Immer Hertha

Wenn Gewinnen allein zu wenig ist

Ergebnisfußball reicht nicht mehr, die Bundesligaklubs wollen unterhalten. Eine Entwicklung mit Tücken, beobachtet Sebastian Stier.

Gewinnen allein reicht in der Bundesliga nicht mehr, meint Sebastian Stier. Das gilt auch im Olympiastadion.

Gewinnen allein reicht in der Bundesliga nicht mehr, meint Sebastian Stier. Das gilt auch im Olympiastadion.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Ich muss dieser Tage, da die Bundesliga in ihre erste Pause geht, öfter an Otto Rehhagel denken. Der hat immer so schön schrullige Sätze gesagt, denen eine gewisse Immunität gegen den Lauf der Zeit angedichtet wurde. An Ottos Worten gab es nichts Vergängliches, sie galten scheinbar bis ans Ende aller Tage. Der Mann schwebte über den Dingen, selbst Naturgesetze oder biologische Fakten wurden seiner nicht habhaft. „Es gibt keine jungen oder alten Spieler, nur gute oder schlechte“, sprach Rehhagel, und fortan war die Generation dreißig plus wieder en vogue – von Hamburg bis München. Kaum einer, der es im Reich der Bundesliga wagte, König Otto zu widersprechen.

Heute scheinen seine Erkenntnisse nicht mehr zu sein als Relikte einer längst untergegangenen Epoche. Rehhagel (81) hat abgedankt, vor Jahren schon. Seine Weisheiten liegen auf dem Schafott der Zeit, hinaufbefördert durch den Fußball selbst, Sport kann da gnadenlos sein. Einer der jüngst exekutierten Aussprüche ging so: „Modern spielt, wer gewinnt.“ Rehhagel wollte damit seine Abneigung gegen all den Kokolores der Neuzeit zum Ausdruck bringen. Nach dem Motto: Wer braucht schon eine Viererkette, wenn er auch mit Libero gewinnt? Laktatwerte? Brauchte er nicht. Mit seiner Fachkenntnis und Erfahrung sah er auch so, ob ein Spieler rennen konnte oder nicht. Der Zweck heiligte bei ihm stets die Mittel, da war Rehhagel ganz Kind seiner Zeit.

Die Ära des reinen Ergebnisfußballs ist mittlerweile auch in der Bundesliga beendet, Siege sind längst nicht mehr das höchste Gut. Sofern sie nicht schön anzusehen sind, schützen sie Trainer nicht vor den Guillotinen der Sportdirektoren. Die Vorgabe der Gegenwart lautet: gewinnen ja, aber bitte mit Stil. Das Publikum will unterhalten oder – wie im Fall von Hertha BSC – ins Stadion gelockt werden. Wer sich heute eines ermauerten eins zu null rühmt, läuft Gefahr, aus der Manege gejagt zu werden, sollte sich dieser Vorfall öfter wiederholen. Hängt ein Trainer an seinem Job, ist er besser beraten, auf ein fünf zu vier zu gehen.

Die Sehnsucht nach rauschender Unterhaltung hat in der Bundesliga zu einer stark reduzierten Halbwertszeit der Trainerleben geführt. Abgesehen vom ewigen Christian Streich (54, SC Freiburg) und dem nicht minder ewigen Friedhelm Funkel (65, Fortuna Düsseldorf) hat keiner der sechzehn verbleibenden Trainer ein drittes Dienstjahr vollendet. Etwas mehr als anderthalb Jahre beträgt aktuell die durchschnittliche Amtszeit eines Bundesliga-Trainers. Da lohnt es sich kaum noch, eine Mietwohnung zu beziehen.

Zu den Klubs, die in diesem Sommer ihren Trainer getauscht haben, weil sie sich in Zukunft einen etwas aufregenderen Fußball wünschen, gehören Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC. An beiden Standorten glich der erste Reflex in der öffentlichen Wahrnehmung einem derzeit beliebten Werbe-Jingle. Kann man machen, muss man aber nicht.

Dieter Hecking und Pal Dardai waren, gemessen an ihrer Tätigkeitsdauer, nach heutigem Standard längst überfällig, den Verantwortlichen stand der Sinn nach einer sportlichen Frischzellenkur. Wie sehr die beiden ihre Mannschaften stilistisch geprägt haben, zeigt sich zum Start der neuen Saison. In Gladbach hat Heckings Nachfolger Marco Rose arge Probleme, seine bevorzugte Interpretation des Spiels durchzusetzen. Noch schwieriger gestaltet sich die Situation bislang in Berlin. Einen Punkt hat Hertha aus den ersten drei Spielen geholt, ist Vorletzter. Acht Mal lag der Ball schon im Berliner Tor, eine Zahl als Ausdruck der Verunsicherung, die in Herthas Defensive nach dem Stilumbruch herrscht.

Fußballer sind gemäß eines Sprichworts dem Bauern nicht unähnlich, sie tun sich schwer mit Sachen, die sie nicht kennen beziehungsweise die sie lange nicht gemacht haben. Veränderungen brauchen Zeit. Und Geduld. Von beidem gibt es im Fußball-Geschäft wenig. Das war schon zu Zeiten von Otto Rehhagel nicht anders.