Bundesliga

Was Hertha von Gegner Werder lernen kann

Offensiv, attraktiv, mutig – Hertha und Gegner Bremen verfolgen den gleichen Ansatz, doch in der Umsetzung hat Werder noch Vorsprung.

Zwischen Hertha und Werder, hier Davie Selke (M.) und Sebastian Langkamp, (r.), sind intensive Duelle die Regel.

Zwischen Hertha und Werder, hier Davie Selke (M.) und Sebastian Langkamp, (r.), sind intensive Duelle die Regel.

Foto: Foto: Franklin / Bongarts/Getty

Berlin. An seine ersten Tage in Bremen denkt Sebastian Langkamp (31) gern zurück. Als gestandener Bundesliga-Verteidiger war er im Januar 2018 von Hertha BSC zum SV Werder gekommen. Es war nicht sein erster Vereinswechsel, Langkamp hatte schon so einiges gesehen und erlebt im Geschäft Profifußball. Die Deutschlandkarte hatte er nahezu lückenlos abgearbeitet, keine Himmelsrichtung, in der er nicht schon gegen den Ball trat. Münster, München, Hamburg, Karlsruhe, Augsburg, Berlin lauteten seine Stationen. Aber Bremen war ganz anders. Sportlich gesehen. So, als würde er noch mal zur Schule gehen, sagt Langkamp. „Ich musste viel Videostudium betreiben und einiges neu lernen. Das Aufbauspiel war ganz anders angelegt als bei Hertha, Trainer Florian Kohfeldt legte enorm viel Wert darauf, über die Mitte zu gehen und Tiefe zu suchen, statt quer zu spielen“, sagt Langkamp, der am Sonnabend gegen seinen alten Verein (15.30 Uhr) zuerst vermutlich auf der Bank sitzen wird nach einer längeren Verletzungspause.

In den zwei Jahren unter Kohfeldts Regie hat Werder einen offensiven, dominanten und auf Ballbesitz ausgerichteten Spielstil entwickelt, für den der Klub inzwischen steht. Werder möchte den Ball haben, agieren und „zu kreativen Lösungen kommen“, wie Langkamp sagt.

Covic ist der Kohfeldt von Hertha

Ein Stil, wie ihn auch Ante Covic (44) bevorzugt. Herthas Trainer möchte ebenfalls kreative Lösungen. Und offensiven Fußball. Deswegen haben ihn die Verantwortlichen des Berliner Bundesligisten zum Cheftrainer befördert. So wie die Bremer Verantwortlichen einst Kohfeldt zum Cheftrainer beförderten.

Beide, Kohfeldt und Covic, sind in ihren Klubs aufgestiegen, haben sich vom Nachwuchs zu den Profis hochgearbeitet, verfolgen ähnliche Ideen, stehen bei der Umsetzung aber an unterschiedlichen Positionen.

Bremens Positionsspiel gilt in der Liga als etabliert, Covic steht mit seiner Mannschaft noch am Anfang der Entwicklung. Gegen Düsseldorf (3:1) wurden erkennbar weniger Bälle von den Verteidigern nach vorn geschlagen, stattdessen forcierten sie den Aufbau über die Mittelfeldspieler. Genau dieses Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten möchte Covic von seinen Spielern sehen, vor allem von den Innenverteidigern, die als erste für den Spielaufbau zuständig sind. Wer das in Bremen genau sein wird, ist unsicher. Covic wollte einen Einsatz von Niklas Stark nicht komplett ausschließen. Der 24-Jährige hatte sich bei der Nationalelf eine Schnittwunde am Schienbein zugezogen, als er gegen einen Glastisch geprallt war. Der Trainer sprach aber von einem Plan B. In diesem Fall würden neben dem gesetzten Dedryck Boyata Karim Rekik oder Jordan Torunarigha verteidigen.

Fortschritte bei Mittelfeldspieler Grujic

Egal wer spielt, Covic verlangt von seinen Verteidigern eine andere Denkweise als sein Vorgänger Pal Dardai. Der bevorzugte den Aufbau über die Außenverteidiger, Covic möchte den Pass nach vorn.

„Du brauchst dafür ballsichere, spielintelligente Leute auf den Kernpositionen“, sagt Langkamp und meint damit vor allem die Positionen im Zentrum. In Bremen sind das der erfahrene Nuri Sahin, Maximilian Eggestein oder Davy Klaassen. Dass Werders Fußballer sich relativ schnell an Kohfeldts Stil gewöhnt haben, begründet Langkamp auch damit, dass Spieler wie die Eggestein-Brüder oder auch Josh Sargent diese Spielweise bereits aus ihrer Jugendzeit im Klub kannten. „Ansonsten dauert das eine gewisse Zeit“, sagt Langkamp. Mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht sogar eine komplette Saison müsse man da schon einplanen

In Berlin ist Covic mit den Fortschritten seiner Spieler immer zufriedener. Marko Grujic hätte gegen Düsseldorf exzellent gespielt, immer wieder habe der Serbe Bälle so verarbeitet, wie es der Trainer gern sieht. Und dann ist da noch Arne Maier, Herthas verletzter Akademieabsolvent, auf den Covics Fußball wie zugeschnitten scheint. Mit ihm dürften sich die spielerischen Fortschritte noch mal erhöhen.

Werder hat im Sommer eher sparsam investiert

Bei Hertha ist vieles im Fluss nach zuletzt drei Siegen infolge. Markige Sprüche vermeidet Covic trotzdem. „Die Bundesliga ist nach sieben Spieltagen sehr ausgeglichen“, sagt er. Bremen gewann von den vergangenen drei Begegnungen kein Spiel, holte aber unter anderem ein respektables Unentschieden in Dortmund (2:2). Die Mannschaft ist eingespielt, im Sommer wurde verhältnismäßig sparsam investiert. Insgesamt gab Bremen nur um die 13 Millionen Euro für Zugänge aus, bei Hertha kostete allein Angreifer Dodi Lukebakio 20 Millionen.

Trotz der geringeren finanziellen Aufwendungen formuliert Werder die eigenen Ansprüche offensiv. „Wir wollen nach Europa“, sagte Vorstand Frank Baumann schon vor der Saison. Auch wenn der Start bisher nicht optimal verlief und Werder zwei Punkte hinter den Berlinern liegt, hält der Klub an den gesteckten Zielen fest. Ganz offensiv, so wie auf dem Platz.