Bundesliga

Warum Herthas Spieler noch mit Covic fremdeln

Die Profis von Hertha BSC haben sich noch nicht an ihren neuen Trainer gewöhnt – und brauchen vor dem Heimspiel gegen Paderborn Zeit.

Muss seiner Mannschaft im Training noch eine Menge erklären: Herthas Trainer Ante Cociv (M.).

Muss seiner Mannschaft im Training noch eine Menge erklären: Herthas Trainer Ante Cociv (M.).

Foto: Tom Weller / dpa

Berlin. Wer dieser Tage mit Ante Covic (44) zusammenkommt, dem Trainer von Hertha BSC, der trifft auf einen lockeren, nach außen entspannt wirkenden Menschen. Das ist allein deshalb erstaunlich, weil Covic allen Grund hätte, zerknirscht und miesepeterig zu erscheinen. Sein Berufseinstand als Bundesligatrainer darf als missglückt gelten, nach vier Spielen und nur einem Punkt ist Hertha Tabellenletzter. In den vergangenen Tagen war überall zu lesen, wie historisch schlecht dieser Start nun ist. Wenn es so weitergeht, würde den Hertha zugeneigten Berlinern irgendwann ganz sicher die Currywurst im Halse stecken bleiben.

Covic will vor dem Heimspiel am Sonnabend gegen Paderborn (15.30 Uhr, Olympiastadion) gar nicht leugnen, dass er das alles gehört und gelesen hat. Seine Grundüberzeugung ändert sich dadurch aber nicht. „Dieser Sport funktioniert am besten, wenn man eine gewisse Lockerheit an den Tag legt“, sagt er. Unpassend nur, dass diese gewisse Lockerheit mit jedem Misserfolg einer gewissen Verkrampftheit weicht. Wie man am besten mit einer solchen Situation umgeht, glaubt Covic beim kommenden Gegner, der ebenfalls nur mit einem Punkt gestartet ist, zu erkennen. „Ich glaube, dass Paderborn die grundsätzliche Philosophie hat, alle Spiele genießen zu wollen“, sagt er.

Hertha hat die wenigsten Tore der Liga erzielt

So war es ja eigentlich auch für Herthas Profis angedacht. Mit der neuen, offensiveren Ausrichtung sollte ihr Wohlbefinden auf dem Platz steigen. Tore zu schießen, mache schließlich jedem Spaß. In der Realität sieht es anders aus. Hertha hat neben Hoffenheim die wenigsten Treffer (3) vorzuweisen, gibt nach Augsburg die zweitwenigsten Torschüsse (39) ab und verwertet nur schlecht seine Großchancen.

Wie schwer den Spielern der Umstieg vom durch Sicherheitsdenken geprägten Stil des Vorgängers Pal Dardai hin zu Covics Attacke fällt, ist nicht nur auf dem Platz sichtbar, sondern auch an Zahlen belegbar. „Dieser Prozess gestaltet sich wesentlich schneller, wenn man Punkte auf dem Konto hat“, sagt Covic über den Philosophiewandel. Dann sei man auch wesentlich effizienter und hätte mehr Selbstvertrauen im letzten Drittel. Das ist derzeit nicht so.

Hätte ein größerer Umbruch Covic den Job erleichtern können?

Bei Hertha war man sich der anspruchsvollen Aufgabe bewusst, die solch ein Wandel mit sich bringt. Manager Michael Preetz bittet um Verständnis. „Es sind jetzt Dinge da, die verändert wurden und die Zeit brauchen“, sagt er.

Entgegen der Ausrichtung hat sich am Kader verhältnismäßig wenig getan diesen Sommer. Dodi Lukebakio ist dazugekommen, genau wie Marius Wolf, Eduard Löwen und Dedryck Boyata. Daishawn Redan ist eher als Investment in die Zukunft zu verstehen denn als sofortige Hilfe. Verglichen mit anderen Kadern hält sich die Fluktuation bei Hertha in Grenzen. Die Mannschaft ist getrimmt – auf die Vorgaben des Langzeittrainers Dardai, der in den vergangenen viereinhalb Jahren wirkte. Es kann nur spekuliert werden, ob Hertha der Umstieg hin zu Covic mit einer größeren Anzahl von neuen Spielern leichter fallen würde.

Per Skjelbred (32), seit sechs Jahren bei Hertha, sieht den aktuellen Kader als ausreichend lernfähig an. „Die Qualität ist viel zu hoch, unsere Mannschaft hat viel zu gute Spieler, als dass man längere Phasen weiter dort unten bleibt“, sagt er. Nur fremdeln auch die qualitativ hochwertigen Spieler wie Rekordtransfer Lukebakio oft noch mit den anspruchsvollen Trainingsinhalten. Die Verunsicherung ist kein bloßes Resultat der Spiele. Skjelbred beruft sich wie Manager Preetz auf den Faktor Zeit. „Der Trainer erklärt das alles, wenn man das ein paar Mal gemacht hat, kommt das automatisch.“

Auch andere Trainer hatten Nachfolger-Probleme

Das Phänomen, dass Mannschaften, die lange von einem Trainer geprägt wurden, sich mit dem Nachfolger zuerst schwer tun, ist keine Berliner Erscheinung und liegt erst recht nicht nur an Covic. Aad de Mos scheiterte bei Werder Bremen nach 14 Jahren Otto Rehhagel mit seinem niederländischen Ansatz. Frank Neubarth erlebte unruhige Zeiten bei Schalke 04, als er nach sechs Jahren Huub Stevens versuchte, seine Ideen durchzubringen. Selbst die systemgestählten Profis des FC Bayern hatten nach der prägenden Ära von Pep Guardiola Mühe, sich mit dem Stil von Carlo Ancelotti anzufreunden. Auch Covic verdient Zeit, doch der Druck des Gewinnenmüssen wird größer, erst recht gegen einen schlecht gestarteten Aufsteiger wie Paderborn.

Für Skjelbred sind Trainerwechsel und Systemumstellungen nichts Neues, er hat in seinen 16 Jahren als Profi vieles gesehen und erlebt. „Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie, aber die Übungen sind immer fast die gleichen“, sagt er. Für Covic gelte das nicht. Der sei immer sehr kreativ bei der Auswahl. Ob das in der aktuellen Situation von Hertha BSC gut oder schlecht ist, müssen die kommenden Wochen zeigen.