stellte. Doch der Gegentreffer zeigte Wirkung. Bei Hertha ging die Selbstverständlichkeit dahin, während Union mit jeder weiteren Minute couragierter wurde.

„Schaut man sich die 90 Minuten noch mal an, hätten wir eigentlich nie gewinnen dürfen, so wie das Spiel gelaufen ist“, sagt Mattuschka. „Aber das ist das Geile am Fußball. Es gewinnt nicht automatisch der Bessere.“ Der Union-Kapitän urteilt, dass es ein eher schwacher Freistoß war, den er nach 71 Minuten trat. Doch der Ball setzte auf, Hertha-Torwart Maikel Aerts klatschte ihn sich ins Netz, 1:2. Die rund 25.000 Union-Fans feierten euphorisch. Flugs legten die geschäftstüchtigen Köpenicker ein Sonder-T-Shirt auf: hintendrauf die Namen der 14 eingesetzten Spieler. Vorn die Torschützen Mosquera und Mattuschka und das Motto: „Hier regiert der FCU. Berliner Olympiastadion 05/02/2011“.

Und Peter Niemeyer? „Ich bin in der zweiten Minute mit einem Gegenspieler mit dem Kopf zusammengestoßen“, sagt der Mittelfeldspieler, der immerhin 87 Minuten auf dem Rasen gestanden hat. „Außer, dass die Gäste-Kurve rot vor lauter Pyros war, habe ich an diesen Abend keine Erinnerungen.“

3. September 2012 Union – Hertha 1:2

Umso mehr Erinnerungen hat Niemeyer an das dritte Derby. Hertha war nach dem Relegationsrückspiel unter skandalösen Umständen in Düsseldorf (2:2) erneut in die Zweite Liga abgestiegen. Und kam zunächst unter Jos Luhukay, dem neuen Trainer, nicht in die Spur. „Das Derby war das Spiel, das wir gebraucht haben“, sagt Niemeyer. „Es war der Aufbruch einer tollen Mannschaft in eine tolle Saison.“ Sandro Wagner brachte Hertha mit 1:0 in Führung und heizte die ohnehin hitzige Atmosphäre an mit seinem lässigen Torjubel der Marke: „Ist was?“

Die Geschichte der Partie verdichtete sich innerhalb von vier Minuten. Zunächst brachte der eingewechselte Unioner Christopher Quiring die Hausherren per Flugkopfball zum 1:1 zurück ins Geschäft (69.). In Minute 70 wechselte Hertha-Trainer Luhukay Ronny ein. Freistoß Hertha, Ronny jagte den Ball mit viel Kraft, aber wenig präzise aufs Tor, unter Union-Keeper Daniel Haas hindurch fand der Ball seinen Weg, 1:2 (73.).

Der Sieg ging an Hertha, womit sich ein Muster abzeichnet: Bisher konnte keine Heimmannschaft ein Derby gewinnen. Dafür haben beide jeweils einmal auswärts gefeiert. Das gefiel nicht jedem. „Wenn die Wessis in unserem Stadion jubeln, krieg‘ ich das Kotzen“, sagte Quiring unmittelbar nach dem Abpfiff am TV-Mikrofon. Eine erstaunliche Aussage eines damals 21-jährigen, der erst nach der Wende geboren wurde. Niemeyer war’s egal. „Ein super Abend. Und wir hatten eine super Nacht mit der Mannschaft und haben im „Felix“ durchgefeiert.“

11. Februar 2013 Hertha – Union 2:2

Trotz klirrender Kälte ging es auch im bisher letzten Derby hitzig zur Sache. Diesmal bewies Union im Olympiastadion Starter-Qualitäten. Simon Terodde gelang die frühe Gäste-Führung (9.). Zu Beginn der zweiten Hälfte erhöhte Adam Nemec auf 2:0 (49.). Union, zu jener Zeit Tabellen-Vierter, zeigte, warum die Mannschaft von Trainer Neuhaus ein Wort bei der Aufstiegsvergabe mitsprach. Doch Hertha vertraute auf die eigenen Qualitäten. Adrian Ramos köpfte zum 1:2 ein (73.). Den Schlusspunkt setzte Ronny. Vier Minuten vor dem Ende zirkelte der Brasilianer einen 24-Meter-Freistoß zum 2:2-Endstand ins rechte Eck. Ronny ist damit der einzige Zweifach-Torschütze in diesem Vergleich und feierte seinen Treffer, indem er sich in einen Schneehaufen neben dem Spielfeld kugelte.

Nicklig wurde es im Nachgang. „Ich bin froh, dass wir einen Kapitän wie Torsten Mattuschka haben, der mit Leistung vorangeht, nicht so wie der andere“, ätzte Union-Torschütze Terodde gegen Peter Niemeyer. Der Hertha-Kapitän hielt (unter dem Verweis auf seine eigene Vita) dagegen: „Wie viel Spiele hat er [Terodde] in der Bundesliga, Champions League oder im Europa League-Finale gemacht? Der soll mal den Ball flach halten.“ Heute sagt Niemeyer dazu: „Sticheleien gehören zum Derby. Aber insgesamt legt Simon eine tolle Karriere hin.“

Unter dem Strich war es ein 2:2, mit dem alle leben konnten. Union blieb weiter oben dran. Hertha baute seine Serie auf 19 Spiele ohne Niederlage aus – und stieg am Ende mit der Rekordpunktzahl von 76 Zählern in die Bundesliga auf.

Was bleibt? Torsten Mattuschka, mittlerweile Co-Trainer bei Regionalligist VSG Altglienicke, sagt: „Für mich sind wir immer noch Stadtmeister.“ Bei aller Rivalität: Es gab bisher keinen Platzverweis. „Klar hat man sich verbal auch mal eine Kerbe gegeben, aber nicht mehr als in anderen Spielen auch“, sagt Mattuschka. „Insgesamt war es wirklich fair.“

Niemeyer, aktuell Co-Trainer bei Twente Enschede, pflichtet bei: „Wenn ich Torsten heute beim Traditionsmasters treffe, ist alles gut, ein Supertyp.“ Sein Wunsch für die 22 Spieler, die am Sonnabend für Union und Hertha auf dem Rasen der Alten Försterei stehen: „Bei diesem Derby dabei sein zu dürfen, ist eine Riesensache. Genießt das Spiel.“