Kolumne Immer Hertha

Eins zu null für die Hoffnung

Während der Sommerpause dürfen Fußballfans unbeschwert von einer erfolgreichen Zukunft träumen. Die Frage ist nur, wie lange.

Schürt Vorfreude: Das Hauptstadt-Derby, in dem Herthas Niklas Stark (r.) aller Voraussicht nach auf den Neu-Unioner Anthony Ujah (l.) treffen wird.

Schürt Vorfreude: Das Hauptstadt-Derby, in dem Herthas Niklas Stark (r.) aller Voraussicht nach auf den Neu-Unioner Anthony Ujah (l.) treffen wird.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Man muss sich die Fans von Hertha BSC als glückliche Menschen vorstellen. Zumindest im Moment. Das liegt einerseits an dem Umstand, dass die alte Saison inzwischen weit genug in die Ferne gerückt ist, um jeglichen Frust verblassen zu lassen, die sportliche Enttäuschung ist der geistig-seelischen Erholung gewichen.

Auf der anderen Seite ist die neue Spielzeit erst am Horizont hinterm Olympiastadion zu erahnen. Und wie das mit Blicken­ Richtung Horizont funktioniert, wissen Sie selbst, sie laden zum Träumen ein. Herrlich also, so eine Sommerpause, unbeschwert, ohne fußballgetriebene Terminhatz, dafür mit reichlich Raum für Fantasie.

Und es stimmt ja auch, die Schönheit der Chance ist im Sport unvergänglich, warum also nicht daran glauben, dass auch Hertha mal eine Saison erwischt, in der Unmögliches möglich wird? Wenn Leicester City den milliardenschweren Premier-League-Granden den Titel wegschnappen kann (2016), Kroatien ins WM-Finale einzieht (2018) und Eintracht Frankfurt halb Europa erobert (2019), wird man in Berlin ja wohl wenigstens etwas­ Herumspinnen dürfen.

Tore first, Bedenken second!

Stellen Sie sich also vor, wie Herthas neuer Chef-Coach Ante Covic seinem Team frischen Elan einhaucht, neuen Spielwitz auch, wie er seine Spieler stark redet und ihnen Mut zur Offensive einimpft. Vorbei die bleiernen Zeiten biederen Sicherheitsfußballs, künftig geht im Olympiastadion regelmäßig die Post ab – Tore first, Bedenken second! Ja, der Schock über die Beförderung des bisherigen U23-Trainers („Nicht deren Ernst!!!“) hat sich mittlerweile in optimistisches Zutrauen verwandelt („Wäre ja nicht der erste aus dem Nachwuchs, der überrascht ...“).

Und dann ist da ja noch der Transfermarkt, auf dem es bis zum 2. September sicher hoch hergehen wird. Mit Geschick und etwas Glück wird Hertha-Manager Michael Preetz die besten Profis in Berlin halten. Abwehrchef Niklas Stark zum Beispiel, der bald darauf sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft gibt. Stürmer Davie Selke, der dieses Jahr ganz bestimmt verletzungsfrei durch die Vorbereitung kommt und danach 15 Tore plus x schießt.

Auch das Derby schürt Zuversicht

Und selbst wenn der Manager mal ein Tauziehen verliert, so wie es derzeit bei Valentino Lazaro den Anschein macht, wird er zumindest rekordverdächtige Transfereinnahmen verbuchen und mit dem frischen Geld gleich den nächsten guten Griff tätigen. Sie müssen nur fest genug daran glauben.

So ließe sich die Zuversicht fast endlos weiterspinnen. Arne Maier entfaltet endlich seine Offensivqualitäten, Marvin Plattenhardt findet zurück zu alter Form und Jordan Torunarigha bleibt ausnahmsweise mal gesund, schon klettert Hertha in der Tabelle nach oben.

Klappt das nicht, bleiben immer noch zwei gute Gelegenheiten, um die Saison zu einer unvergesslichen zu machen: die Derbys gegen den 1. FC Union, wenngleich sie beim Liga-Neuling in diesen Tagen genauso fantasieren. Darüber, wie sie dem Establishment trotzen und am Ende den Klassenerhalt feiern, mit einem ähnlich rauschenden Fest wie nach dem Aufstieg.

Folgt Freitag den ersten Dämpfer?

Aber egal ob das Fan-Herz in Köpenick­ oder Westend schlägt, vor dem geistigen Auge zeichnen sich bereits epische Hauptstadt-Schlachten ab. Dass daraus in der Realität ein 90-minütiger Abnutzungskampf ohne Sieger werden kann, darf man getrost ausblenden, denn: So lange Sommerpause ist, steht es eins zu null für die Hoffnung.

An diesem Freitag könnte es allerdings einen ersten kleinen Dämpfer geben. Dann wird der Spielplan bekannt gegeben. Erwischt Hertha in den ersten drei Partien gleich richtig starke Gegner, dürften die Pessimisten unter den Anhängern schon mal vorsorglich Anti­depressiva ordern, wie schnell Träume zerplatzen können, ist schließlich hinlänglich bekannt.

Doch selbst dann würde es ja weitergehen, weiter, immer weiter, so wie beim alten Sisyphos. Auch den soll man sich ja als einen glücklichen Menschen vorstellen. Hat zumindest Schriftsteller und Philosoph Albert Camus­ behauptet. Der war bekanntlich Fußballfan­.