BUNDESLIGA

Rekik: „Du kannst keine gute Zeit haben ohne schlechte“

Zum ersten Mal, seit er bei Hertha ist, saß Karim Rekik auf der Bank. Sonnabend in Bremen kehrt er in die Startelf zurück.

Karim Rekik hat seit 2017 für Hertha BSC 53 Bundesliga-Spiele absolviert.

Karim Rekik hat seit 2017 für Hertha BSC 53 Bundesliga-Spiele absolviert.

Foto: Foto: Kaspar-Bartke / Bongarts/Getty

Berlin. Es ist ein schmuddeliger Herbsttag, als Karim Rekik (24) zum Interview erscheint. „Das wird jetzt ein paar Monate so bleiben“, fürchtet der Verteidiger von Hertha BSC. Aber das schreckt den Niederländer nicht. In seiner Heimat und in England, wohin er schon mit 16 Jahren wechselte, „war das Wetter immer so“. In Marseille bei Olympique war es später angenehmer. Anfangs schien die Sonne für Rekik auch in Berlin: In den ersten zwei Jahren unter Pal Dardai stand der viermalige Nationalspieler immer auf dem Platz, wenn er einsatzfähig war. Unter Nachfolger Ante Covic ist der kräftige Abwehrmann aus der ersten Elf gerutscht. Ohne Rekik gewann Hertha dreimal in Serie. Am Sonnabend könnte er nun bei Werder Bremen zurückkehren (15.30 Uhr/Sky). Weil Abwehrchef Niklas Stark mit einer kuriosen Blessur auszufallen droht.

Herr Rekik, haben Sie sich schon einmal ernster an einer Tischkante verletzt?

Nein, nein (lacht). Aber ich habe die Geschichte gehört.

Was hat Niklas Stark Ihnen erzählt, wie es passiert ist?

Ich habe ihn nur kurz gesehen, als er von der Nationalmannschaft zurückkam. Ich habe ihn gefragt: Du hast dich an einem Tisch verletzt? Er sagte: Ja, das ist in der Nacht passiert. Und hat mir dann die gleiche Geschichte erzählt, die jeder kennt.

Muss er sich dafür jetzt im Team Sprüche anhören?

Er hat halt einfach Pech gehabt.

Stark hat dadurch nicht nur erneut sein Debüt für Deutschland verpasst, sondern fehlt womöglich am Sonnabend bei Herthas Spiel in Bremen. Sie könnten für ihn ins Team rücken. Ist sein Pech Ihr Glück?

Nein, nein, sagen Sie so etwas nicht. Ich tue, was ich kann, auf dem Platz. Aber ich denke nicht: Es wäre gut, wenn sich jemand verletzt. So würde ich nie denken. Wir werden sehen, wer spielt.

Aber wie kommt man sonst ins Team? Bei Innenverteidigern ist es doch wie bei Torhütern: Wenn es einmal funktioniert, wechselt man so schnell nicht mehr.

Da stimme ich nicht zu. Was Einwechslungen angeht, ja, da kommen Abwehrspieler meist nur ins Spiel, wenn man einen Vorsprung verteidigen oder verletzungsbedingt wechseln muss. Aber sonst ist es dasselbe wie in jedem Mannschaftsteil.

Sie haben die ersten vier Pflichtspiele von Beginn an bestritten. Dann waren Sie plötzlich raus.

Wenn du schon länger Fußball spielst, dann weißt du, dass es solche Situationen gibt in deiner Karriere. Viele denken: Du bist Fußballspieler, dein Leben ist doch immer toll. Aber manchmal bist du verletzt oder spielst nicht. Es gehört alles zum Job.

Waren Sie nicht frustriert?

Natürlich, jeder will ja spielen. Aber du kannst nicht wochenlang enttäuscht bleiben, nicht einmal ein paar Tage. Wenn du traurig oder verzweifelt zum Training kommen würdest, dann hilft dir das überhaupt nicht. Also gebe ich jeden Tag mein Bestes und bleibe positiv.

Sie hatten beim 0:3 auf Schalke ein Eigentor erzielt, Stark ebenso. Auf die Bank mussten nur Sie. Hat Trainer Ante Covic Ihnen das erklärt?

Nein, aber das ist auch nicht nötig für mich. Sonst würde ich den Coach ansprechen. Wenn du zweimal 0:3 verlierst, dann kann das passieren. Er wollte etwas ändern. Ich nehme es fürs Team an und arbeite weiter hart.

Hilft es Ihnen da, dass Sie mit 24 Jahren schon in vier Ländern gespielt haben?

Ja, es formt dich als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Ich hatte tolle Erfahrungen, gute Zeiten, auch schlechtere Zeiten. Aber du kannst keine guten Zeiten haben ohne die schlechten. Es führt alles zu etwas hin.

Sie wirken sehr reif für Ihr Alter. Sie verbringen auch viel Zeit mit Spielern wie Vedad Ibisevic oder Salomon Kalou, die zehn Jahre älter sind.

Ja, wir können gut miteinander. Ich kann über alles mit ihnen reden, sie sind wie große Brüder für mich.

Sie haben auch einen jüngeren Bruder, Omar. Er ist Verteidiger bei Herthas U19. Ist er das größere Talent?

Definitv (lacht). Ernsthaft: Ich glaube, er ist ein großes Talent, er kann es in den Profifußball schaffen. Ich sehe es an unserem Vater: Wenn ich als Junge dachte, ein gutes Spiel gemacht zu haben, hat er mir danach erst einmal erklärt, was ich besser machen kann. Ich dachte: Geht das schon wieder los … Aber meinem Bruder sagt er: Du hast sehr gut gespielt. Wenn mein Vater das also sagt, dann hat er wirklich gut gespielt.

Vor einer Woche waren Sie mit der ganzen Mannschaft an der Gedenkstätte Berliner Mauer und an der East Side Gallery. Sie waren noch gar nicht geboren, als die Mauer fiel. Wie sehr hat Sie das beeindruckt?

Es war sehr bewegend. Wenn du in Holland in der Schule etwas darüber lernst, ist das emotional viel weiter weg, als wenn du mit Menschen sprichst, die das alles durchgemacht haben und davon erzählen. Der Museumsführer hat uns viel erklärt, Bilder und viele Dinge von damals gezeigt. Das öffnet die Augen. Wir machen uns ja heute eher keine Gedanken darüber, was es heißt, frei zu leben. Wir können uns ja frei bewegen und tun, was wir wollen.

Hertha hat auch ein Sondertrikot zum Mauerfall-Jubiläum enthüllt.

Ich habe es gesehen, mit einem Teddybären vorne drauf.

Es ist eine Neuauflage von 1989. Hertha hatte das gleiche Exemplar nach dem Mauerfall gegen Wattenscheid getragen. Wie gefällt es Ihnen?

Für mich spielt es keine große Rolle, was genau da vorne drauf ist. Es zählen hier doch vielmehr die Gedanken dahinter und wie viele Erinnerungen für die Menschen damit verbunden sind.

Kann man mit einem Teddybär auf der Brust als Verteidiger einschüchternd wirken?

(lacht) Was wollen sie stattdessen draufdrucken: ein Krokodil? Einen Hai? Es ist doch im Spiel egal, was vorne auf dem Trikot ist.

Hertha BSC und der 1. FC Union hatten nach der Wende ein Freundschaftsspiel, danach ist die Beziehung beider Klubs abgekühlt. Was bedeutet das Derby am 2. November für Sie als Spieler?

Es ist ein Derby. Ein wichtiges Spiel. Solange alles sportlich bleibt, finde ich das gut. Ich habe das ja schon in England erlebt, in Liverpool oder Manchester. Du möchtest natürlich gewinnen, danach auf die Straßen gehen und sagen können: Wir sind die Besten in der Stadt! Das treibt dich an. Es wird ein großes Spiel mit großen Emotionen.