BUNDESLIGA

Hertha BSC: Ist die Krise jetzt vorbei?

Erleichterung bei Hertha nach dem ersten Sieg. Trainer Ante Covic beklagt mangelnde Dominanz. Arne Maier fällt mit Knieverletzung aus

Catch me if you can: Javairo Dilrosun (Nr. 16) feixt über sein Führungstor für Hertha, Davie Selke hat seinen Spaß.

Catch me if you can: Javairo Dilrosun (Nr. 16) feixt über sein Führungstor für Hertha, Davie Selke hat seinen Spaß.

Foto: Foto. Gora / picture alliance

Berlin. Der Mann des Spiels fühlte sich an seine Kindheit in Amsterdam erinnert­. „Ich habe früher auf der Straße immer viel gedribbelt“, erzählt Javairo Dilrosun von seinem spektakulären Führungstor für Hertha BSC. Er habe erst nur „einen Gegenspieler gesehen, und dann wurden es immer mehr“, beschreibt der Stürmer sein Solo durch die Hintermannschaft des SC Paderborn. „Dann stand der Keeper vor mir, da habe ich den Ball links vorbeigelegt.“

Es war eine Szene, wie man sie im heutigen Profifußball eigentlich nicht mehr erlebt: Dass ein Profi die Gegner im Strafraum wie Slalomstangen austanzt – und die Chuzpe, es überhaupt mit einer ganzen Defensive aufzunehmen, damit rechnet eigentlich keine Abwehr. Es war das 1:0 für Hertha BSC – am fünften Bundesliga-Spieltag gingen die Berliner erstmals in Führung. Am Ende stand mit dem 2:1 der ersehnte erste Saisonsieg. Hertha ist nicht mehr Tabellenletzter, sondern kletterte auf Rang 15.

Selke: Wir wollen mehr Spiele gewinnen

Für Stürmer Davie Selke „ein kleiner Startschuss“, aber nicht mehr. „Wir sind immer noch in einer Phase, in der wir nicht sein wollen. Das ist nicht unser Anspruch. Wir wollen mehr Spiele gewinnen­, mehr Punkte holen.“

Es ist kein Zufall, dass mit Dilrosun und Marius Wolf, der das zweite Tor erzielte, zwei Spieler trafen, die beide nervlich stabil wirkten. Wolf, Ende August von Borussia Dortmund­ ausgeliehen, verwandelte die exzellente Vorlage des niederländischen Nationalspielers mit viel Energie­ – das war der Treffer eines selbst­bewussten Spielers­.

Covic vermisst Spieler, die den Ball wollen

Davon gab es nicht allzu viele im Team der Berliner­. Auch Trainer Ante Covic war am Tag danach erleichtert. „Es gibt im Fußball nichts Schwereres als zu gewinnen­. Wir wissen diesen Sieg sehr zu schätzen.“ Aber natürlich war dem Coach nicht entgangen, dass vor 43.600 Zuschauern im Olympiastadion eine arg verunsicherte Heimmannschaft auf dem Rasen stand. Paderborns Trainer Steffen Baumgart sagte: „Die eine Mannschaft wollte Fußball spielen, die andere nicht so“ – mit letzterer war Hertha gemeint.

„Es ist nicht einfach, Dominanz­ auszustrahlen, wenn du verunsichert bist“, erklärte Covic. „Dann fehlen­ dir Leute­ im mittleren Sektor, die den Ball haben wollen.“ Da muss man einen Moment innehalten. Aber nein, man hat sich nicht verhört. Später sagte Covic: „In der Phase, in der wir uns befinden, brauchst du Leute­ auf dem Platz, die den Ball haben wollen. Das war nicht der Fall.“

Grujic und Duda laufen ihrer Form hinterher

So entpuppt sich ausgerechnet der Mannschaftsteil, der Herthas Prunkstück werden soll, als Problemzone: das Mittelfeld. Marko Grujic, Leihgabe vom FC Liverpool, trifft häufig nicht die richtigen Entscheidungen und hat derzeit nicht die Präsenz, die ihn in der vergangenen Saison ausgezeichnet hat. Ondrej Duda, erfolgreicher und torgefährlicher Spielmacher im Vorjahr, ist ein Schatten seiner selbst. „Ich glaube, dass Ondrej zu viel will“, sagte Trainer Covic, „ihm fällt im Moment dieser Mix aus Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit sehr schwer. Man hofft immer auf seine Momente, die er in der Vergangenheit hatte.“

Dazu kommt: Der Spieler, auf den Hertha am meisten hofft, der das größte Potenzial wohl aller Profis im Kader verspricht, wird auf Monate weiter ausfallen. Arne Maier (20) hat sich unmittelbar vor der für Mittwoch geplanten Rückkehr (mit der U23 gegen den Nachwuchs von Benfica Lissabon) einen Bänderriss am linken Knie zugezogen. Sein letztes Hertha-Spiel hat der U21-Nationalspieler am 30. März bestritten. Nach einer Innenbandverletzung­ am Knie und Problemen am Kniebeuger war Maier über Monate behutsam an die Mannschaft herangeführt worden. „Leider Gottes hat Arne sich im Training verletzt“, sagte Trainer Covic. „Das ist bitter für Arne, weil er kurz vor dem Einstieg war.“

Dilrosun: Ich habe das Vertrauen zurückgezahlt

Somit muss Hertha ausgerechnet auf Maier, dessen Ruhe im Spielaufbau das Team so gut brauchen könnte, auf vermutlich weitere sechs bis acht Wochen verzichten. Natürlich sagt Covic seinem Juwel volle Unterstützung zu: „Wir werden Arne behutsam wieder aufbauen. Wichtig ist, dass er vom Kopf her stabil ist und sich die Zeit gibt, die er jetzt benötigt, um fit zu werden.“

Für den Kopf aller Herthaner war das 2:1 gegen Paderborn sehr wichtig. Ob damit die Kehrtwende eingeleitet, ist, da sind alle noch etwas vorsichtig. Torschütze Dilrosun sagt es so: „Für mein Selbstbewusstsein war es wichtig, in der Startelf zu stehen. Ich bin dem Trainer dankbar. Ich denke, dass ich das Vertrauen zurückgezahlt habe.“ Teamkollege Selke sagt, der Weg zur Leichtigkeit „die wir brauchen, um unser Spiel durch­zubringen, führt über ackern, Gras fressen­, kämpfen und Gas geben“.

Nächste Gelegenheit, um den Stand der Hertha-Form zu prüfen: Sonntag, 18 Uhr beim 1. FC Köln.