Immer Hertha

Hertha-Fans beweisen Stehvermögen und träumen vom Titel

Im Trainingslager in Neuruppin zeigt sich einmal mehr: Hertha ist kein Klub der Massen, sondern für Fans mit Stehvermögen.

Foto: dpa / Montage: BM

Der Empfang fiel etwas missmutig aus. „N’Abend“, brummelte uns der Kellner entgegen, dabei versprachen wir doch ein passables Geschäft. Zwei ausgehungerte Reporter auf der Suche nach einem guten Abendessen, welcher Gastronom würde da Nein sagen? Merkwürdig.

Abschrecken ließen wir uns davon nicht, aber dass wir uns in den folgenden 60 Minuten an einer Charme-Offensive abarbeiteten, sollte sich als brotlose Kunst erweisen. Von der Getränkebestellung bis zum Dessert – die Miene des Garçons blieb ungerührt. Selbst das ordentliche Trinkgeld zeigte keinerlei Wirkung, bis wir schließlich das Zauberwort fanden: Hertha BSC.

Wie auf Knopfdruck verwandelte sich der einsilbige Griesgram in eine kontaktfreudige Plaudertasche: „Ach, Hertha? Das war schon immer mein Verein! Richtig stark, dass die jetzt hier sind. Gehen Sie auch zum Spiel?“ Ehe wir uns versahen, befanden wir uns mitten in einem lebendigen Dialog. Faszination Fußball.

Ereignet hat sich diese kuriose Szene in Neuruppin. Dort hatte Hertha in den vergangenen zehn Tagen sein Trainingscamp aufgeschlagen, und wir als Vereinsreporter waren natürlich dabei.

Hertha-Fans in Neuruppin? Davon ist nicht viel zu spüren

Sie müssen wissen: Neuruppin ist seit Jahren eine sogenannte Partnerstadt von Hertha BSC, allerdings ist davon nicht allzu viel zu spüren. Bei den Trainingseinheiten der Berliner zählte ich rund 30 Zuschauer auf der Tribüne, was mich ähnlich stutzig zurückließ wie die eingangs erwähnte Begrüßung des Kellners. Müssten so nah an der Hauptstadt nicht viel mehr Hertha-Fans zu finden sein? Zumal Neuruppin nicht gerade im Verdacht steht, ein Union-Mekka zu sein.

Wie es um die Fußball-Vorlieben in der Fontane-Stadt bestellt ist, erklärte mir ein paar Tage später Marcel, und zwar im Brustton der Empörung. „Ich versteh’s einfach nicht“, sagte der Neuruppiner, „hier ist alles voll mit Bayern- und Dortmund-Fans.“ Er selbst könne den beiden Großklubs nichts abgewinnen, viel zu weit weg, viel zu anonym. O-Ton: „Da werde ich lieber Zwölfter, aber weiß, dass mein Klub in der Nähe ist.“

Einen leidenschaftlichen Fan gibt es dann doch

Marcel meinte es ernst. Zum Beweis seiner Fan-Leidenschaft zückte er erst sein Portemonnaie und dann sein Handy, beides versehen mit Hertha-Logos, genau wie seine Jogginghose. „Hertha“, sagte er, „ist alles für mich – ich bin seit 20 Jahren Fan, also seitdem ich sieben bin.“ Mit blau-weißem Funkeln in den Augen galoppierte er im Schnelldurchlauf durch seine schönsten Hertha-Momente. Zwei Ligapokal-Siege, Champions-League-Teilnahme, große Bühne, schillernde Spieler à la Marcelinho – „Mann, war das geil!“ Dass seine persönliche Top-Elf (Kiraly – Friedrich, Simunic, Rehmer, Fathi – Kovac, Dardai – Deisler, Bastürk, Marcelinho – Preetz, Pantelic) im Eifer des Gefechts aus zwölf Spielern bestand – geschenkt.

Hoffen auf die Meisterschaft

Ob er denn nicht guter Dinge sei, dass es mit Hertha nun rasant bergauf geht, fragte ich ihn. Neuer Trainer, neuer Investor, das könne doch Mut machen. Marcel wurde still. Erstens sei Ante Covic nicht Pal Dardai („Der war Hertha pur!“) und der Investor ein Thema für sich. „Man muss diesen Weg wohl gehen“, gab er zähneknirschend zu, „aber ein Beigeschmack bleibt.“ Die Berliner Fans sind nun mal leiderprobt, dachte ich mir, für sie gehört die Skepsis zu Hertha wie die Bratwurst zum Stadionbesuch.

An Marcels großem Traum ändert das nichts. „Irgendwann will ich deutscher Meister werden“, sagte er, dabei weiß er eigentlich viel zu gut, dass dieses Ziel nicht mehr erreichbar ist. Den Titel werden in Neuruppin nur die Bayern- oder BVB-Fans feiern, schließlich sind „ihre“ Klubs der Liga-Konkurrenz finanziell um Lichtjahre enteilt.

Sei’s drum: Der unerschütterliche Optimismus zählt nach wie vor zum Schönsten, was der Fußball zu bieten hat. Marcel ist mit seiner Hoffnung ja nicht allein. Zum ersten Heimspiel der Saison werden Tausende ins Olympiastadion pilgern, ihrem Team einen grandiosen Empfang bereiten. Der wird sicher alles sein, nur nicht missmutig.