Immer Hertha

Der Fan als hilfloser Romantiker

Neymar und Griezmann: Die Stars der Branche scheren sich wenig um Anstand. Doch auf dem Trainingsplatz von Hertha glimmen einige Funken

Im Herbst 2016 spielten sie gegeneinander, Antoine Griezmann (l.) für Atletico Madrid, und Neymar (M.) für Barcelona. Ob sie ab diesem Sommer gemeinsam das Barca-Trikot tragen, ist noch offen

Im Herbst 2016 spielten sie gegeneinander, Antoine Griezmann (l.) für Atletico Madrid, und Neymar (M.) für Barcelona. Ob sie ab diesem Sommer gemeinsam das Barca-Trikot tragen, ist noch offen

Foto: imago sportfotodienst / imago/Xinhua

Eine Legende wolle er bei Atlético Madrid werden. Deshalb habe er dem FC Barcelona abgesagt. So hat es Antoine Griezmann den Fans in der spanischen Hauptstadt im vergangenen Sommer erzählt. In diesem Sommer erzählt Griezmann den Fans vom FC Barcelona, sein Vater habe ihm gesagt: Ein Zug fahre immer mehrmals auf dem Bahnsteig vorbei. In diesem Jahr sei er nun in den Zug Richtung Barcelona eingestiegen. Neymar, der dem Vernehmen nach 35 Millionen Euro im Jahr bei Paris St. Germain verdient und trotz laufenden Vertrages zurück nach Barcelona will, sagt: Sein schönstes sportliches Erlebnis sei das 6:1 gewesen – mit Barcelona gegen Paris. Laurent Koscelny ist Kapitän des FC Arsenal, verweigert aber die Teilnahme an der US-Reise der Londoner. Koscelny will, dass Arsenal ihm sein letztes Vertragsjahr erlässt und er stattdessen in seine Heimat Frankreich wechseln kann.

Drei aktuelle Beispiele aus der Unterhaltungsindustrie Profifußball. Verträge, Millionen-Gehälter – wenn die Herren Superstars es sich anders überlegen, ist das nur noch lästige Beiwerk. Gegenbeispiele waren gerade bei Hertha BSC zu beobachten. Fabian Lustenberger war überrascht, wieviel Zuneigung die Fans nach zwölf Jahren beim Hauptstadt-Klub dem Schweizer beim Abschied entgegengebrachten. Und natürlich schaute Marius Gersbeck, Torwart beim Zweitligisten Karlsruher SC am vergangenen Sonntag nach einem Testspiel im Wildparkstadion auch bei den mitgereisten Hertha-Fans vorbei, um sich für die Unterstützung zu bedanken.

Gersbeck, der Junge aus der Ostkurve

Weder Lustenberger noch Gersbeck sind Stars der Hochglanzsport Fußball. Lustenberger hat sich als Mr. Zuverlässig mit Fleiß und Professionalität den Respekt über die Jahre erarbeitet. Zwölf Jahre bei einem Verein – das gibt’s eigentlich nicht mehr. Gersbeck, von Verletzungen zurückgeworfen, nimmt in Karlsruhe einen neuen Anlauf, um sich im Profigeschäft zu behaupten. Aber für die Fans ist er einer von ihnen. Der Junge aus der Ostkurve, der es als Torwart geschafft hat. Und nun liebevoll begleitet wird, auch wenn er sein Glück außerhalb von Berlin versucht. Ob TV-Zuschauer, Stadiongänger oder Auswärtsfahrer – wir wissen um die Umstände.

Dass der Wappenküsser von gestern schon morgen zum nächsten Werksklub wechseln kann, wenn dort mehr zu verdienen ist. Und dennoch gibt es im Fußball diese Sehnsucht nach der perfekten Beziehung. Die Sehnsucht nach einem, der sich dem eigenen Klub mit Haut und Haaren verschreibt.

Kovac verabschiedete sich mit Tränen in den Augen

Dabei erleben selbst ehemalige Herthaner, die es ganz nach oben geschafft haben, wie irrational das Geschäft geworden ist. Es ist 23 Jahre her, da verabschiedete sich in der Kabine im Olympiastadion ein junger Mittelfeldspieler mit Tränen in den Augen von den Mitspielern. „Macht’s gut Männer“, sagte Niko Kovac. Es war der Sommer 1996. Die 1,1 Millionen Mark, die Hertha von Bayer Leverkusen erhielt, braucht der damalige Zweitligist dringend.

Heute ist Niko Kovac Trainer des FC Bayern, höher hinaus geht‘s im deutschen Fußball nicht. Kovac hat gerade Lucas Hernandez bekommen – für 80 Millionen Euro. In der Bundesliga eine Rekordsumme – international ist man jedoch wenig beeindruckt: Hernandez gehört nicht mal zu den 15 teuersten Profis. Nur bei den Ansprüchen sind sie in München weiter ganz oben dabei: Klubchef Karlheinz Rummenigge hat es Kovac gerade wieder gesagt: Der Gewinn der Bundesliga sei wichtig. Aber am wertvollsten ist der Sieg in der Champions League.

Hertha-Oase am Schenckendorff-Platz

Das alles wissen wir: Dass das Leben eben nicht perfekt ist. Je höher die Erwartungen, desto größer die Enttäuschungen. Und doch bleiben die Romantiker. Einige davon tummeln sich im Blog Immerhertha. Als ein Nutzer schrieb, er schaue sich das Nachmittagstraining der Profis auf dem Schenckendorff-Platz an, folgte prompt die Antwort: Bitte die Jungen beobachten, die Eigengewächse von Hertha BSC - und ganz genau beschreiben.

Merke: Viele Fußballfans sind und bleiben hilflose Romantiker - alleine, um im eiskalten Mega-­Millionen-Business nicht zu erfrieren.