Bundesliga

Herthas Marko Grujic ist für seine Trainer ein Spezialfall

Bei Hertha profitiert Marko Grujic vom Vertrauen seines Trainers Ante Covic. In Serbiens Nationalmannschaft sieht das ganz anders aus.

Herthas Marko Grujic (l.) wird von Trainer Ante Covic für seinen Ausgleich gegen Mainz gefeiert.

Herthas Marko Grujic (l.) wird von Trainer Ante Covic für seinen Ausgleich gegen Mainz gefeiert.

Foto: Thomas Frey / dpa

Berlin. Der Balkan ist mitunter ein Mysterium. So hat Serbien diesen Sommer ausgerechnet Ljubisa Tumbakovic zum Nationalcoach ernannt. Der war kurz zuvor als Trainer Montenegros gefeuert worden. Der 66-Jährige hatte aus politischer Überzeugung ein EM-Qualifikationsspiel gegen den Kosovo geschwänzt. Damit der Seltsamkeiten nicht genug: In Serbiens aktuellem Aufgebot fehlen die Stars Luka Jovic von Real Madrid, Nemanja Matic von Manchester United und – weiterhin – Marko Grujic von Hertha BSC.

So steht der Mittelfeldspieler also am Mittwoch beim Training in Berlin, schreibt Autogramme für kleine Hertha-Fans und hofft danach, dass keine verbandspolitischen Spielchen dahinter stecken: „Es ist etwas seltsam, in der Zeitung zu lesen, dass der Trainer eine Gruppe von 60 Spielern testen will und ich nicht dazugehöre, obwohl ich in einer der stärksten Ligen der Welt spiele.“

Der 23-Jährige fehlt dennoch beim Testspiel gegen Paraguay an diesem Donnerstag und am Montag in der EM-Qualifikation in Litauen. „Es ist enttäuschend, nicht berufen zu werden“, sagt Grujic, „aber ich werde um meinen Platz kämpfen.“

Schon im März Irritation mit dem Verband

Er ist es fast gewohnt. Schon im März war der achtmalige Nationalspieler überraschend aus dem Aufgebot gegen Deutschland gestrichen worden. Angeblich, weil er im Herbst zuvor für ein Länderspiel mit der U21 abgesagt hatte. Laut Grujic hatte Hertha dies mit dem serbischen Verband abgesprochen. Seitdem wird Grujic jedenfalls nicht mehr berufen.

Mit seinen Leistungen auf dem Platz hat dies wohl eher wenig zu tun. Als einziger Feldspieler neben Niklas Stark stand der Mittelfeldmotor für Hertha jede Pflichtspielminute auf dem Platz, hat zusätzlich bereits zwei Tore erzielt. Aber im Gegensatz zum Berliner Abwehrchef wird er in der heimischen Nationalmannschaft weiterhin verschmäht.

Eine mögliche Erklärung: Eventuell ist der serbische Nationaltrainer Hertha-Fan. Denn mit kaum einem anderen Spieler gehen die Berliner Anhänger so hart ins Gericht wie mit Grujic. Er agiere in dieser Spielzeit wie eine schlechte Kopie seiner selbst, war zu hören. Dabei performt der Leihspieler aus Liverpool bisher wie Hertha insgesamt: Nicht wirklich schlecht – aber auch nicht so gut wie vor der Saison erhofft.

Doch auf dem 1,91-Meter-Mann mit Feingefühl im Fuß, den man im Sommer eine weiter Saison von Jürgen Klopp ausborgen durfte, ruhen ganz andere Hoffnungen. Wenn einer das Potenzial hat, aus sich und dieser Saison mehr zu machen, dann Grujic.

Höhere Erwartungen nach starker Vorsaison

Schuld an der Kritik ist er selbst, mit seinen guten Leistungen in der Vorsaison. Auch, weil die Erwartung damals eine andere war: „Ich glaube nicht, dass viele Leute mich vorher kannten“, sagt er rückblickend. „Mit den Spielen, die ich gemacht habe, habe ich viele überrascht.“

Mit seiner Spielintelligenz, Zweikampf- und Kopfballstärke hatte er schnell angedeutet, zu Höherem befähigt zu sein. Trainer Pal Dardai verkündete vollmundig, so einen Mittelfeldspieler habe Hertha BSC noch nie gehabt.

Ante Covic, Dardais Nachfolger, war nicht weniger Fan. In den ersten Gesprächen als Cheftrainer setzte er alles daran, dass der Mittelfeldspieler eine weitere Saison in Berlin bleibt.

„Es ist seine Art, spielbestimmend zu sein“, hatte Covic erkannt. Der Deutsch-Kroate war schon als U23-Trainer Bezugsperson für Grujic, dolmetschte für ihn in den ersten Gesprächen mit Hertha, half ihm, eine Wohnung zu finden.

Doch obwohl Grujic diesen Rückhalt genoss, wirkte er zu Saisonbeginn eher fahrig als spielbestimmend. Was auch an der Position lag. „Um ehrlich zu sein, habe ich zuvor nicht allzu oft als Sechser vor der Abwehr gespielt“, erklärt er. „Das heißt, mehr Defensivarbeit zu verrichten, wo ich mich noch verbessern muss.“

Routinier Skjelbred als Helfer

Eine große Hilfe für ihn war, als Per Skjelbred neben ihn rückte. „Per spielt seit vielen Jahren Bundesliga, es ist einfacher mit ihm“, sagt Grujic, der für seine 23 Jahre zwar sehr reflektiert und gefestigt wirkt, aber eben nicht über die Routine eines 400-Pflichtspiele-Haudegens wie Skjelbred verfügt.

„Wenn du eine gute Saison spielst, ist es das Schwerste, das zu wiederholen“, weiß er, verspricht aber: „Ich war nicht außergewöhnlich vergangene Saison. Ich kann genauso gut werden oder besser.“ Die Saison sei noch jung.

Und einen Fan hat er wenigstens: einen Mann mittleren Alters, der ihn oder Trainer Covic öfter in Fremdsprache anspricht, wenn sie vom Platz kommen.

„Das ist ein Freund von mir, er lebt in Berlin und kommt aus Bosnien“, erklärt Grujic, der sagt, dass er Bosnisch ebenso gut verstehe wie das Kroatisch des Trainers. „Es ist wie Deutsch und Österreichisch, gleiche Sprachen, unterschiedlicher Akzent.“ Es gibt es also noch: Das gegenseitige Verständnis auf dem Balkan.