Bundesliga

Wolfsburg-Coach Glasner: Mit dem Kleinbus in die Bundesliga

Eine Not-OP rettete dem Coach von Herthas Gegner Wolfsburg einst das Leben. Der Österreicher reiste im VW-Bus nach Deutschland.

Oliver Glasner tritt am Sonntag mit dem VfL Wolfsburg bei Hertha BSC im Olympiastadion an.

Oliver Glasner tritt am Sonntag mit dem VfL Wolfsburg bei Hertha BSC im Olympiastadion an.

Foto: Joep Leenen / picture alliance / PRO SHOTS

Berlin. Ohne seine Gattin säße Oliver Glasner wohl nicht auf der Bank, am Sonntag gegen Hertha BSC im Olympiastadion (18 Uhr, Sky). Der neue Trainer des VfL Wolfsburg musste zu seiner Karriere sozusagen überredet werden. „Unser ältester Sohn kam in die Schule, ich hatte sieben Jahre Wirtschaft studiert und meine aktive Karriere beendet“, erinnert sich der Österreicher. „Zufällig gab‘s genau in dieser Zeit einen Trainerkurs, und meine Frau sagte: Meld’ dich da doch an, du weißt doch ohnehin nicht, was du zu Hause tun sollst.“ Der 44-Jährige lacht und sagt: „Sie trägt also eine Mitschuld, dass ich jetzt hier bin.“

Sollten die Berliner also zum Heimspielauftakt Punkte gegen die Niedersachsen lassen, sie dürften sich im Hause Glasner bedanken. Doch dort, berichtet der dreifache Familienvater, wünsche sich seine Frau mittlerweile, sie hätte ihrem Mann zum Lehramt geraten. Dann hätte die noch in Österreich lebende Familie mehr von dem Trainervater, der nun gut 700 Kilometer nördlich sein Glück sucht.

Hertha-Trainer Covic warnt vor unangenehmer Mannschaft

Mit einem VW-Bulli und den Co-Trainern im Gepäck reiste Glasner in Wolfsburg an und hat seitdem Vorgänger Bruno Labbadia in wenigen Wochen fast vergessen lassen. Den hatten sie nach der Qualifikation für den Europapokal im Stadion noch gefeiert. Trotzdem hielt Geschäftsführer Jörg Schmadtke einen Trainerwechsel im Sommer für angebracht. Und präsentierte Glasner, der den LASK Linz von der zweiten Liga in den Europapokal und zur Vizemeisterschaft geführt hatte. Man wolle eine neue Spielidee, begründete Schmadtke, zudem war die Kommunikation mit Labbadia gestört.

Beim VfL hat der neue Trainer taktisch eine 180-Grad-Drehung vollführt. Weg von Ballbesitz und Positionsspiel, hin zu hohem Pressing und Vertikalspiel. Statt im 4-3-3-System tritt die Truppe nun in einer 3-4-3-Formation deutlich offensiver an, was beim 5:3 im Pokal beim Halleschen FC mäßig und beim 2:1 zum Bundesligaauftakt gegen den 1. FC Köln schon besser klappte. „Sie sind eine unangenehm zu bespielende Mannschaft“, sagt Hertha-Trainer Ante Covic respektvoll. Dabei hat Glasner nur wenige neue Spieler eingebaut, aus Österreich brachte er zwei Mittelfeldspieler mit den klangvollen Namen Joao Victor und Xaver Schlager mit.

Auch Glasner hat den Stempel der RB-Schule

Dafür hat sich das Training in Wolfsburg gehörig verändert. Statt Dauerläufen, wie unter Labbadia, gibt es nun Lichtschranken, Zusatzaufgaben zur räumlichen Wahrnehmung, viele Spielformen und Yoga für die Spieler. Glasner ist ein Trainer, der sich seine Zeit zwischen Büro-Laptop und Platz aufteilt und über den Tellerrand hinausschaut. Keine Story-Maschine wie Labbadia, eher bodenständig, ruhig und überlegt. Typ Fußball-Philosoph, mit klaren Gedanken und weichen Zügen, der in der Kabine aber auch aufbrausend werden kann.

Geprägt ist Glasner, wie in der Bundesliga auch Adi Hütter und Marco Rose, von der RB-Salzburg-Schule. Dort hatte Glasner, nach Kaufmann-Diplom und Trainerausbildung, als Sportlicher Koordinator angefangen. „Das war nichts für mich“, sagt Glasner. „Eines Morgens ging ich mit Ralf Rangnick laufen, der damals für die RB-Klubs zuständig war. Er fragte mich, in welchem Bereich ich mich sehe. Ich sagte ihm, dass der Platz mich stärker anzieht.“ Also wurde Glasner Co-Trainer unter Roger Schmidt, übernahm dann den SV Ried und Linz als Chef, mit großem Erfolg.

Auch Schalke und Stuttgart waren am Österreicher interessiert

Obwohl als Kind die Sportschau Pflichtprogramm für ihn war, hatte Glasner aber die deutsche Bundesliga nicht auf dem Zettel. Die dafür ihn: Schalke und Stuttgart sollen ebenfalls interessiert gewesen sein. „Ich habe es einfach auf mich zukommen lassen“, sagt Glasner. Er weiß, wie schnell es im Leben gehen kann.

Als Glasner 2011 noch Verteidiger beim SV Ried war, zog er sich im Spiel gegen Rapid Wien eine leichte Gehirnerschütterung zu. Damals waren Computertomographien noch keine Standardprozedur. Vier Tage später zum Europapokalspiel bei Bröndby Kopenhagen schien Glasner wieder fit, trainierte am Spieltag Kopfbälle. Später im Hotel bekam er starke Kopfschmerzen, ein Arzt wurde gerufen, ab da weiß Glasner nichts mehr.

Kopfbälle retten dem 44-Jährigen das Leben

Nicht, dass er wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn notoperiert werden musste, nicht dass seine Frau aus der Ferne die Einwilligung geben musste. Die Kopfbälle, sagte er später, hätten ihm vermutlich das Leben gerettet. Sonst wäre die Blutung vielleicht später aufgetreten, womöglich im Schlaf. Glasner beendete daraufhin seine Karriere, die Fotos von der OP hat er bis heute auf dem Handy. Manchmal schaut er sie sich an, wenn er unzufrieden ist. Um wertzuschätzen, was für ein Glück es ist, auf der Trainerbank zu sitzen. Egal, wie das Spiel am Sonntag bei Hertha ausgeht. (Mitarbeit: Leonard Hartmann).