Immer Hertha

Tante Hertha zu Besuch bei Uncle Sam

Hertha wird in den USA nicht mit dem rotem Teppich empfangen, lässt sich davon aber nicht abschrecken. Das ist gut so, sagt Jörn Lange.

Jörn lange berichtet aus den USA

Jörn lange berichtet aus den USA

Foto: pa/Reto Klar

Wie groß die Herausforderung für Hertha wird, war schon im Flieger zu erkennen. An Bord der Maschine Richtung Minneapolis sah ich zwei Plätze hinter mir einen Mann mit einer Mütze von Real Madrid, eine Reihe weiter scherzten zwei Teenager in Pullis des Football-Teams Minnesota Vikings. Ein ähnliches Bild in der Mediathek auf dem Bildschirm vor meiner Nase: Dokus über die Fußball-Weltmarken Barcelona und Bayern München, aber auch ein Film über Borussia Mönchengladbach, dem Titel nach „mehr als nur ein Bundesligaklub“. Von Hertha keine Spur. Wenig verwunderlich, schließlich fliegen die Berliner selbst in der nationalen Wahrnehmung unter dem Radar, warum sollte das in internationalen Sphären anders sein?

Um diesen Umstand zumindest ein bisschen zu ändern, ist der Hauptstadtklub in dieser Woche zu einer zehntägigen Werbetour in die USA aufgebrochen. Das erscheint nicht unpassend für das Unterfangen, dort sollen die Möglichkeiten ja bekanntlich unbegrenzt sein. Der Landeanflug auf Minneapolis ließ allerdings vermuten, dass die Begeisterung für „Soccer“ durchaus limitiert ist. Baseballfeld neben Baseballfeld. Einen Fußballplatz suchte ich vergeblich.

Fußball, so heißt es schon seit Jahren, sei in den USA schwer im Kommen. Das mag zwar stimmen, doch die Macht der amerikanischen Sportarten ist nach wie vor gewaltig. Der Officer, der mich bei der Einreise fragte, was ich denn hier wolle, rümpfte skeptisch die Nase. „Soccer? Kann ich nix mit anfangen. American Football, Baseball, Eishockey und Basketball, danach kommt lange nichts.“ Der Blick in die lokalen Zeitungen stützte die These des Ordnungshüters. Dort fand ich dieser Tage vor allem Baseball und die weibliche Variante Softball. Hertha hingegen taucht nur als Fußnote auf. Minnesota Uniteds Freundschaftsspiel gegen die Berliner sei eine prima Gelegenheit, um den Reservisten des MLS-Teams ein wenig Spielpraxis zu gönnen. Nun ja.

Ehe Sie mich falsch verstehen: Ich will Tante Herthas Besuch bei Uncle Sam keineswegs als aussichtslose Schnapsidee brandmarken. Dass die Berliner in den USA nicht mit rotem Teppich empfangen werden, war genauso klar wie die Tatsache, dass die Konkurrenz im Werben um Aufmerksamkeit gewaltig ist. Aber: Hertha bewegt sich immerhin, zeigt Präsenz und ist aktiv, etwa beim Besuch in einer deutschen Schule. Ein Engagement, das auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) erfreuen wird.

Auslandsvermarktung heißt das Zauberwort, das den Bundesliga-Machern ein Funkeln in die Augen treibt. Vor allem in Asien und Amerika wurde großes Wachstumspotenzial ausgemacht, also sammeln die Klubs seit Jahren kräftig Flugmeilen. Der FC Bayern präsentiert sich schon seit 2012 jährlich im Ausland, das zweite Flaggschiff Borussia Dortmund steht dem kaum in etwas nach. Daneben gingen aber auch Teams mit weit geringerer Strahlkraft auf Promo-Tour. Welche Assoziationen Wolfsburg oder Mainz im Ausland wecken? Das überlasse ich Ihrer Fantasie. Da zieht Hertha BERLIN schon mehr.

Der deutsche Fußball ist gut beraten, das Feld in der Fremde nicht kampflos an die Konkurrenz aus England oder Spanien abzutreten. Und Hertha nutzt die Gelegenheit geschickt. Während andere Klubs ihre Saisonvorbereitung mit stressigen Trainingslagern im chinesischen Smog torpedieren, veranstalten die Berliner eine entspannte Saisonabschlussfahrt. Rechnen wird sich der Trip ohnehin, das sichern Antrittsgelder und die Bezuschussung der DFL.

Ob das alles sein muss, kann man natürlich trotzdem hinterfragen, immerhin nehmen die Pläne einer europäischen Superliga immer mehr Form an. Sollte es zum Bündnis der Mächte aus Manchester, Madrid und Co. kommen, hat sich das Thema Auslandsvermarktung für Klubs wie Hertha wohl eh erledigt. Noch aber ist all das Zukunftsmusik, die spätestens zum Start der neuen Saison wieder leiser gedreht wird. Dann muss auch Hertha wieder ganz andere, rein sportliche Herausforderungen meistern. Klein werden auch die nicht.