Kommentar

Ibisevics Groll auf die Schiedsrichter – Coolness ist Trumpf

Nachdem ihm ein Elfmeter verwehrt wird, wittert Herthas Vedad Ibisevic eine Verschwörung. Das hilft seinem Team nicht, meint Jörn Lange

Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic konnte die Entscheidung der Unparteiischen in Bremen nicht fassen.

Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic konnte die Entscheidung der Unparteiischen in Bremen nicht fassen.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Wenn Vedad Ibisevic behauptet, dass ihn die Schiedsrichter der Fußball-Bundesliga auf dem Kieker haben, ist das vor allem eins: eine Unterstellung. Denn beweisen lässt sich der Verdacht von Herthas Mannschaftskapitän natürlich nicht, dafür haben die Unparteiischen zu viel Ermessensspielraum.

Trotzdem war sich Ibisevic nach dem 1:1 in Bremen, bei dem ihm ein Elfmeter verwehrt wurde, sicher: „Wenn es ein anderer Spieler wäre, wird es klar gepfiffen. Ich hänge in einer Schublade, in die ich nicht gehöre.“

Tatsächlich hätte sich am Sonnabend kein Bremer beschweren dürfen, wenn Schiedsrichter Felix Brych nach dem Zweikampf zwischen Werder-Torwart Jiri Pavlenka und Ibisevic auf Elfmeter für Hertha entschieden hätte. Die Zeitlupe belegte zweifelsfrei: Der Keeper touchierte den Ball in der besagten Szene nur minimal, während er den Stürmer satt erwischte. Trotzdem blieb der Pfiff aus, genauso wie ein Eingreifen des Videoassistenten in Köln. Zufall? Oder ein Vorgang mit Methode?

Überinterpretation ist fehl am Platz

Ein unbeschriebenes Blatt ist Ibisevic (35) in der Bundesliga jedenfalls nicht. In den vergangenen sieben Jahren hat der Bosnier fünf Rote Karten kassiert, ein weiteres Mal Gelb-Rot. Einen Ruf als tadelloser Sportsmann erarbeitet man sich so nicht, eher den eines Heißsporns.

Dennoch: Eine Überinterpretation à la Ibisevic ist fehl im Platz. Dass Referees in Einzelfällen daneben liegen, ist normaler Liga-Alltag, und wenn Herthanern am Sonnabend prompt ähnliche Ibisevic-Momente aus der Vergangenheit durch den Kopf schossen, entspricht das simpler Psychologie. Das Phänomen kennt schließlich jeder. Ampel X ist auf dem Weg zur Arbeit ständig rot, dabei würde eine wissenschaftlich kontrollierte Zählung ergeben, dass man die besagte Stelle genauso oft bei grünem Signal passiert hat. Nur erzeugt das eben keinen Frust und bleibt dadurch nicht im Gedächtnis hängen.

Energie auf Nebenschauplätzen verpulvert

Statt weiterzuspielen, hat sich Ibisevic in Bremen dazu hinreißen lassen, fast eine Minute lang auf die Schiedsrichter zu schimpfen und Gelb für sich selbst zu fordern („Wenn es kein Elfmeter war, muss es eine Schwalbe gewesen sein“). Von schlechter Vorbild-Wirkung ganz zu schweigen: Man stelle sich vor, Werder hätte diese Überzahlsituation genutzt, um ein Tor zu erzielen...

Dazu kam es zwar nicht, aber Ibisevic sollte seinen Groll trotzdem überdenken. Emotionen in allen Ehren, doch zielführender wäre das Verhalten gewesen, das Hertha im Lauf der Partie als Team zeigte: cool bleiben, Mund abputzen, weitermachen. Hilft im Zweifel eh immer mehr, als seine Energie auf Nebenschauplätzen zu verpulvern. Oder halten Sie auch das für eine Unterstellung?