Bundesliga

Herthas Lukas Klünter über Schalke: „Wir müssen drauflegen“

Hertha BSC: Der Rechtsverteidiger über das Schalke-Spiel und über das, was unter Trainer Ante Covic anders ist als unter Pal Dardai.

Platz da: Herthas Lukas Klünter (l. im Duell mit Bayerns Kingsley Coman) ist der schnellste Sprinter der Liga.

Platz da: Herthas Lukas Klünter (l. im Duell mit Bayerns Kingsley Coman) ist der schnellste Sprinter der Liga.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Berlin. Lukas Klünter hat sich nicht nur im Fußball viel vorgenommen. „Bei uns in der Gruppe ist gerade ‚Miso Black Cod‘ angesagt“, erzählt Herthas Rechtsverteidiger, und da er nun mal ein ambitionierter Hobbykoch sei, wolle er demnächst ein paar Teamkollegen einladen, um ihnen dieses „aufwendige Gericht“ (mit Miso glasierter Kabeljau) zu präsentieren. Das mag eine Randanekdote sein, zeigt aber einmal mehr: Klünter weiß zu überraschen. Das Berufsziel Profi-Fußballer fasste der 23-Jährige erst spät ins Auge, stattdessen absolvierte er ein Praktikum in einem Sterne-Restaurant und studierte Sportwissenschaften. Profi wurde er trotzdem, wenngleich lange als Reservist. In seinem zweiten Sommer in Berlin avancierte Klünter jedoch zum großen Gewinner, inzwischen ist er bei Hertha gesetzt. Vor dem heutigen Spiel auf Schalke (15.30 Uhr) spricht er über seinen ungewöhnlichen Karriereweg und sein neues Selbstvertrauen.

Berliner Morgenpost: Herr Klünter, wie fühlt es sich an, plötzlich Herthas bester Mann zu sein?

Lukas Klünter: (grinst) So sehe ich mich nicht.

Der Noten-Schnitt spricht eine eindeutige Sprache …

Ich weiß nicht, ob man dem immer trauen kann. Aber ja, ich bin gegen die Bayern gut in die Saison gestartet und wittere dieses Jahr meine Chance. Die will ich natürlich nutzen.

Nicht alle Beobachter trauen Ihnen eine starke Rolle zu. Der gängige Vorwurf lautet: guter Athlet, weniger guter Fußballer.

Diese These möchte ich gern widerlegen, aber ich kann mich auch ganz gut selbst einschätzen. Meine Stärke ist die Schnelligkeit, darauf basiert mein Spiel. Ich weiß, dass mir das eine oder andere fehlt, weil ich einen anderen Weg gegangen bin, aber ich habe schon einiges aufgeholt. Ich arbeite zum Beispiel gezielt mit unserem Co-Trainer Mirko Dickhaut, etwa an meinen Flanken.

Haben Sie früher Ihr Tempo trainiert?

Eigentlich nicht. Irgendwann habe ich angefangen, Videos zum Schnelligkeitstraining aus dem American Football anzuschauen, aber da war ich schon bei den Profis in Köln. Damals habe ich mir ein paar Schnellkraftübungen zurechtgelegt.

Ihre Vita ist ungewöhnlich im modernen Fußball. Statt über Nachwuchsleistungszentren großer Klubs führte Ihr Weg über gefühlte Dorfvereine. Warum sind Sie so lange durchs Raster gefallen?

In meiner Wahrnehmung wurde früher noch nicht so krass gesichtet, deshalb habe ich mir nie einen Kopf darüber gemacht. Abgesehen davon habe ich es auch nicht besonders stark angestrebt, Profi zu werden. Meine Karriere hat erst mit dem Schritt nach Euskirchen Fahrt aufgenommen, da war ich schon 17. Ab dann habe ich viel dafür getan.

Wären Sie mit einer anderen Ausbildung ein anderer Spieler geworden?

Gute Frage. Vielleicht wären meine technischen Fähigkeiten etwas besser, aber grundsätzlich bin ich ja jemand, der über seine Physis kommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das unter anderen Umständen bedeutend anders gekommen wäre.

Sie haben vielleicht nicht das beste Training genossen, dafür aber gewisse Freiheiten.

Das stimmt, ich bin mit meinen Freunden auf Geburtstage oder auch mal in die Disco gegangen und musste mein Leben nicht so strikt auf den Sport ausrichten. Ob ich das auch gemacht hätte, wenn ich mich von Anfang an auf das Ziel Profifußball vorbereitet hätte? Schwer zu sagen. Ich bin jedenfalls zufrieden damit, wie es gelaufen ist. Ich konnte meine Jugend ausleben.

Kritiker bemängeln, die Rundumbetreuung in den Nachwuchsleistungszentren würde nur stromlinienförmige Charaktere hervorbringen. Ist der Weg jenseits der Elite-Schmieden vielleicht gar nicht so schlecht?

Von den Jungs, die diesen Weg gegangen sind und mit denen ich jetzt zusammenspiele, würde ich das nicht behaupten. Von mir kann ich sagen, dass ich schon relativ früh selbstständig war. Das liegt sicher an meiner Erziehung, aber vielleicht auch ein bisschen daran, dass mir nicht alles abgenommen wurde und ich mir die Dinge über Jahre hart erarbeitet habe.

Hart gearbeitet haben Sie gegen Bayerns Kingsley Coman und Robert Lewandowski. Was sagen Ihre Kumpels vom TSC Euskirchen, wenn Sie diese Stars ausschalten?

Da haben tatsächlich einige Leute gratuliert, auch einer meiner früheren Trainer. Viele von denen gehören bis heute zu meinen engsten Freunden.

Vermissen Sie Ihre Heimat manchmal?

Rheinländer sind vielleicht etwas kommunikativer und herzlicher, aber ich habe in Berlin noch keine negative Erfahrung gemacht, obwohl ich vorher schon ein bisschen Respekt hatte (lacht). Ich wohne mit meiner Freundin in Schmargendorf, dort ist es recht ruhig und grün. Klar, Familie und Freunde fehlen manchmal, aber dafür habe ich andere Dinge schätzen gelernt.

Zum Beispiel?

Dass der Fußball hier nicht so präsent ist. In meiner Heimat hat sich alles um den 1. FC Köln gedreht, jeder dort ist fußballverrückt. In Berlin ist es anonymer, das finde ich angenehm.

Sie wirken sehr bodenständig. Wie groß war der Schritt nach Berlin für Sie?

Jeder Schritt, den ich gemacht habe, war ein Wagnis. Als ich von Bonn nach Köln gegangen bin, wusste ich zum Beispiel überhaupt nicht, wo ich stehe, ob es für den Profi-Fußball reicht. Aber dieses Risiko muss man eingehen, wenn man etwas erreichen will.

Gibt es heute noch Selbstzweifel? In Ihrem ersten Berliner Jahr waren Sie Reservist …

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mir Zeit gebe. Valentino Lazaro hat vergangene Saison als Rechtsverteidiger super gespielt, und wenn die Leistung stimmt, kann man wenig dagegen sagen. Jetzt ist er bei Inter Mailand, und ich bekomme meine Chance. Dadurch bin ich sicher noch selbstbewusster geworden.

Trainer Ante Covic stellt an seine Außenverteidiger anspruchsvolle Aufgaben. Was müssen Sie anders machen als unter Pal Dardai?

Wir sind jetzt deutlich mehr ins Spiel eingebunden. Zum Beispiel möchte er, dass wir je nach Spielsituation unsere Position entsprechend verändern. Generell bekommen wir noch mehr Verantwortung.

Zu den großen Herausforderungen zählt, die richtige Balance aus Offensive und Defensive zu finden.

Das ist nicht einfach, aber das ist letztlich in jedem System so. Ich versuche erstmal, sicher zu stehen, und wenn ich das Gefühl habe, hinten ist’s dicht, schalte ich mich offensiv ein. Falls mir dann ein Fehler unterläuft, kann ich ihn durch meine Schnelligkeit vielleicht auch wieder ausbügeln.

Was müssen Sie gegen Schalke besser machen als zuletzt?

Gegen Wolfsburg sind wir insgesamt weniger gelaufen als davor gegen die Bayern, außerdem haben wir weniger Zweikämpfe geführt und weniger Sprints gemacht. Das war ein komplett anderes Spiel, aber da müssen wir wieder ein bisschen drauflegen. Schalke ist extrem zweikampf- und laufstark. Wir müssen an der ersten Halbzeit gegen den VfL anknüpfen – und die Tore machen.

Auf der rechten Seite spielt mit Dodi Lukebakio einen Ausnahmekönner vor Ihnen.

Wenn ich ihn anspiele, habe ich immer ein gutes Gefühl. Dodi ist eine Waffe – wenn er den Ball hat, kann es immer gefährlich werden. Ich bin mir sicher, dass es über die rechte Seite noch einige schöne Momente geben wird.