Fussball

Boyata sorgt für neuen Rhythmus in Herthas Abwehr

Der Belgier Dedryck Boyata soll den Berlinern mit seiner Erfahrung mehr Stabilität geben. In Berlin trifft er einen alten Bekannten.

Dedryck Boyata (28) kann bereits 224 Profi-Einsätze auf Klub-Ebene und 16 Länderspiele für Belgien vorweisen.

Dedryck Boyata (28) kann bereits 224 Profi-Einsätze auf Klub-Ebene und 16 Länderspiele für Belgien vorweisen.

Foto: Soeren Stache / dpa

Neuruppin. Noch steht er nur am Rand. Wenn es in Herthas Trainingslager in Neuruppin ans Fußballspielen geht, darf Zugang Dedryck Boyata (28) bestenfalls zuschauen. Der Abwehrspieler leidet noch unter den Folgen einer Muskelverletzung und arbeitet deshalb allein mit Fitness-Coach Hendrik Vieth. Ante Covic ahnt, wie es in dem Belgier aussieht. „Im Moment“, sagt Herthas neuer Chefcoach, „blutet sein Herz.“

Seine neuen Kollegen sind bemüht, Boyatas Laune schnell aufzubessern. Nach dem Mittagessen am Donnerstag setzten sich Kapitän Vedad Ibisevic, Salomon Kalou und ein paar andere Berliner Profis mit ihm zusammen, tranken Kaffee und unterhielten sich, um den Nationalspieler besser kennenzulernen. Als jener wenig später seine erste Medienrunde auf der Terrasse des Teamhotels absolvierte, rief Spaßvogel Kalou im Vorbeigehen schon die ersten scherzhaften Sprüche herüber.

Rekik ist ein alter Bekannter aus der Zeit in Manchester

„Es ist immer eine Herausforderung, in ein neues Team zu finden“, sagt Boyata, „aber die Jungs machen es mir leicht. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein.“ Mit Karim Rekik hat er beim Hauptstadtklub einen alten Bekannten getroffen, beide kennen sich aus gemeinsamen Tagen im Nachwuchs von Manchester City. Da es im Profi-Fußball aber um mehr als Freundschaft geht, werden beide künftig auch Konkurrenten sein.

Mit Rekik, Niklas Stark und Jordan Torunarigha verfügt Hertha im Abwehrzentrum über überdurchschnittliches Personal. Klar ist aber auch: Boyata hat seine Champions-League-Perspektive bei seinem bisherigen Klub Celtic Glasgow nicht aufgegeben, um künftig Reservist zu sein. Aggressive Kampfansagen kommen ihm trotzdem nicht über die Lippen. „Wenn man neu in eine Mannschaft kommt, stellt man keine großen Ansprüche“, sagt er, „man respektiert seine Kollegen. Wir haben sehr gute Spieler, und jeder wird seine Chance bekommen.“

Trainer Covic traut Boyata viel zu. „Er ist ein erfahrener Profi, der schon viel gesehen hat“, meint der 43-Jährige, der „nach einer so langen Verletzung wie bei Dedryck lieber einen Tag mehr Geduld“ haben will. Die Ärzte bewerten den Heilungsverlauf täglich neu, eine Prognose, wann Boyata ins Teamtraining einsteigen wird, mag momentan aber niemand abgeben.

Erfahrener Ersatz für Lustenberger

Deutlich mehr Klarheit besteht im Hinblick auf die Qualitäten des 1,88-Meter-Mannes. Boyata ist ein vielseitiger Verteidiger und fühlt sich in einer Viererkette genauso wohl wie in einer Dreierkette, in der der Rechtsfuß alle drei Positionen bekleiden kann. Hinzu kommen eine ordentliche Schnelligkeit und nicht zuletzt seine Kopfballstärke, mit der ihm bei Celtic in 86 Spielen elf Tore gelangen. Eigenschaften, die das Interesse von Hertha-Manager Michael Preetz schon 2018 weckten. Als Dedryck Boyata in diesem Jahr ablösefrei zu haben war, schlug der Manager zu und verpflichtete somit einen erfahrenen Ersatz für den abgewanderten Fabian Lustenberger.

Tatsächlich ist Boyata schon viel herumgekommen in seiner Karriere, wenn auch nicht ganz freiwillig. Aufgewachsen in einem Brüsseler Vorort, wechselte er schon als 16-Jähriger in den Nachwuchs von Manchester City, wo er zwar zum Profi reifte, sich inmitten der zugekauften Stars aber nicht behaupten konnte.

Es folgten Leih-Stationen bei Twente Enschede und den Bolton Wanderers, doch prägender blieb die Zeit bei den „Citizens“. Warum, erklärt er so: „Ich habe mit Vincent Kompany, Joleon Lescott oder Kolo Touré zusammengespielt, von ihnen habe ich mir viel abschauen können.“

Mit Belgien war Boyata bei der WM in Russland dabei

Vor dem Abschauen kommt jedoch bekanntermaßen das Anschauen, und das gilt in Boyatas Fall auch für die Bundesliga, die er heute zu „den besten drei Ligen der Welt“ zählt.

Als Kind verfolgte er von Belgien aus das sportliche Geschehen im Nachbarland und wurde Fan des früheren Bayern-Verteidigers Lucio, dabei wollte er eigentlich Tore schießen. „Ich war offensiver Mittelfeldspieler und habe Thierry Henry bewundert“, sagt er, „aber mit den Jahren bin ich immer weiter nach hinten gerückt.“ In den Vordergrund hat er sich trotzdem gespielt. Mit Celtic gewann er vier Meisterschaften, für Belgien lief der 16-malige Nationalspieler sogar bei der WM 2018 in Russland in der Vorrunde auf.

Nun also Hertha BSC, nun also Berlin. Mit seiner Frau Manon, die er vor zwei Jahren geheiratet hat, wird er nach dem Trainingslager eine neue Wohnung beziehen, dann allerdings ohne sein Schlagzeug. „Ich habe es versucht, aber dieses Hobby habe ich schnell wieder aufgegeben“, erzählt Boyata. Rhythmus will er anderweitig aufnehmen. Als Abwehrspieler bei Hertha. Je schneller, desto besser.