BUNDESLIGA

Hertha lernt auf die harte Tour

Hertha BSC bei Bayern München: Marko Grujic zahlt Lehrgeld gegen Torjäger Lewandowski. Und an sein Tor erinnert ihn ein Cut am Auge.

Herthas Marko Grujic (M.) im Duell mit Bayerns Joshua Kimmich (Nr. 32).

Herthas Marko Grujic (M.) im Duell mit Bayerns Joshua Kimmich (Nr. 32).

Foto: Foto: Ottmar Winter

Berlin. Bei Hertha BSC herrscht Festtagsstimmung, am Tag nach dem 2:2 zum Bundesliga-Auftakt bei Bayern München. „Ein Hoch auf uns!“, schallt es aus Lautsprechern über den Trainingsplatz, Hüpfburgen und Rutschen sind aufgebaut. Die Wasserfreunde Spandau, mit denen Hertha sich das Gelände im Olympiapark teilt, feiern nebenan ihr Kinder-Sommerfest.

Bei den Fußballern geht es dagegen etwas trockener zu als bei den Wasserballern. „Ich glaube, dass wir ein ordentliches Ergebnis aus München mit­gebracht haben“, sagt Trainer Ante Covic­, als er zum Auslaufen der Reservisten­ den Rasen betritt.

Trainer Ante Covic hatte beim Debüt viel Spaß

Das ist eine bemerkenswerte Untertreibung. Als erste Mannschaft seit dem Hamburger SV 2008 (damals ebenfalls 2:2) hat Hertha dem amtierenden Meister FC Bayern im Eröffnungsspiel Punkte abgenommen. Fast wäre es sogar der erste Berliner Sieg in München seit 1977 geworden, doch die 2:1-Halbzeitführung konnte Hertha nicht halten. „Wir hatten einige gute Momente im Spiel, die wir relativ­ effektiv genutzt und in Tore umgemünzt­ haben“, analysiert Covic sein Bundesliga-Debüt. „Das hat mir dann sehr viel Spaß gemacht.“

Direkt nach dem Spiel wirkte der Deutsch-Kroate emotionaler, herzte und knutschte seine Spieler ebenso wie Kumpel und Kollege Niko Kovac auf Münchner Seite. „Wenn du 0:1 beim Rekordmeister in Rückstand gerätst, setzen nicht mehr viele Menschen auf dich“, sagt Covic nach der Rückkehr nach Berlin. „Der Glaube an uns ist enorm.“

Das war so nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Traten die Münchner seit 2008 als Titelverteidiger an, gewannen sie das Auftaktmatch meist souverän, 2016 gegen Werder Bremen 6:0, 2015 gegen den HSV 5:0.

Systemänderung bei Hertha nach 20 Minuten

Dass es 2019 nicht so kam, war auch der mutigen Spielweise der Gäste zu verdanken. Teilweise störten die Berliner den Rekordmeister früh in dessen Hälfte. Dafür kamen sie nach vielen Ballverlusten nicht immer schnell genug zurück in die eigene. „Wir müssen den Ball besser in den eigenen Reihen halten“, sagt Covic.

Neu sind diese Erkenntnisse nicht. Dass Hertha in der Lage ist, hoch zu attackieren, war schon in der Vorbereitung zu beobachten. Ebenso auch, dass die Balance nicht immer stimmt. Die Frage war, ob die riskante Spielweise auch in der Bundesliga funktionieren würde. Die erste Prüfung hat das System Covic offiziell bestanden. Auch weil Hertha mit gleichem Personal flexibel reagieren kann und in München nach 20 Minuten von 3-5-2 auf 4-3-3 umstellte, um die Flügel­ doppelt zu besetzen. So drehte Hertha das Spiel zwischenzeitlich.

Dodi Lukebakio und der vergrabene Cent in München

Auch dank Dodi Lukebakio, der als zweite Spitze begann und mit einem abgefälschten Schuss den Ausgleich erzielte. „Er muss irgendwo einen Cent vergraben haben in dem Stadion“, scherzt Covic­ über seinen Stürmer, der schon für Fortuna Düsseldorf dreifach in München getroffen hatte, „ein wunderschöner Einstand für den Jungen.“

Der 20-Millionen-Euro-Transfer deutet das große Potenzial an, das die Berliner in dieser Saison haben. Wie Marko Grujic, der das 2:1 erzielte, aber danach das 2:2 verschuldete. „Den Elfmeter kann man geben“, sagt Covic. Grujic wisse­, dass er im Strafraum die Hände weglassen muss.

Marko Grujic: Ich habe einen Fehler gemacht

Grujic (23) sagte zu dieser Szene über Gegenspieler Robert Lewandowski: „Robert ist ein sehr erfahrener Spieler, und er liebt solche Situationen. Ich bin ja jünger als er. Er hat meine Unerfahrenheit in dieser Situation ausgenutzt.“ Dem Serben war klar, dass er aktiver Teil dieses Gerangels mit dem Bayern-Torjäger im Hertha-16er war: „Ich habe ihn etwas geschubst und einen Fehler gemacht. So etwas passiert während des Spiels. Aus einer ungefährlichen Szene­ haben sie so ein Tor bekommen.“

Trainer Covic ging mit der Leihgabe vom FC Liverpool, der gerade seine zweite Bundesliga-Saison beginnt, nicht zu hart ins Gericht. „Marko ist ein relativ junger Spieler, diese Erfahrung muss er machen in Wettkämpfen. Wäre Marko 28 und beginge solche Fehler, dann müsste man ihn etwas schärfer angehen. Aber in dieser Altersklasse können solche­ Fehler passieren.“

Schmerzhafter dürfte das Veilchen auf dem linken Auge sein, das Grujic sich beim Zusammenprall mit Benjamin Pavard unmittelbar vor dem 2:1 zuzog. „Marko wird die nächsten zwei Tage behandelt, das eine Auge ist so zugeschwollen, dass er nur noch auf einem Auge sieht“, berichtet der Trainer, „wir schauen­, dass wir ihn schnellstmöglich zurück auf den Platz kriegen.“

Sonntag geht es gegen den VfL Wolfsburg

Am Besten schon zum Heimspielauftakt am Sonntag in einer Woche, der echten Nagelprobe für das System Covic. Spiele bei Bayern sind eine Ausnahmesituation, der VfL Wolfsburg ist eher der Regelfall. „Der Punkt bei Bayern gibt Selbstvertrauen, aber wir wissen, dass wir unseren Fans etwas schuldig sind“, sagt Covic, „dieser Punkt kann nur Gold wert sein, wenn wir zu Hause­ wieder nachlegen.“

Dann könnte es wieder ein Fest werden­ im Olympiapark. Auch ohne Hüpfburgen und Rutschen.