Bundesliga

Paderborn – ein Auftrag für Herthas Feuerwehrmann Skjelbred

Herthas Skjelbred ist mit seiner Mentalität der Hoffnungsträger für den ersten Saisonsieg. Seinen wahren Traum verrät er im Interview.

Herthas Mittelfeldspieler Per Skjelbred (r.) stemmt sich mit aller Macht gegen den Mainzer Adam Szalai.

Herthas Mittelfeldspieler Per Skjelbred (r.) stemmt sich mit aller Macht gegen den Mainzer Adam Szalai.

Foto: Bild-Pressehaus / picture alliance / bild pressehaus

Berlin. Es wird langsam ungemütlich in Berlin. Hertha BSC ist nach vier Spieltagen auf dem letzten Tabellenplatz gelandet und über den Trainingsplatz weht ein eisiger Wind vor dem Heimspiel gegen Paderborn am Sonnabend (15.30 Uhr/Olympiastadion). „Herbst is coming“, sagt Per Skjelbred auf dem Weg zum Interview. Aber dem 32-jährigen Norweger macht das nichts aus. „Es gibt ja keinen richtigen Winter hier.“ In seiner Heimat könne es mitunter minus 20 Grad kalt werden. Gegen den Aufsteiger soll Skjelbred für ein wenig Wärme im Hertha-Lager sorgen. Der Mittelfeldspieler ist mit seiner Mentalität so etwas wie der Hoffnungsträger für die Berliner auf den ersten Saisonsieg. Die Morgenpost sprach mit dem Norweger.

Herr Skjelbred, im Training feiern Sie jedes Ihrer Tore ausgiebig, absolvieren zusätzlich Torschussübungen. Können Sie sich noch an Ihren letzten Treffer im Spiel erinnern?

Das ist schon lange her. Zu Hause gegen Wolfsburg, glaube ich, wir haben 1:2 verloren, ich habe das 1:0 oder 1:1 geschossen.

Das war im Februar 2014, in Ihrer ersten Saison für Hertha. Ist also fünfeinhalb Jahre her.

Ich bin ein defensiver Spieler, ich räume meistens ab und spiele die Bälle weiter. Und ich bin kein Usain Bolt, muss ich ehrlich sagen, meine Stärke ist sicher nicht, den Ball zu erobern, über den ganzen Platz zu rennen und dann vorne zu verwerten. Die Jungs lachen manchmal, aber ich sage ihnen immer: Wenn ich im Sechzehner bin - und das ist nicht oft - dann bin ich gefährlich.

Wäre es nicht wieder Zeit für ein Tor von Ihnen? Hertha hat in vier Spielen drei Treffer erzielt, die wenigsten der Bundesliga.

Erst einmal müssen wir als Mannschaft das Schiff sportlich gewendet bekommen. Dann können wir weitere Ziele angreifen.

Tore zu erzielen ist zugegeben auch nicht Ihre Kernkompetenz, Sie gelten eher als Mentalitätsspieler. Sehen Sie sich auch so?

Klar, ich gebe alles, was ich habe, in jedem Training und am Spieltag. Manchmal reicht das und manchmal nicht. Ich versuche immer, 100 Prozent Leistung zu bringen und noch ein paar Prozente extra. Ich bin ein Mannschaftsspieler, laufe so viel ich kann und versuche, die richtigen Sachen zu machen.

Zu Saisonbeginn standen Sie nicht in der Stammelf. Waren Sie sicher, dass Sie am Ende spielen würden, wie fast immer in Ihren sechs Jahren bei Hertha?

Eigentlich sind es schon sieben Jahre. In den ersten fünf Jahren habe ich fast immer gespielt, wenn ich fit war. Klar, langsam kommt das Alter, aber solange ich mich gut fühle, will ich Spiele machen. Weil ich weiß, dass ich der Mannschaft etwas geben kann. Alter spielt da keine Rolle. Das habe ich früh gelernt.

Sie meinen Ihre Anfänge als Profi bei Rosenborg Trondheim?

Ich war 16 Jahre alt, andere Spieler 33, erwachsene Männer. Das war die beste Trainingsmannschaft, die ich in meinem Leben gesehen habe. Die haben acht Jahre in Folge Champions League gespielt, 13 Meisterschaften gewonnen, Pokale ohne Ende, alles gewonnen, was man gewinnen kann und waren trotzdem immer hungrig. Ich war der jüngste Spieler. Wenn du nicht mit deinem Mann mitgelaufen bist oder defensiv gearbeitet hast, hast du eine „Klatsche“ bekommen von einem älteren Spieler.

Eine Schelle für „Schelle“ (Skjelbreds Spitzname, Anm. d. Red.)?

Ja, das war so. Nach dem Training, in den Nacken. Die sagten: Junge, das reicht einfach nicht. Wenn du bei uns mitspielen willst, dann musst du Gas geben. Da habe ich gelernt, zu laufen und zu kämpfen bis zum Schluss.

Gibt es solche Denkzettel heute noch? Sie meinten, früher mussten Sie das Tor alleine auf den Trainingsplatz tragen, heute packen alle gemeinsam an.

Ich gehe auch ab und zu vor und hole die Bälle. Wir sind eine Mannschaft, alle müssen mithelfen. Aber die jüngeren Spieler müssen mehr tragen als ich. Wenn die nicht mitmachen, dann sage ich Bescheid. Das dürfen die umgekehrt aber auch bei mir.

Hertha ist mit Hoffnungen auf den Europapokal gestartet, nun Tabellenletzter. Wie konnte es dazu kommen?

Ich bin seit 16 Jahren Profi und habe viel erlebt. In jedem Jahr gibt es so eine Phase: Man trainiert gut, aber im Spiel, man weiß nicht warum, läuft es einfach nicht. Jetzt sind wir in so einer Phase. Wir verlieren in Mainz, wo wir alle im Spiel das Gefühl hatten: Das können wir noch gewinnen. Aber so ist Fußball.

Was muss jetzt passieren?

Jetzt kommt ein Spiel gegen Paderborn, wo wir alles abliefern müssen, was wir können, damit wir danach in den Spiegel gucken und sagen können: Wir haben alles rausgehauen.

Sie wollten als Kind Feuerwehrmann werden. Wäre das eine Situation für einen Feuerwehrmann?

Wir sind eine Fußballmannschaft, wir löschen nichts. Wir müssen einfach nur anfangen, zu gewinnen und Punkte zu holen.

Paderborn ist Aufsteiger, hat wie Hertha nur einen Punkt geholt, zuletzt 1:5 gegen Schalke verloren. Wenn man die nicht zu Hause schlägt, wird es schwer in der Bundesliga, oder?

Es gibt immer Bundesligaspiele, wo gesagt wird, dass man die gewinnen muss. Wenn du länger dabei bist, weißt du: Diese Muss-Spiele sind nicht so leicht. Aber klar, wir haben eine bessere Mannschaft als Paderborn, und genau das müssen wir zeigen.

Den einzigen Punkt hat Hertha bisher gegen Bayern geholt. Warum tut man sich leichter gegen solche Gegner als Wolfsburg, Schalke und Mainz?

Das fragen mich viele Leute. Aber nochmal: Es gibt keine schlechten Mannschaften in der Bundesliga. Alle haben die gleichen Stunden auf dem Platz trainiert, die gleiche Ausbildung hinter sich. Wenn du auf dem Platz stehst, spielt es keine Rolle, ob zu zwei Millionen Euro verdienst oder 200.000. Dann heißt es: du gegen mich. Wer an dem Tag mehr Leistung bringt, kann das Spiel auch gewinnen. Qualität gewinnt oft, aber Leidenschaft und Laufbereitschaft können auch Spiele entscheiden.

Sie werden kommenden Sommer 33, Ihr Vertrag läuft aus. Das könnte Ihr letztes Jahr in Berlin sein. Genießen Sie es trotz allem?

Klar, ich genieße jeden Tag. Ich war neun Jahre in der Bundesliga, habe viele Spieler und Menschen kennengelernt. Eine überragende Erfahrung, persönlich, fußballerisch sowieso. Ich habe einen tollen Job, kann mit jüngeren Leuten arbeiten, und auch mit älteren. Das ist eine Energie, die man nicht überall bekommt.

Nach der Karriere wollen Sie nach Trondheim zurück?

Mein Ziel ist es, irgendwann zurück nach Norwegen zu gehen, aber ich weiß nicht wann. Körperlich fühle ich mich gut, ich kann immer noch viel laufen, habe keine Verletzungsprobleme (klopft auf Tisch). Wenn das so weitergeht, kann ich auch noch weiter auf höherem Niveau spielen.

Wollen Ihre Kinder denn zurück nach Norwegen?

Wahrscheinlich sind die jetzt schon mehr Deutsch als Norwegisch, sie sind ja viel länger hier als zu Hause. Aber jeden Urlaub sind wir dort und es ist wichtig für mich, dass sie meine Sprache können, auch mit dem Dialekt aus Trondheim. Das ist eine kulturelle Sache.

„Papa, uns ist es zu kalt dort!“, hören Sie da nicht?

Nee, die Kinder lieben Norwegen. Sie sind echte Norweger, gehen angeln, bergwandern. Wenn Sturm draußen ist, bleiben wir nicht zu Hause, sondern gehen raus. Klar, an Playstation und iPad kommt man in dieser Generation schwer vorbei, aber sie spielen auch Fußball und Handball, meine Tochter geht turnen.

Sie sind eine sportliche Familie?

Ja, ich habe meine Frau in der Sportschule kennengelernt, vor der Profikarriere, Gottseidank. Sie war schon vor dem Fußball da, vor dem Geld, den Fans. Sie kennt mich, damals und heute, das ist auch gut so. Wenn sie eine Meinung hat, weiß sie, wovon sie redet.

Möchten Sie nach der Karriere im Fußball bleiben?

Wenn ich dann irgendwann aufhöre, möchte ich anfangs ein bisschen Abstand. Aber ich habe schon mit meinem Trainerschein in Norwegen angefangen, den will ich fertig machen. Ich will auch für mich aufschreiben, was ich die letzten 20 Jahre gelernt habe. Dann gibt es vielleicht Möglichkeiten, beispielsweise an einer Jugendakademie in Norwegen zu arbeiten. Ich habe viel Erfahrung, ich kann Fußball, ich habe das mein ganzes Leben gemacht und möchte jüngeren Spielern helfen, Mädchen und Jungen. Aber auch der Traum, Feuerwehrmann zu werden, ist immer noch da.

Sie wollen wirklich noch Feuerwehrmann werden?

Wenn ich da einen Job kriege, wäre das geil, da sage ich nicht Nein. Erstmal musst du eine Ausbildung machen, das dauert viele Jahre. Aber dann hast du einen wichtigen Job, arbeitest im Team: Ich gehe rein, du bist hinter mir, ich vertraue dir, mit meinem Leben. Wenn du nicht da bist, bin ich vielleicht tot. Das ist auch ein Adrenalinkick. Natürlich gibt es auch schlechte Seiten, Autounfälle, das ist nicht schön zu sehen. Doch ich mag den Job, den Teamgeist.

Vorher schießen Sie noch ein Tor für Hertha?

Ja, ich habe den Jungs gesagt: Wenn ich mal im Strafraum bin, dann brennt‘s (lacht).