Bundesliga

Hertha BSC: Trainer Ante Covic kann auch laut

Hertha BSC: Trainer Covic arbeitet im Trainingslager in Neuruppin mit einer Mischung aus Lockerheit und Härte

Nein, er ist nicht immer Everybody’s Darling: Hertha-Trainer Ante Covic verfügt über reichlich Temperament.

Nein, er ist nicht immer Everybody’s Darling: Hertha-Trainer Ante Covic verfügt über reichlich Temperament.

Foto: Foto: Kern / Bongarts/Getty

Neuruppin/Berlin. Der Ausbruch hatte es in sich. „Warum ist hier keiner?“, schrie Ante Covic über den Platz, „da sind vier Meter Platz! Das müsst ihr mir erklären!!!“ Das Training hatte der Hertha-Coach da längst unterbrochen, inzwischen jagte eine zornige Geste die nächste. Mit verärgertem Blick schaute er in die Runde seiner Spieler, die im Pressingverhalten zu schludrig agiert hatten. Okay, schienen sich jene zu denken­, der kann also auch anders.

Wenig später zeigte Covic (43), sonst eher Typ Sonnyboy, wieder sein anderes, sein lächelndes Gesicht. „Wenn man das Gefühl bekommt, dass die Jungs schwer aus den Puschen kommen, muss man sich halt bemerkbar machen“, sagte er, „denn es gibt nichts Schlimmeres, als auf dem Trainingsplatz Zeit zu verschwenden­.­“

Mehr Mut, mehr Risiko: Herthas Spiel soll sich ändern

Wie sehr der neue Coach aufs Tempo drückt, war im Trainingslager in Neuruppin unübersehbar. Dass die Berliner dort Kondition bolzen würden, war klar. Darüber hinaus setzte Covic jedoch einen überraschend starken Fokus auf fußballerische Inhalte. Die Idee dahinter: Der Kroate will seinem Team so früh wie möglich seine Spielidee einimpfen, sei es mit Videos am Abend, Trockendurchläufen am nächsten Morgen oder vorbereitenden Übungsformen am Nachmittag.

Wie sich Herthas Spiel verändern soll? Das ist bereits klar zu erkennen. Covic setzt auf Aktion statt Reaktion, will Ballbesitz und schnelles Kombinationsspiel akzentuieren und verstärkt durchs Zentrum spielen lassen, um weniger aus­rechenbar zu sein. Ein Trumpf soll dabei die taktische Flexibilität sein. Beim 4:1 im Test gegen Drittligist Eintracht Braunschweig erprobte Covic am vergangenen Sonntag bereits drei verschiedene Systeme, neben einem 3-5-2 auch ein 3-4-2-1 und ein 4-3-3.

„Ein Freundschaftsspiel mit so einem Ergebnis stärkt einen natürlich in dem, was man macht“, sagte der Kroate.

Dass bei Hertha ein frischer Wind weht, zeigt sich in der täglichen Arbeit auf dem Trainingsplatz, wo Covic jenen Elan vorlebt, den er auch von seinen Spielern einfordert.

Schlendrian mag Covic gar nicht

Den stillen Beobachter gibt der Ex-Profi so gut wie nie. Er schaltet sich ständig ein, motiviert, lobt und schärft die Sinne für Details, etwa in puncto Stellungsspiel. Im Vergleich zu seinem Vorgänger Pal Dardai agiert Covic deutlich aktiver, was allerdings nicht verwunderlich ist. Während der eine gerade seinen ersten Job als Profi-Trainer übernommen hat, war der andere viereinhalb Jahre im Amt.

Bei den Profis kommt Covics kommunikative Art gut an, weil er nicht nur in der Gruppe viel erklärt, sondern auch etliche Einzelgespräche führt. Ein aufmunternder Klaps hier, eine kurze Nachfrage dort, Covic hat seine Augen und Ohren überall, strahlt Lockerheit und Optimismus aus. Es sei denn, ihn beschleicht das Schlendriangefühl, dann kann er explodieren. „Ihr müsst die Situation erkennen!“, zürnte er vergangenen Freitag: „Steht der Gegner schmal, müssen wir auf den Flügel spielen! Steht der Gegner breit, spielen wir durch die Mitte­! Ihr müsst trotz des Chaos Ruhe bewahren!!!“ Eine heftige Eruption, doch insgesamt findet Covic bei seinen Ansprachen­ eine gute Balance.

Maier, Mittelstädt und Löwen stoßen zum Team

Vieles sei Kopfsache, sagt Covic, die Spieler sollen seinen Ansatz nicht nur verstehen, sondern verinnerlichen. Dass er dafür hin und wieder laut werden muss, nimmt er in Kauf. „Ich bin ein emotionaler Mensch, meine Stimme ist daran gewöhnt, dass sie gebraucht wird“, sagt er. An Schonung verschwendet er keinen Gedanken, schon gar nicht jetzt am Anfang, wenn die Weichen für die kommende Spielzeit gestellt werden.

Leichter wird sein Job bis zum Pflichtspielstart (am 11. August im DFB-Pokal gegen Regionalligist VfB Eichstätt) allerdings nicht. Mit Arne Maier, Maximilian Mittelstädt und Zugang Eduard Löwen stoßen diese Woche drei U21-Nationalspieler zum Kader. Darüber hinaus fahndet Manager Michael Preetz nach weiteren Verstärkungen. Im Trainingslager in Stegersbach (24. Juli bis 1. August) wird Covic das Bild vom Team schärfen müssen, nicht nur in der Systemfrage, auch beim Personal. „Noch musste ich niemandem weh tun“, sagte er, „aber am Ende können nur elf Jungs spielen.“

Covic setzt sich für die Derbys unter Druck

Fest steht schon jetzt: Covic wird Risiken eingehen, allein schon wegen der offensiven Grundausrichtung. „Unser Spielstil ist darauf ausgerichtet, möglichst viele Chancen in der Offensive zu kreieren“, erklärte Preetz, betonte aber auch: „Am Ende geht’s immer darum, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner.“ Attraktivität allein bringt keine Punkte.

Natürlich ist sich auch Covic dieser Tatsache bewusst, besonders großen Druck scheint er deshalb nicht zu empfinden. Mit Blick auf die Derbys gegen den 1. FC Union befeuerte er die Erwartungshaltung sogar noch: „Gegen Union zweimal zu gewinnen, ist eine Verpflichtung­ für uns.“