Immer Hertha

In Wien wird der Hertha-Fan nicht mal verspottet

Um Salomon Kalou und Arne Maier hautnah zu erleben, trotzt der Hertha-Fan auf seinem Motorrad Wolkenbruch, Blitz und Donner.

Uwe Bre3mer hat herausgefunden, dass es auch in Wien Hertha-Fans gibt.

Uwe Bre3mer hat herausgefunden, dass es auch in Wien Hertha-Fans gibt.

Foto: Reto Klar/dpa/BM Kommentar

In Wien war es in der vergangenen Woche ähnlich heiß wie in Berlin. Andreas, von dem in dieser Kolumne die Rede sein wird, ist ein gebürtiger Oranienburger. Seit 2014 lebt er in Wien. Dass er am vergangenen­ Sonnabendmittag bei brütender Hitze mit seinem Motorrad aufgebrochen und kurz vor Mitternacht schlotternd daheim in die Badewanne gestiegen ist, um sich aufzuwärmen, liegt an Hertha BSC.

Im Blog Immerhertha hatte er gelesen, dass der Bundesligist sein Trainingslager im Burgenland bezogen hat. Stegersbach liegt 150 Kilometer südlich von Wien – prima Entfernung für eine Motorrad-Tour. Andreas wird dieses Jahr 40, die wilden Zeiten liegen hinter ihm. Aber Hertha ist er nie losgeworden.

Zweitliga-Tristesse mit Ante Covic

Wenn die Weisheit des englischen Schriftstellers Nick Hornby für jemanden erfunden wurde – nicht Du suchst dir deinen Fußballklub aus, dein Klub sucht dich aus – dann für Andreas. Sein erstes Hertha-Spiel hat er am 30. November 1996 gesehen. 8000 fröstelnde Zuschauer sahen im Olympiastadion ein schauerliches 0:1 von Hertha gegen Carl Zeiss Jena. Christian Fiedler und Falko Götz standen in der Startelf ebenso wie Michael Preetz und der heutige Hertha-Trainer Ante Covic. Die Partie war so schlecht, dass sie bis heute als Synonym gilt für die Zweitliga-Tristesse von Hertha in den 1990igern. „Ich kann das nicht erklären“, sagt Andreas, „aber seitdem bin ich dabei.“

Am Sonnabendmorgen hatte er beim Blick ins Internet den Kopf geschüttelt: Gareth Bale soll in China bei FC Jiangsu Suning eine Millionen Euro verdienen – pro Woche. Macht bei einem Drei-Jahres-Vertrag 150 Millionen Euro Gehalt – verrückt. Auch wenn der Deal wohl nicht zustande kommt: Das ist nicht der Fußball, der Andreas interessiert. Er setzte sich auf seine Suzuki 650 Bandits und rollte Richtung Süden.

Als Hertha 1997 in die Bundesliga aufstieg, hat er sich eine Dauerkarte gekauft, Ostkurve. Andreas erinnert sich: „Heimspiele und Auswärtsfahrten, das volle Programm, was man so mit Anfang 20 macht.“ Seit 2003 ist er Hertha-Mitglied. Ihn beeindrucken weniger die Paradiesvögel, sondern die Spieler, die arbeiten, damit andere besser­ aussehen konnten: Kjetil Rekdal fand er gut. Pal Dardai. Und Fabian Lustenberger­.

Selfie mit Per Skjelbred

Die Entfernung zwischen Berlin und Wien hat sein Verhältnis zu Hertha geändert. Er arbeitet als Software-Entwickler. Mit seiner Leidenschaft aber ist er allein. Als Hertha-Fan wird man in Österreich im Büro nicht mal verspottet. Um auf dem Laufenden zu sein, durchstöbert er im Netz Zeitungen und Blogs aus Berlin. Was geblieben ist: „Die schwitzigen Händen, wenn am Sonnabend Bundesliga gespielt wird.“ Die legalen und illegalen Livestreams – er kennt sie alle.

Beim Training in Stegersbach freute er sich, den Hertha-Jahrgang 2020 hautnah zu erleben. Er staunte am Spielfeldrand, wie energisch Ante Covic, der Jungspund von 1996, heute als Chef taktische Anweisungen gibt. Damals, in seiner Zeit als Auswärtsfahrer, hat er bei Spielern nicht um Autogramme angestanden. „Das wäre mir zu Groupie-mäßig vor­gekommen.“ Das hat sich geändert. Als das Training zu Ende ist, wünschte er den Spielern, die in ihren Badelatschen zum Mannschaftsbus gingen, „viel Glück für eine gute Saison“. Seine aktuellen Lieblingsspieler bat Andreas um Selfies: Per Skjelbred und Salomon Kalou.

Lange Unterhosen im Juli

Danach stand er mit dem Morgenpost-Reporter auf dem menschenleeren Parkplatz, wir besprachen die Hertha-Welt. Längst hatte sich die drückende Schwüle gewandelt, die Temperaturen waren abgestürzt. Es blitzte, donnerte und schüttete. Motorradfahrer, der er ist, wechselte Andreas die Jeans gegen eine lange Unterhose und eine Motorradkombi. „Hin bin ich über die Landstraße gefahren. Zurück nehme ich die Autobahn.“

Am Abend erreichte den Autor der Kolumne eine Mail aus Wien: „Bin gut heimgekommen. Und als erstes zum Aufwärmen in die Badewanne.“ Wie war die Fahrt? „Anstrengend. Aber ich hatte die ganze Zeit ein Grinsen im Gesicht.“