KOLUMNE IMMERHERTHA

Wie viel Hertha steckt in der Champions League?

Einmal, 1999, spielte Hertha in der Königsklasse. Seither hat sich der Berliner Bundesligist zu einem Ausbildungsverein entwickelt.

Ein Ex-Herthaner in der Champions League: Niko Kovac, seit 2018 Cheftrainer des FC Bayern.

Ein Ex-Herthaner in der Champions League: Niko Kovac, seit 2018 Cheftrainer des FC Bayern.

Foto: Foto: Grimm / Bongarts/Getty

Die neue Saison der Königsklasse rollt gerade los. Als Fußball-Reporter in Berlin verfolgt der Autor dieser Zeilen die Champions League seit Längerem im „Walhalla“ in Moabit – oder daheim auf dem iPad. Was bleibt einem übrig – Hertha BSC macht ja seit Jahren einen großen Bogen um den Kreis des europäischen Fußball-Adels. Von daher mag die Frage verwegen anmuten: Wie viel Hertha­ steckt in der Champions League?

Schnitt nach München. Einer, der dort kurz vor dem Anpfiff in die Runde schaute und die Atmosphäre auf sich wirken lässt, weiß, dass das alles nicht selbstverständlich ist: 70.000 Zuschauer, ausverkauft, Champions League-Hymne, mehr als zwei Milliarden Euro wird der europäische Fußballverband Uefa in dieser Saison an die 32 Klubs ausschütten. Am Mittwoch war Niko Kovac als Trainer des FC Bayern gegen Roter Stern Belgrad im Einsatz.

Premiere vor 3800 Fans im Olympiastadion

Kovac kennt auch die andere Seite. Es war ein kalter Sonnabend im November 1991. Hertha BSC spielte in Liga zwei gegen den VfL Osnabrück. Auf den 74.000 Plätzen des Olympiastadion verloren sich 3812 Zuschauer, die das Debüt des damals 20-jährigen Kovac erlebten. Bis 1996 und noch einmal zwischen 2003 und 2006 trug der Junge aus dem Wedding insgesamt 241mal das blau-weiße Trikot.

Kovac allein versammelt ein Drittel Hertha-Erfahrung, die in der aktuellen Champions League unterwegs ist. Weil Hertha – mit der Ausnahme 1999/2000 – nie eine Rolle in der Königsklasse gespielt­ hat, mag man es kaum glauben: Aktuell ist die Erfahrung von insgesamt 662 Hertha-Spielen im besten Klub-­Wettbewerb dieses Planeten vertreten.

So hat Kovac mit Jerome Boateng ein weiteres Hertha-Eigengewächs im Kader. Der wurde von 2002 bis 2007 im Schatten des Olympiastadions ausgebildet. Boateng ist als Champions-League-Sieger von 2013 und Weltmeister von 2014 der am höchsten dekorierte Spieler aus dem Hertha-Nachwuchs. Auch wenn der Verteidiger in München gerade keine Stammplatz-Garantie hat: Mit 70 Einsätzen in der Königsklasse ist Boateng ein nach wie vor zuverlässiger­ Haudegen für höchste Ansprüche­.

Hertha nie wieder so gut wie unter Favre

Bei Borussia Dortmund sind gleich drei Akteure mit blau-weißer Vergangenheit am Start: Trainer Lucien Favre wagte sich 2007 aus seiner Heimat Schweiz hinaus auf die große Fußball-Bühne. Zwei turbulente Jahre verbrachte der Coach an der Seite von Manager Dieter Hoeneß in Berlin. So gut wie 2009 unter Favre – Rang vier – hat Hertha seither nie wieder eine Bundesliga-Saison beendet.

Favre steht in Dortmund ein Routinier zur Verfügung, den der Schweizer einst bei Hertha zum rechten Außenverteidiger umgeschult hat: Lukasz Piszczek spielte von 2007 bis 2010 in Berlin. Nicht nur weil er mit dem BVB 2013 das Champions-League-Finale erreicht hat, ist der heute 34-jährige eine Institution­ in Dortmund.

Auch wenn er beim Auftakt gegen den FC Barcelona und Lionel Messi verletzt war: Auf der linken Seite verrichtet seit Juli ein Berliner seinen Job: Niko Schulz, von 2000 bis 2015 bei Hertha, hat sich zum Nationalspieler gemausert.

Fußball-Schnösel Mitchell Weiser

Die verbleibenden Kandidaten rangieren in der Rubrik Legionäre. Valentino Lazaro gab am Dienstag für Inter Mailand sein Königsklassen-Debüt. Der Österreicher nutzte seine zwei Saisons bei Hertha als Sprungbrett und verdient nun sein Geld in Italien. Wenig tiefe Fußspuren im Hertha-Kosmos hat der letzte Name dieser Reihe hinterlassen: Mitchell Weiser. Ja, er hat zwischen 2015 und 2018 einige gute Spiele geliefert. Wird aber in Erinnerung bleiben als schnöseliger Profi, der auf die Kritik von Hertha-Fans nach einem schwachen Europacup-Spiel in der Ukraine gegen Sorja Luhansk (1:2) sagt: „Was wollt ihr? Es zwingt euch doch niemand, mit Hertha mitzufahren.“

Da auch der aktuelle Hertha-Jahrgang keine Anstalten macht, in Richtung Champions League aufzubrechen, bleibt festzuhalten: Hertha BSC ist eine nicht ganz unerhebliche Station als Ausbildungsverein­ für Topklubs.